Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 31. (3.8.1894)
- Date
- 1894-08-03
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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123 Zur wissenschaftlichen Bedeutung der ״Neginoth‘־. 1. Neginoth, vulgo »Trope: genannt, sind über oder unter dem gedruckten hebräischen Text des alten Testamentes stehende Zeichen, die nach der herrschenden Auffassung dazu da sind, um den gesanglichen Vortrag zu unterstützen, wie das Punktationssystem den weniger Geübten im textlichen Vortrag stützen soll. In den Thorarollen resp. in den Haftarah- und Megillali-Rollen fehlen sowohl die Neginoth als die Punktationen, weil beide ein Product späterer Zeiten sind. Wenn wir von den rein subjectiven Behauptungen einiger jüdischen Gelehrten absehen, die da meinen, dass diese Zeichen von Moses, spätestens von Esra herrühren, so finden wir, dass sie im VI. resp, im VII. Jahrhundert schon vorhanden waren und wahrscheinlich in der Massorethenschule aufgezeichnet worden sind, wie allgemein von den Historikern angenommen wird. Die Karaim, deren Auftreten im achten Jahrhundert erweisbar ist, kennen schon die ganze Massorah, und die von Pinsker in seiner »Einleitung in das Babylonisch-Hebräische Punktations- System« erwähnte Handschrift aus dem Jahre 1228 der Contractenära, 916 oder 917 der üblichen Zeitrechnung, hat schon Vocalzeichen und Neginoth, letztere bedeutend mannigfaltiger und zahlreicher, als wir sie jetzt haben, so dass anzunehmen ist, dass gewisse Neginoth sich im Laufe der Zeit verloren haben, oder aber, dass gewisse Gegenden ihre eigene Neginoth hatten. Fragen wir nun nach der wissenschaftlichen Bedeutung der Neginoth, so finden wir, dass sie schon oft zum Gegenstände der Untersuchung gemacht worden’ sind, sowohl von Juden, als auch Christen, so von Mendelssohn, Saalschütz. Gesenius, Ewald, Anton, Bellermann. Das Resultat ihrer Forschungen ergiebt drei verschiedene Ansichten: die Bedeutung der Neginoth erstens als Accent, zweitens als Interpunktionszeichen und drittens als Notenbezeichnung von musikalischem Werth. Die erste Meinung stützt sich auf die bekannte grammatische Eintheilung der Vocale und Silben in lange und kurze, wobei die Neginoth eine kurze Silbe lang machen und ihr den Accent verleihen sollen. Mit Recht fragt nun Saalschutz (Von der Form der Hebräischen Poesie. Königsberg 1825 und Gesch. u.Würdigung derMusik bei den Hebräern, Berlin 1829) warum etwa ein Drittel der Neginoth an einen gewissen Buchstaben im Worte gebunden ist, ohne auf diesem den Accent zu haben, sondern auf einem anderen? so ruht das פשטא immer auf dem letzten Buchstaben, תלישא גדולה dagegen auf dem ersten Buchstaben. Zweitens, warum in vielen Wörtern sich auf doppelten Silben Neginoth, finden, welche Silbe soll man nun betonen? und drittens stehen Neginoth zuweilen bei einem blossen Schwa, welches doch niemals den Ton hat, weil es seiner Natur nach als Halbvocal nicht gedehnt werden darf, sondern kurz bleiben muss. Wir wollen noch hinzufügen, dass von der ganzen Eintheilung der Vocale in lange und kurze, wie sie Kimchi, der erst im XIII. Jahrhundert lebte, aufstellt, weder in der Massorah, noch bei den ältesten Grammatikern eine Spur sich findet, dass somit diese ganze Lauttheorie nur als subjective Ansicht aufzufassen ist, die von keiner weiteren Ueberlieferung unterstützt wird (cfr. Pinsker 1. c. pag. XVI). — Was nun die zweite Ansicht von der Bedeutung der Neginoth als Interpunktionszeichen betrifft, so dien thier als Grundlage das Makkaf und Metheg als Binde- resp. Trennungszeichen, dabei wird auch dem אתנחתא der Werth eines Komma's und anderen Nfeginoth eine ähnliche Bedeutung zugeschrieben. Dagegen lässt sich einwenden, dass die Vertreter dieser Richtung nicht genügende Gründe für ihre Theorie aufbringen, denn nur für sehr vereinzelte Neginoth vermögen sie den Interpunktionswerth anzugeben und dass der Zeichen zu viele sind, um der blossen Interpunktion zu dienen. — Die dritte und letzte Bedeutung der Neginoth, die musikalische, ist vorherrschend von christlicher Beite ausgearbeitet worden. Wir erwähnen besonders Anton zu Ende des vorigen Jahrhunderts und Haupt in neuerer Zeit. Beide glauben in den Neginoth den Schlüssel zur althebräischen Musik gefunden zu haben. Ersterer ging von der Annahme aus, dass das?סוף פסו den Grundton anzeige, das אתנחתא die Quinte und מרנא die Quarte, sodann aber dass bei einer doppelten Reihe von Neginoth, wie sie die Bücher א׳מת haben, d. h. das Buch Hiob, die Sprüche und die Psalmen, die prosaische Notation von der poetischmelodischen unterschieden werden müsse. Je nachdem das Zeichen über oder unter dem Worte stehe, zeige es an, ob der Ton aus einer höheren oder tiefereren Octave genommen werden müsse, auch sei die prosaische Notation die jüngere und von den Massoreten zur Erhaltung der richtigen Declamation gebraucht worden. Das erzählt uns \nton, wer ihm glauben will, mag es, von Wissenschaftlicher oder gar musikalischer Begründung seiner Theorie ist Nichts zu finden, überall subjective Annahmen, die keiner Kritik Stand halten. Es fragt sich z. B. warum nicht das אתנחתא der Grundton sein kann? ob denn jede Melodie unbedingt mit dem Grundton schliessen müsse? und wenn solches der Fall ist, warum nicht eine Melodie einmal mit dem Gnmdton in der oberen Octave schliessen könne? warum das פסוק *VD immer unter dem Texte stehe und somit nach der Auffassung Antons immer die tiefere Octave andeute? (Schluss folgt.) Recensionen. Schulberichte II. (Foraetzuug). Von Dr. Jacob. Da die öffentlichen Veranstaltungen für jüdischen Religionsunterricht in Breslau bei weite mnicht ausreichen, 80 ist dort ein ergiebiges Feld für Privatunterricht. Ueber eine solche Privatschule, die hebräische Unterrichtsanslaltzu Breslauvon Rabbi nerDr. P. Neustadt, liegt uns ein Berichtüber das Schuljahr 1H92/95 vor. Da wir ihn bei zahlreichen Privatleuten gesehen haben, so scheint er an alle deutsche Juden, also vielleicht in zehntausenden von Exemplaren, versandt zu sein. — Wir möchten uns erlauben, besonders der finanziellen Seite dieser Schule unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es sind in dem betr. Jahre während des höchsten Standes 110 Kinder unterrichtet worden, hiervon waren 42 Freischüler, die andern hatten ein monatliches Schulgeld von 2—7 Mk., einen ganz enorm hohen Satz, zu bezahlen. Nehmen wir 4 Mk. als Durchschnitt, so beträgt dies für <>H Kinder 272 Mk. monatlich, 9264 Mk. jährlich, ausserdem beträgt die tiesammtsumme der einzeln aufgeführten Beiträge aus allen Theilen des deutschen Reiches für das laufende Jahr 5705 Mk. (wenn wir uns bei den mühsamen Addieren nicht verzählt haben), also in Summa rund 9000 Mk. laufende Einnahmen, ungerechnet etwa früher aufgesammeltes Vermögen. Diese Summe für den Religionsunterricht von nicht viel mehr als 100 Kindern ist ganz unbegreiflich hoch. Eine mittlere Gemeinde mit derselben Schul-Kindcrzahl (also auch Familienzahl) könnte damit folgende Lasten tragen 1) einen Rabbiner (5000 Mk.), 2) einen Cantor und Lehrer ,2000 Mk.1, 5) einen Schochet (1000 Mk.) Dann bleiben ihr noch 5000 Mk. für Pensionen, Gemeindebibliothek, Armenpflege, gemeinnützige Institutionen und etwaige Schuldzinsen. Synagoge und Friedhof unterhalten sich selbst. Das Bestehen der Schule beweist indessen, welche Aufgaben die Synagogengemeinde Breslau noch erfüllen könnte. Es wohnen in Breslau, nächst Berlin der grössten Gemeinde Deutschlands, über 20000 Juden; das bedeutet