Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1894-08-03 · No. 31. (3.8.1894) · p. Seite 122

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 31. (3.8.1894)
Date
1894-08-03
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5367336-6582189-5991473--2541-5369363
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

122 lassung gegeben, noch so hart verurtheilen; das Eine kann nicht geleugnet werden: die Septuaginta hat die nach Millionen zählenden Massen der in der Diaspora lebenden Juden, welche das Hebräische nicht mehr verstanden, dem Judenthume erhalten. Ohne die griechische Bibel wäre der grösste Theil der ausserhalb Judäa s lebenden, von griechischer Bildung angehauchten Juden dem Judentlium abgestorben. Noch segensreicher war die Wirkung, welche die Septuaginta auf die. heidnische Welt ausübte. Die Ueber- Setzung der Septuaginta.« sagt Hausrath.*) in der zum ersten Male der semitische Gedanke sich in heilenisclier Form darzustellen versuchte, wurde, ähnlich wie im sechzehnten Jahrhundert die deutsche Bibel, eine der wichtigsten Grundlagen der sich verjüngenden Cultur; durch sie ist der Geist des Morgenlandes dem Abendlande erst verständlich geworden. Mit Recht hat man die Septuaginta darum den ersten Apostel genannt, der hinausging in alle Welt und lehrte alle Völker. Zum ersten Male hörten die, die bisher nur den rauschenden Cadenzen eines Cicero oder dem süssen Wohllaute der griechischen Tragödie ihr Ohr geöffnet, die Donnerworte des Propheten und die schwermüthige Monotonie der Psalmen. Und während die Welt des Pompes der Verinnen müde wird und stumpf gegen* die Philippika eines Demosthenes, öffnen sich immer mehr die Herzen der einfachen Schönheit des heiligen Buches, so dass Philo die Hoffnung aussprechen konnte, dass die Schrift, die einst in chaldäischer Sprache nur Wenigen zugänglich war, im griechischen Gewände dem grössten Theile der Menschheit oder vielleicht dem ganzen Menschengeschlechte zum Heile gereichen werde.« War aber einmal das biblische Schriftthum den Heiden zugänglich gemacht, so begannen ihnen auch schon die jüdischen Gelehrten Alexandria s das Gotteswort zu predigen und warben mit einem erstaunlichen Feuereifer Anhänger für ihre Lehre. Dabei zeigt es sich, mit welch unbegrenzter, schwärmerischer Liebe sie an ihrem Judentlium hingen, wie die griechische Philosophie, welcher sie sich liingaben, diese Liebe nicht nur nicht dämpfte, sie vielmehr zur hellsten Flamme anfachte. Während man in Judäa die profane Wissenschaft als ein unheiliges Feuer ängstlich mied, empfahlen die jüdischen Frommen Alexandria’s die Pflege derselben auf das eindringlichste, da man nur durch philosophische Vorbildung zur lichten Höhe der wahren Gotteserkenntniss und der Religiosität gelangen könne. Die Liebe der alexandrinischen Juden zur Religion ihrer Väter wuchs progessiv mit dem Eifer, welchen sie auf die Pflege der griechischen Philosophie verwendeten, aunf deren Fluren sie das Schönste suchten, um diese ihre Liebe damit zu schmücken. Wie konnte es auch anders sein bei so gläubig augelegten Naturen, denen das Alpha und Omega alles Wissens, als der Urquell aller Erkenntnis galt, denen die Weisen Griechenlands nichts Neues offenbarten, die grössten Dichter des grauen Alterthums nur Bekanntes sangen, da diese ja sämmtlich aus dem Born der mosaischen Lehre und des biblischen Schriftthums geschöpft. Beliuupten doch die bedeutendsten Lehrer des alexandrinisehen Judenthums von Aristobul bis auf Philo herab allen Ernstes, dass Orpheus und Homer sich zu ihren Gesängen durch die Bibel haben begeistern lassen. Der jüdisch# Alexandrinismus, das reifste Produkt der geistigen Bewegung der drei letzten vorchristliehen Jahrhunderte, war ein tief religiöser. Er hing mit allen Fasern an der Heiligen Schrift Ihr haben die erleuchtetsten Köpfe des alexandrinischen Judenthums die ganze Kraft und Thätigkeit gewidmet, ihr hat der Dichter seine Phantasie, der Philosoph sein Denken und Fühlen geweiht, ihr hat Alexandrias edelster Sohn, der hochherzige Philo, der ältere Zeitgenösse Jesu, sein ganzes Wollen und Können zu Füssen gelegt. Es ist geradezu erstaunlich, mit welch unerinüdlichein und selbstlosem Eifer die Alexandrinischen Juden für ihre Religion wirkten und strebten. Es gab Viele unter ihnen, welche, wenn sie ihre Namen vor ihre epochemachenden geistigen Producte gesetzt hätten, mit diesen der Unsterblichkeit theilhaft geworden wären; sie zogen es jedoch im Interesse der von ihnen vertretenen Sache vor, die Maske der Anonymität und Pseudonymität anzulegen. Sie glaubten nämlich, eindringlicher und nachhaltiger wirken zu können, wenn sie ihre menschenverbrüdernden Lehren den Weisen der Vorzeit in den Mund legten, vermeinten das Heidenthum rascher zu gewinnen, wenn sie zeigten, wie dessen grösste Dichter und Denker, wie sogar die göttliche Sibylle für die Religion Mosis begeistert eingetreten. Wir dürfen diese fromme Täuschung, welche später zu demselben Zwecke von dem bekehrungseifrigen, in die Fusstapfen des jüdischen Alexandrinismus tretenden Urchristenthum cultivirt wurde, nicht verurtheilen, wenn wir!bedenken, dass diese Menschen sich die Glückseligkeit, die ihnen ihre erhabene Religion gewährte, nicht gönnten beim Anblicke einer in Sünden und Laster versinkenden, mit sich und ihren Göttern zerfallenen heidnischen Welt. Warum sollte diese nicht auch derselben Glückseligkeit theilhaft werden können? Warum sollte sie verurtheilt sein, im Sündenpfuhl unterzugehen? So fragte man sich in Alexandrien und ging hin und machte alle Anstrengung, die Heiden zu bekehren. Drei Momente waren es. welche man als Inbegriff der ganzen mosaischen Religion hinstellte: der Glaube an einen Gott, die Ethik, die Menschenliebe und menschenverbrüdernde Lehre von der messianischen Zukunft. Aber nicht nur die weite Diaspora hatte dieser das mosaische Gesetz allegorisch auflösende alexandrinische Geist zu erobern verstanden, er war auch frühzeitig in Judäa eingedrungen und hatte sogar in der Domäne des Pharisäismus selbst seine Fahne aufgehisst. Den Beweis hierfür führt Friedländer’s Schrift in fünf reichhaltigen Capiteln unter Beibringung des uöthigen Quellenmaterials. Hienach »besorgte in Judäa die Pflege des jüdischen Alexandrinismus der Orden der Essener, welcher zur Zeit Philo's bereits vollständig ausgebildet, vorzüglich organisiert und nach allen Richtungen hin verzweigt war. Auf dem vom Pharisäismus beherrschten Gebiete aber musste er sich schwere Beschränkungen auflegen, seine allegorischen Auslegungen in ein mysteriöses Dunkel hüllen und C'ompromisse eingehen, um sich nur behaupten zu können. Hier musste das neue Kleid mit alten Lappen geflickt, der neue Wein in alte Schläuche gefasst werden. — Als aber im Jahre 70 n. Ohr. die Katastrophe über Judäa hereinbrach, da gingen die alten Schläuche in Trümmer und über die weite Welt ergoss sich der junge alexandriuisch-jüdische Wein und versetzte die nach Offenbarung lechzende Menschheit in einen Wonuerausch.« (Wir kommen auf Einzelnes des sehr interessanten Friedländer'sehen Buches noch zurück. Red.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.