Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 31. (3.8.1894)
- Date
- 1894-08-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Jahrg. xxm. Litteratur-Blatt. Herausgegeben BüohiT der oiusrhlilsriccK Uttorntur, von w1*lrluMl<*r UodrtclionzuKOSHUdl worden, Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. fi״(lolt i׳יוו> ״»•!» Bia10״1*״ו*״!ח01 *.״ ite- '‘pnMdmnjr. lto*i Kins<‘n«ln!u: von zwo Magdeburg, den 3. August 1894. Zur Beleuchtung aller Judontlunn und Juden lM*tren׳endon Uttomrisohrn Kr• schcfnungen auf dem («eMvto der 1*11110• sojdiie, Ciesehielite, Kthn0)rr11]>lue, Theo* lnide, Orientalin, Kxegese, Homiletik, Uturpik u.!*iidiiffofrik. No. 31. Das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich. Preis bei allen Buchhandlungen (in Magdeburg bei Walther Niemann} pro (.Quartal: 2 Mark, der Einzelnummer: 15 Pfennig. Abonnenten der »Israelitischen Wochenschrift«, die vierteljährlich bei allen Postanstalten und ]iuchhandlungen 3 Mark zahlen, erhalten das »Jüdische Litteratur-Blatt« gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile. Beilagen mit 20 Mark, berechnot und sind an dio Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler n. Lehrer, welche direkt oder durch Walther Niemann Inserate einsenden, erhalton 25 °,'0 Rabatt. Zur Entstehungsgeschichte des Christenthums. Die neutestainentliche Zeitgeschichte weist noch heute die empfindlichsten Lücken auf und sind noch heute die wichtigsten mit dev Bildung des Christenthums verknüpften Erscheinungen unaufgeklärt. Schon die Frage nach dem eigentlichen Boden, aus welchem das Christenthum hervorgewachsen, ist noch ungelöst. Es ist allerdings das unbestrittene Kind des Judenthums; allein dieses war bei seiner Geburt in Parteiungen zerklüftet, es gab Pharisäer, Sadduciier und Essener; aus welcher dieser Secten ist es hervorgegangen? Die Einen behaupten: aus den Pharisäern. Aber wie erklären sich dann die so unvermittelt zu Tage tretende Gesetzesfeindlichkeit, die so überaus rasche Ausbreitung des Christenthums und unzählige andere Erscheinungen V Andere lassen es aus dem Boden des Essenismus hervorwachsen. Was aber war der Essenismus? Woher kam er, und wie ist sein spurloses Verschwinden zu erklären? Wie lässt sich, wenn nicht mit der Apostelgeschiclite ein Wunder angenommen wird, die so plötzliehe Umwandlung des Pharisäers Saulus in den Gesetzesverächter Paulus begreifen? Auf alle diese und ähnliche Fragen giebt eine eben erschienene Schrift: »Zur Entstehungsgeschichte des Christenthums «:!:) die eine Antwort: Das Christentlium ist ein Kind der jüdischen, vom Pharisäismus und Sadducäisinus unberührten Diaspora. Die Vorbereitungen zu demselben lassen sich mindestens zwei Jahrhunderte zurück verfolgen. Die ersten Spuren tauchen auf in der in Alexandria entstandenen Septuaginta, der griechischen Uebersetzung der Bibel, und der Weg von dieser zum Evangelium ist, wie weit er sich auch hinziehen mag und ob er auch stellenweise unterbrochen, so deutlich markirt, dass er dem unbefangenen Auge nicht verborgen bleiben kann. Keine Frage, das ulexundrinische Judentlmm war frühzeitig mit seinem auf dem Weltmärkte philosophisch präparkten gesetzesfreieren Mosaismus der Beherrscher der weiten Diaspora geworden, und in Alexandria war ein modernes, lebenskräftiges, allgemeine Menschenliebe verkündigendes Jerusalem erstanden. Alexander der Grosse batte bei der Gründung Alexandria’s, nachdem er unzweideutige Proben von der Tüchtigkeit und Zuverlässlichkeit der Juden erhalten, eine jüdische Colonie in diese Stadt verpflanzt, *, »Zur EutgtchünKBtfi'scliiclite (les Christcnthums.« Ein Excars von Septuaginta zum Evangelium. Von M. Kriedlümler. Wien, 1894. Alfred Hiddcr, k. und k. Hof- und I'niversitätliiiolihändlcr, Rothenthurmstrassc 15. welcher er dieselben Rechte und Privilegien wie den Macedoniern einräumte. Nach kaum drei Jahrhunderten war diese wacker arbeitende, auf allen Gebieten menschlicher Thätigkeit sich auszeichnende jüdische Colonie in und um Alexandrien auf mehr denn eine Million Menschen angewachsen, welche bei aller Pietät für Jerusalem und den Tempel in erster Linie Bürger von Alexandria waren, die Sprache des Landes redeten und darob jene ihrer Ahnen vergossen. Ein günstigerer Ort wie Alexandria, wo die Cultur des Orients und des Occidents zusammenfloss, konnte für die Mission des Judenthums jener Zeit nicht erdacht werden. Nach dem Tode des grossen Macedoniers war das ganze Sinnen und Trachten des klugen, für Kunst und Wissenschaft begeisterten Beherrschers von Egypten, Ptolomäus Lagi, und seiner unmittelbaren Nachfolger darauf gerichtet, die junge Stadt zum Centrum aller geistigen Bestrebungen der damaligen Zeit zu machen. Schon im dritten vorchristlichen Jahrhundert wurden unter Ptolomäus Soter, welcher selbst schriftstellerisch tliätig war, das Museum und die Bibliothek in Alexandria gegründet, welche ganze Schwärme von Gelehrten aus allen Weltgegenden nach dem neuen Athen lockten. Im Museum fand jeder Gelehrte, welcher Nation und Richtung er immer angehören mochte, gastfreundliche Aufnahme und Verpflegung auf Staatskosten. Was Wunder, dass in der Gelehrt en-Republik Alexandria’s die verschiedensten Nationalitäten und Geistesrichtungen vertreten waren, dass hier die verschiedenartigsten Ideen zusammenflössen und Anregungen in Fülle darboten? Dieses Ineinanderfluthen des heimischen und orientalischen Geistes zog eine auserlesene, andächtig lausehende jüdische Schaar mächtig an. Sie sog gierig an den Brüsten griechischer Weisheit, und merkwürdig! im selbem Maasse als diese unter der Pflege ihrer mattherzigen heimatlichen Träger zu altern und abzusterben anfing, verjüngte sie sich in den Köpfen ihrer jüdischen Jünger, verlieh ihr der jüdische Geist neue, nie geahnte Schwungkraft, die sie zum begeisterten Herold der mosaischen Lehre machte. Diese auf dem Boden Alexandria s erfolgte Verschmelzung griechischer und jüdischer Ideen brachte eine wahrhaft grossartige Bewegung hervor, aus deren Schoosse später das Christentlium hervorging. Zu den ersten und schönsten Früchten dieser Bewegung gehört, die Septuaginta. Man mag über dieses Werk, dessen Gehurt die Juden in Palästina mit Schrecken, die Juden in Alexaudria mit Jubel erfüllte, denken, wie man will, man mag die fremdartigen Vorstellungen und Anschauungen, die sie enthält, die Irrthümer, zu denen sie Veran-