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Das jüdische Literaturblatt · 1894-07-27 · No. 30. (27.7.1894) · p. Seite 119

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 30. (27.7.1894)
Date
1894-07-27
Page
Seite 119 (sequence 3)
Language
German
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119 geisterten Bürgerthums erblickt hat. Das bischen Vermögen, welches nach dem Tode der Eltern auf ihn gefallen wäre, machten ihm seine Schwestern streitig, und er bestand auf seinem Recht, nur um es zu behaupten und dann seinen Antheil, bis auf etwas Hausrath, freiwillig den Schwestern zu überlassen. Von schwächlicher Gesundheit und arm, hat er seinen Lebensunterhalt durch das Schleifen optischer Gläser sich erworben. Die paar Unterstützungen, die von Freunden ihm zugewendet wurden, sind kaum der Rede werth, und von Professuren oder fürstlichen Gehalten, denen er seinen Freisinn hätte zum Opfer bringen müssen, hat er nie etwas wissen wollen. Mit seiner Religions- Genossenschaft, die den ebenso lernbegierigen als geistig hei'vorragenden Jüngling zum Vorkämpfer ihrer Be- Strebungen auserkoren hatte, gerieth er bald in Conflict. Frühzeitig schon ahnte man in ihm den »Copemicus der Philosophie«, als welchen Feuerbach treffend ihn bezeichnet hat. Der überlebten Weltanschauung drohte Gefahr, und die Folge davon waren Verdächtigungen und Verfolgungen, die sogar es dahin brachten, dass ein Fanatiker dem jungen Gelehrten nach dem Leben trachtete. Schliesslich decretirte die Judenschaft Amsterdams seine Verbannung, die jedoch von der Stadtbehörde nur für die Dauer von ein paar Monaten bestätigt wurde und welcher er übrigens, indem er, noch ehe sie zu Stande kam, von seiner Kirche(?) sich lossagte, die Spitze abgebrochen hatte. Kaum vierundzwanzig Jahre alt, verliess er (l(iö(5) seine Vaterstadt und nahm zuerst im nahen Qu werkerke, dann in Rhynsburg, später in Vorburg und zuletzt im Haag seinen Aufenthalt, ab und zu seine Amsterdamer Freunde besuchend. Nach dem Haag war er gezogen, um, seit zwanzig Jahren an ausgesprochener Schwindsucht leidend, ärztlicher Hilfe näher zu sein. Er verbrachte dort seine letzten sechs Jahre und hatte wohl hauptsächlich seinem Gleichmuthe und seiner Mässigkeit es zu danken, dass er, am 24. Noveinber 1 ()32 geboren, erst am 21. Februar 1<>77, also nach überschrittenem vierund vierzigsten Jahre, sein arbeitsames Leben beschloss. Das vorliegende Buch macht uns mit allen seinen Werken bekannt und enthält am Schlüsse eine Fülle von Anmerkungen, die nicht nur auf die Quelle hindeuten, sondern auch Einzelheiten bringen, die von Wichtigkeit sind, mit welchen jedoch der Autor den Fluss seiner Darstellung nicht unterbrechen wollte. Spinoza’s Hauptwerk, »Die Ethik«, ist erst nach seinem Tode veröffentlicht worden. Ihre Grundsätze werden uns hier, mit Hinweglassen des geometrischen Apparates, in ihrer überwältigenden Einfachheit vor Augen geführt, die sich in die wenigen Worte zusammenfassen lässt: dass, wer von wahrhaftiger Einsicht durchdrungen ist, nicht anders denn sittlich handeln kann, insofern die uns knechtenden, die fördernde Thätigkeit hemmenden Leidenschaften auf unklarem Denken beruhen. Von vielleicht noch actuellem Werthe ist heute Spinoza’s »theologisch-politischer Tractat , der für alle spätere Bibelforschung als bahnbrechend (?) gelten darf. Es wird darin nachgewiesen, dass und inwiefern das Alte Testament durch das Neue ausser Kraft (?) gesetzt ist, und an der Hand des Neuen gezeigt, dass der christliche Glaube nur dann echt ist, wenn er im Lebenswandel zum Airsduck kommt und in der Uebung der Gerechtigkeit und Nächstenliebe den wahren Gottesdienst erblickt. Was sich demnach als die höchste Religion herausstellt, gilt Spinoza für so identisch mit dem Zweck des Staates, dass er diesem das Recht zuspricht, sie d. 11. das aus den Forderungen der Gerechtigkeit und Nächstenliebe sich ergebende Handeln zu erzwingen, während er Jedermann und selbst dem Staate jedes Recht abspricht, in die Art und Weise sich zu mengen, in welcher der Einzelne in seinem Innern die Ableitung der Verpflichtung sich zurecht legt. Dadurch erhebt er sich zum kühnsten Vertreter der Gewissens-, Denk- und Forschungsfreiheit, und glaubt man an manchen Stellen, in welchen er der unumschränkten Meinungsäusserung das Wort redet, einen modernen Publicisten zu hören. Es würde uns viel zu weit führen, wollten wir auf die Schilderung der damaligen Zeit uns einlassen, in welcher die batavisclie Republik, die Spinoza mit Stolz sein Vaterland nannte, zur Behauptung ihrer Freiheit harte Kämpfe führen musste. Es war die Zeit der zwei de Witt, von welchen Jan mit Spinoza besonders befreundet war. Fast unter seinen Augen wurden die Brüder ermordet, für ihn ein unbeschreiblicher Schlag. Auch brach der schon Vierzigjährige darüber in Thränen aus, wusste jedoch bald, durchdrungcn wie er war von der Unerbittlichkeit des Cau8algesetze8, das Gleichgewicht seines Gemüthes wieder herzustellen. Darum befragt, 8011 er geantwortet haben: »Wozu wär’ alle Weisheit nütze, wenh wir, gleich dem grossen Haufen den Gemüthsbewegungen verfallend, nicht die Kraft hätten, uns von selbst wieder aufzurichten?« — »Vielleicht nie im Leben,« setzt Bolin hinzu, »hat er mehr als bei dieser Gelegenheit bewiesen, wie ernst es ihm um sein Bemühen war, die menschlichen Handlungen und Begierden ebenso zu betrachten, als wenn von Linien, Flächen und Körpern die Rede wäre.« (A. a. 0. S. 94.) Zum Schlüsse ein Wort über sein äusseres Erscheinen. Von mittlerer Grösse und zartem Körperbau, regelmässigen, aber hochintelligenten Gesichtszügen, lang herabwallenden, gekrausten, schwarzen Haaren und freundlichen dunklen Augen, sehr einfach, aber immer sehr sorgfältig gekleidet, wusste er durch sein angenehmes Wesen Alle sich zu Freunden zu machen, die nicht aus besonderen Gründen meinten, ihm feind sein zu müssen. Er war die Anspruchslosigkeit selbst, und ihm genügte die bescheidenste Wohnung und Nahrung, ohne dass er darum erholenden Vergnügungen abgeneigt gewesen wäre, denn Heiterkeit galt ihm als ein Ausdruck der Vollkommenheit. Wohlthätig, so weit es seine kleinen Ersparnisse gestatteten, war er immer glücklich, helfen zu können. Einem Freunde, der ihm offen gestand, einen von ihm entlehnten Geldbetrag nicht, wie er versprochen, zurückerstatten zu können, gab er zur Antwort: »Tröste dich, dem ist leicht abgeholfen; ich werde mir das wieder erarbeiten, und es wird nicht schwer gehen, weil ich nicht mehr zu hinterlassen brauche, als was ein anständiges Begräbniss erheischt.« Zuletzt war er im älteren Stadttheil des Haag, auf der sogenannten Paviljoensgracht, wo jetzt sein Denkmal sich erhebt, bei der bescheidenen Malersfamilie van der Spyk, in einem eiufenstrigeu Giebelstübchen eingemiethet und ass mit den Hausleuten gemeinschaftlich. Des Abends pflegte er zu ihnen herabzukommen, sein Pfeifchen zu rauchen und die Tagesereignisse zu besprechen, wobei vorzüglich ihre Ansichten über die jeweilige Predigt für ihn von Interesse waren. So tliat er noch am Tage vor seinem Ende, doch ging er diesmal frühzeitiger als sonst zu Bett. Für den folgenden Tag, der auf einen Sonntag Hel, bat er den ihm befreundeteil Arzt Ludwig Meyer zu sich, welcher verordnete, dass sofort ein Hahn gekocht werde, damit Spinoza zu Mittag eine kräftige Suppe habe. Dieser ass auch davon mit gutem Appetit, als die Hausleute von der Kirche zurückgekommen waren. Hierauf ging er mit dem Arzt in sein Stübchen und die Hausleute begaben sich in den Nachmittags-Gottesdienst. Gross war ihr

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