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Das jüdische Literaturblatt · 1894-07-27 · No. 30. (27.7.1894) · p. Seite 120

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 30. (27.7.1894)
Date
1894-07-27
Page
Seite 120 (sequence 4)
Language
German
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120 Erstaunen, als sie heinikehrend erfuhren, Spinoza sei um 3 Uhr entschlummert. Von vielen Vornehmen und sechs Wagen begleitet, ward am folgenden Donnerstag seine Leiche bei der neuen Kirche am Spy zur Erde bestattet, wo kürzlich sein Grab aufgefunden worden ist Es war ein würdiger, aber stiller Tag, der die Bedeutung des Unsterblichen nicht zum Ausdruck brachte, was entscheidend gewesen sein mag für die Welt, die vor Allem nach dem Schein urtheilt. Gilt doch heute noch für Viele das treffende Wort, womit Bolin, Seite 17ö, Anmerkung 49, den Biographen van der Linde kennzeichnet: Für gewisse Augen scheint Spinoza’s Grosse unwahrnehmbar, weil sie nicht von der Glutli eines Scheiterhaufens beleuchtet wird.« Recensionen. Grossberg Menasch?. ׳מטה מנשה Kritische Unter- Buchungen über die Neumondsverkündiguiig iu talmudisclier Zeit und die Ergründung des zweiten Festtages. Nach den Quellen durchforscht und dargestellt. Berlin 1H94. In 46 Punkten erörtert der Herr Verfasser lichtvoll und klar und in schöner hebräischer Diction seine aus beiden Talmuden, den Codices, den Midraschim, der Maimonidischen Halacha und den Responsen hergeleiteten Ansichten über die jedenfalls hochinteressante Frage der kalendarischen Neumondsbestimmung. — Dem Schriftchen sindcasuistischeKpisteln der RabbinerEliasberg,Hildesheimer und Spiro vorausgeschickt. — Zwei Grundanschauungen werden in dem Büchlein über die Monatsbestimmung angeführt: die von Maimonides (H. Kiddusch hachodesch), nach welcher die geistliche Centralbehörde in Jerusalem aus Autopsie den Mondesbeginn bestimmt hatte und die des Gaon Saadia, nach welcher die kalendarische Berechnung der Neumonde auf Ueberlieferungen aus ältester Zeit beruht. Beide Anschauugeu aber werden vermittelt durch den beiden Autoritäten gemeinsamen Rechtsstandpunkt, nach welchem auch in unserer Zeit eine vom Gesamintjudenthuni anerkannte autoritative geistliche Behörde vom Mittelpunkte des heiligen Landes (Jerusalem) aus die Einsetzung der Neumonde verkünden und die Aufhebung der zweiten Feiertage purch einheitliches festgeordnetes Kalenderwesen, bei Zuzählung der Tage zu den voiausgegangenen Nächten wohl bewirken könnte. Allerdings scheut sich der einer streng orthodoxen Richtung angehörige Verfasser (S. 72) in die Consequenzen einer Idee zu treten, welche dem fortgeschrittenen Judenthum in die Hände arbeitet. — Er möchte es daher bei der Theorie bewenden lassen und gestützt auf Bezah 4b, auch im Falle einer im Gesainmtjudenthum angenommenen fest geregelten Zeitbestimmung der Monate, für die Aufrechterhaltung der religiösen Praktiken an den zweiten Feiertagen aus Pietät für religiöses Herkommen in die Schranken treten. — Der Herr Verfasser scheut sich offenbar, den Einklang zwischen Wissenschaft und lieben zu erzielen. Das lässt sich wohl psychologisch motiviren, aber hei aller Hochachtung für den Verfasser ist sein Stand- ]>unkt wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen. Wenn der Verfasser von der hohen Bedeutung der jüdischen Lehre auch für sanitätische Diätetik - spricht, wird ihm jeder Sach- und Fachkenner gern beipflichten. Wenn er aber (S. 5-1 —einschl. 4J *i Abschn. 37 —) meint, der Natur, »die aller Meister Meister« ist, durch rituelle Bestimmungen Schranken zu setzen und so der Wissenschaft der Natur und der auf ihr beruhenden Heilkünde entbehren zu können, verkennt er nicht nur die Bedeutung der Wissenschaft, sondern auch der Gotteslehre, welche »die Weisheit und Vernünftigkeit ist und sein soll in den Augen der Völker . Möchte auch die körperliche und geistige Entwickelung der Individualität für die rechtliche Altersbestimmung nicht immer maassgebend gewesen sein, sondern lediglich die nach kalendarischer Zeit berechnete Lebensdauer; so dürften doch keineswegs umgekehrt von kalendarischen Berechnungen auf die Entwickelung der betreffenden Person Schlüsse gemacht werden. Auch ist (S. 52) die Erklärung der palästinensischen Talmudstelle (Taanith): »Israel würde erlöst, wenn es in seiner Gesammtheit den Sabbath hielte«, nach meinem Dafürhalten, nicht kalendarisch, sondern ethisch-religiös aufzufassen. Der Sabbath ist die Substanz aller religiösen Thathandlungen, welche an die Zeit sich knüpfen. Die Feste bieten nur die Attribute dieser Substanz: Natur und Geist. Der Sabbath begründet die Gottesgemeinschaft der Menschen (ברית), die Feste verkünden die Offenbarung Gottes in der Erseheinnngswelt und im menschliehen Bewusstsein. Der Sabbath vereinigt beide Attribute zu wechselseitiger Uebereinstimmung. Er verinnerlicht die Aussenwelt, er vergeistigt das Leben zur Gottesheiligkeit und ist Religion selber (שקול כנגד כל התורה), gleichbedeutend dem Zweck und der Erfüllung der Gesammtlehre. Solche ideale Macht der Religion aber wirkt erlösend auf die Welt. — Vermöge der Gediegenheit der jüdischen Fachkenntnisse, welche die Schrift aufweist, ist sie sehr lesens- und beachtenswerth. Dr. S. Nascher. Litterarische Notizen. Zu der von Herrn Dr. Klemperer im Litteraturblatt No. 28 (Seite 111b. Note) aufgeworfenen Frage, bemerke ich, dass das Wort בלדר im Aruch s. v. mit »Vorreiter« (Veredarius) übersetzt wird. Abrabanel, der am Hofe des Königs Alfons V. von Portugal sich grossen Ansehens erfreute, mochto die bildliche Rede dem Hofleben entlehnt haben, und wäre demnach sein Sprichwort in einer solchen Weise bildlich zu erklären: »Hast Du Dir Deinen Studiengang fest in’s Gedächtniss eingeprägt, brauchst Du keine Anleitung (keinen Vorreiter) auf dem Pfade der Wissenschaft.« Doch möchte auch das vom Aruch angezog» no spanische »Buldero«, Erklärer der Schrift (Bulle), angeführt sein, zum Zwecke der Erklärung der Sentenz: Wer selbst Bescheid weiss, braucht keinen Interpreten, geistigen Berather und Helfer. Vielleicht ist für לבלדר zu losen »ללבלר«. »Was Du gut auswendig weisst, brauchst Du Dir nicht erst durch einen Schreiber (libellarius) abschreiben zu lassen, (zur Unterstützung Deines Gedächtnisses).« Im Zusammenhänge mit מרקוווח aber erscheint mir die von Dukes vorgeschlagenc Loseart נלזר (Balsam) wohl berechtigt. Doch möchte ich auch auf das offenbar samitischem Ursprünge angehörige englische Wort »Balderdash« (Gebräu) bei dieser Gelegenheit hinzuweisen mir erlauben. Dr. S. Nascher. Würde der von Klemperer citirte Satz wirklich im älteren Schriftthum der Talmuden oder Midraschim Vorkommen, dann fändo sich für לכלדור eine sehr annehmbare Erklärung.*) Es wäre ללבלר zu lesen und gäbe in der Gegenüberstellung zu יתרשמובו einen vorzügliehen Sinn. »Wiederhole fleissig, so brauchst Du keinen libellarius, Schreiber.« Auf medicinischem Gebiete aber ist באלאדור oder בלדור nicht »Balsam«, sondern »Baldrian« (Valeriana), die »Rapunzel«, welche in der Medicin des Aberglaubens, wie bekannt, eine grosse Rolle spielt. * Rob. Caro-Lemberg. •) So auch Kohut iin Aruch compl. s. v. Inhalt. Auf dem Felde vonZoan. Von Prof. Heinrich Bjug sch. (Schluss.) — Der Bann im-talmudischen Schriftthum. III. Von S. Mandl. — Ein Führer der Menschheit. Von Bolin. (Schluss.) Recensionen: Grossberg, Matte Menasbhe. Kritische Untersuchungen Uber die Noumon<18verkündigung otc. Litterarische Notizen. Von Dr. Nascher und Dr, Caro, Litterarische!• Anzeiger In meinem Commissions-Verlag erschien soeben: ספד 'צירה (Sefer Jäzirah) Das Buch der Schöpfung. Nach den sämmtlichen Reeonsionen möglichst kritisch redigirter nnd vocalisirter Text, nebst Ueber- Setzung, Varianten. Anmerkungen, Erkllrungen und einer ausführlichen Einleitung von L. Goldschmidt. Preis Mk. S. — Frankfurt a. M. J. HanIVnaun. Antiquarischer Katalog! No. 224 meines Biichcrlagers enth. 1200 Nummern [631 Hebraica u. Judaica erschien soeben nnd steht solcher gratis nnd franco zu Diensten. B. Seligsberg in Bayreuth. Durch H. Altenberg'a Buchhandlang in Lemberg ist zu bcziehen: [621 (jie»ehifhle der Juden ln Lemberg von den ältesten Zeiten bis zur Teilung Polens 1772 nach den Quellen bearbeitet von Jecheskiel Caro, Rabbiner und Gemeinderath. Preis 1 fl. 50 3 Mark. Verantwortl. Kedacteur Dr. M. Kahmer, Druck Lcistner & Drewfs, Verlag Walthor Niemann, sämmtlich in Magdeburg.

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