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Das jüdische Literaturblatt · 1894-07-20 · No. 29. (20.7.1894) · p. Seite 115

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 29. (20.7.1894)
Date
1894-07-20
Page
Seite 115 (sequence 3)
Language
German
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115 Ein Führer der Menschheit. Wilhelm Botin, Universitäts-Bibliothekar in Heisingfors, von Geburt ein Schwede, aber durch und durch ein Mann von deutscher Bildung, der erst kürzlich ein Werk über Feuerbach geschrieben, hat nunmehr unter dem Titel: ״Spinoza, ein Cultur- und Lebensbild״*) ein Buch veröffentlicht, das auf weite Kreise berechnet, ganz vorzüglich geeignet ist, die Menschheit ethisch zu tördern. Mit Spinoza hat Feuerbach das Los getheilt, erst nach dem Tode die gebührende Anerkennung zu linden. Kur musste bei Spinoza ein volles Jahrhundert vergehen, bevor seine Lehre aus dem engen Freundeskreise, der den ebenso bescheidenen als grossen Denker umgab, hinaustreten konnte in die endlich empfänglich gewordene Welt. Er war eben seiner Zeit um so viel voraus. Und es ist betrübend, jedoch für den, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, durchaus nicht entmuthigend, dass heute, nach einem zweiten Jahrhundert, neuerdings Gegner auftreten, die Spinoza’s festbegründeten Ruhm gar zu gerne erschüttern möchten. Unsere Zeit ist eben, trotz ihrer riesigen Fortschritte, auch eine rückschrittliche, und nicht gering die Zahl derer, welchen nichts gelegener kommen könnte, denn der Nachweis, dass mit der Ueberwindung des pantheistischen Monismus Spinuza’s, für welchen Gott und Natur Eins waren, auch dessen Ethik hinfällig würde. Was sein System genannt wird, seine geometrische Methode, ist in der That längst veraltet; aber nicht nur, was er an Ethik gelehrt, auch seine philisophische Grundanschauung hat dadurch keinen Schaden genommen. Freilich, wenn im Ergründen der absoluten Wahrheit die Aufgabe der Philosophie bestände, dann hätte Spinoza, hätten aber auch aLe seine Vorgänger und Nachfolger vergeblich gearbeitet. Allein der Nutzen, den der echte Weltweise bringt, besteht darin, dem Denken einen neuen Stützpunkt zu bieten, von dem aus es mit einer ganzen Reihe menschlicher Irrtliümer aufräumen kann. Was darin Spinoza geleistet hat, bleibt geleistet für alle Zeiten, und da dies von allen Geistesheroen gilt, so ist es dem Menschengeiste gegeben, dem Wahren immer mehr sich zu nähern. »Von den drei Richtungen. — schreibt Carneri, dem der Verfasser das Buch gewidmet hat — nach welchem das vorliegende, im besten Sinne des Wortes volksthümlieh gehaltene Buch als besonders zeitgemäss bezeichnet werden kann, nennen wir vor allem die Kirche, die in neuester Zeit mit mütteralterlichem Hochmuts das Haupt erhebt und sich zum Beispiel in Ungarn nicht scheut, offen eine staatsfeindliche Stellung einzunehmen. Das Verhältniss der Religion zum Staat hat Spinoza so klar Adam S. 444) oder auch nach dem tolmudischen Aussprache או חברותא או סיתותא »Ohne Gesellschaft kein ].eben* (S. M. Duschak, Gas talmudischo Strafrecht, S. 18). Allo diese Deutungen bleiben für den Gegenstand selbst belanglos, denn selbst die letztere, die sich auf die Aeusserung Kuba'« im Moed Kutan 17a stützt, mag blos auf einen linguistischen Ideenaustausch beider Gelehrten daselbst zurückgehen. Bodenschatz, Kirchliche Verfassung der heutigen Juden 11 352 erklärt שמתא analog mit dem .Syrischen מרנאתא (Maranatha), wolche Formel bereits der Apostel Paulus für Anathema gebraucht. Bekanntlich hiesson die Juden-Christeu in Spanien auch Muränen, was damit im Zusammenhänge zu erklären wäre, vgl. Graetz a. a. 0. 7 5U7 (Westermann Zeitsehr., Jahrg. 37, Art. Spinoza). Es Es wird häufig die Ausdrucksweise: Mochram Motha mit Maranutha verwechselt und es findou sich in den Bibolausgabon abwechselnd beide Varianten. Es dürfte — wenn eine richtig — die letztere vorzuziehen sein, denn wie wir au anderer Stelle erwiesen zu haben glauben, sind beido, und חרם, dogmatisch verschiedene Begriffe. (Vgl. 111. T11. § b a. E., Anmerkung, und zu genannten Formeln I. Chor, d.) *) Neunter Band der von Dr. Anton Bettel heim herausge־ gebenen Sammlung »Goisteshelden* (»Führende Guistcr«), Berlin, Ernst Hofmaun & Comp., 1894. erwogen, dass sein Ausspruch wahr bleiben wird, so lange es Religionen giebt. Die zweite Richtung bezieht sich auf die Schmach unseres Jahrhunderts, den Antisemitismus. der unter dem Deckmantel erheuchelter Christlichkeit aller Freiheit und Gerechtigkeit Hohn spricht. Von der ersten bis zur letzten Seite wird uns da gezeigt, wie viel die Menschheit einem Juden verdankt und von ihm lernen kann. Das Dritte ist. der immer weiter um sich greifende Wahn, in einer materiellen Gleichstellung aller Menschen liege die Panacee allgemeiner Glückseligkeit. Es ist hier nicht der Ort, die Unmöglichkeit einer solchen Gleichstellung darzuthun, die, wenn überhaupt erreichbar, in Wahrheit nur ein allgemeines Elend und das gerade Gegentheil der möglichen, daher nach Kräften nnstrebenden Verminderung menschlicher Notli wäre. Wir wollen nur hervorheben, dass es ausser der Besitzlosigkeit noch gar Manches giebt. das der Glückseligkeit sich in den Weg stellt: körperliche Leiden, Erziehungsmängel, Verirrungen, getäuschte Hoffnungen und Alles, was der Mensch dem Menschen und sich selbst anthut. Spinoza ist das leuchtendste Beispiel eines Mannes, der allein durch Arbeit und Geistesklarheit zu einer allerdings sehr bescheidenen Lebensstellung, aber zur wahrer Glückseligkeit emporgeklommen ist. An ihm kann Jeder lernen, worauf es dahei vor Allem ankommt. Nicht nur in allgemeinfasslicher Form seine Lehre, sondern auch seine viel bewegte Zeit und im Ringen mit ihr diesen herrlichen Charakter in seiner ganzen Lauterkeit dargestellt zu haben, ist das grosse Verdienst Wilhelm Bolin’s. Dieses Verdienst ist um so grösser, da bei dem zurückgezogenen Leben des Philosophen und der spröden Spärlichkeit der erhalten gebliebenen Nachrichten, ein besonderes Geschick erforderlich war, um auch für weitere Kreise das edle Bild zu einem anziehenden auszugestalten. (Schluss folgt) Recensionen. Caro. Dr. Jecheskiel, Rabbiner. Geschichte der Juden in Lemberg von den ältesten Zeiten bis zur Tlieilung Polens im Jahre 1702, nach Chroniken und archivalischen Quellen bearbeitet. Selbstverlag und H. Altenberger’sclie Buchhandlung in Lemberg. — Den Zug 80 vieler aus dem Breslauer Seminar hervorgegangenen Rabbiner zu historischen Studien hat der Altmeister Grätz ihnen in die Seele gelegt. Ihnen verdanken wir eine Reihe von Städtegeschichten, die einen dauernden Werth besitzen. — Caro hat schon als Rabbiner in Erfurt in diesen Blättern geschichtliche Forschungen veröffentlicht, die ihn als gründlichen Kenner der jüdischen Geschichte im Mittelalter erwiesen. — Nun hat sich ihm in Lemberg ein weites, bisher noch nicht bearbeitetes Gebiet erschlossen. — Im städtischen Archiv und in den Akten des alten Grodgerichtes fand er so zahlreiche Quellen für die Geschichte der Juden in Lemberg, dass eine Bearbeitung derselben dringend geboten erschien. Der Verfasser hat seine Aufgabe glänzend gelöst, denn er entwickelt vor uns in grossen Zügen eine fünfhundertjährige Geschichte, auf welche die Juden Polens, besonders aber Lemberg’s, stolz sein können. — Früher als Polen und Deutsche waren Juden dort angesiedelt und selbst in den finstersten Zeiten religiöser Verfolgungssucht bildeten sie einen Faktor, mit dem die Machthaber rechnen mussten. — Oft verhandeln sie mit dem gestrengen Rath der Stadt wie Macht mit Macht. Denn zahlen konnten und mussten die Juden nach allen Seiten hin, die Kirche war ihnen oft geneigt, nur in den wilden zuchtlosen Schülern des Jesuitencollegiums hatten sie erbitterte Feinde und Plagegeister. Die Geschichte des geistigen Lebens hätte vielleicht, besser mit der politischen verflochten werden können, der Verfasser hat es vorgezogen, die Rabbiner und Gelehrten in einem besonderen Tlieile zu

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