Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 28. (13.7.1894)
- Date
- 1894-07-13
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
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111 Das bekannte Wort ן בשעת חדווחא חדוותא, בשעת אבלא אבלא (Gen. ßabb. C. 17) verschaffte sich Geltung; so gross die Trauer war um den Verlust der Heimat und des Heiligtums, so mochten die Weisen doch den gehobensten Freudenstimmungen, wie sie solche Familienfeste erzeugen, ihr Recht nicht verkümmern. Was nun die Form des Akiba’schen Toastes betrifft, so lässt sie neben der zunächst sich aufdrängenden Erklärung noch eine zweite Deutung zu, auf die ich kurz hinweisen möchte. Nahe liegt, dass bei Gelehrten und Gelehrtenjüngern der Wein, mässig getrunken, eine Potenzierung des geistigen Lebens herbeiführt. Im Munde der Rabbiner wollte wohl Akiba sagen, der vielleicht die Wendung nicht selber geprägt, sondern als den Refrain solcher Toaste vorgefunden, droht vom Weine keine Gefahr — bei aller Schätzung, die dem edlen Rebensäfte zuteil wurde,*) wird, wie ebenfalls wohlbekannt, das Bedenkliche des Weingenusses im Talmud und Midrasch oft betont. Ich erinnere nur an das prächtige Bild, das Lev. Rabb. (zu 10, 9) R. Tanchuma gebrauchte; »Die Rebe, die Mutter des Weines, kann nicht aufrecht stehen beim Weine (sie muss mit vielen Stäben gestützt werden) und du willst dich aufrecht halten können.«**) Solche Befürchtunden sind bei Weisen ausgeschlossen — für sie hat der Wein nur eine Erhöhung, aber keine Herabsetzung und Hemmung des geistigen Lebens zur Folge, wie Friedrich Bodenstedt in seinem Mirza Schaffi singt: In Gemeinheit tief gesunken, Liegt der Thor, vom Rausch bemeistert, Trinket er, ist er betrunkea, Trinken wir, sind wir begeistert.***) Dass die Begeisterung der Besonnenheit keinen Eintrag thut, dass von den drei Trauben, die nach dem Aus- Spruch des Anacharsis die Rebe trägt, der Weise nur die eine, die ״des Vergnügens“, nicht die beiden anderen der Trunkenheit und Traurigkeit pflüekt, dass das Steuerruder, welches nach dem griechischen Worte: .,6 olvo? cöx lyzi wT]84Xta“, vinum caret claveo, dem Weine fehlt, den Gelehrten auch nicht bei Gelage entsinkt, wollte Akiba gewiss in erster Reihe mit seinem Toaste sagen. Doch auch auf ein Anderes scheint mir dieser Dithyranbus an- Zuspielen. Ich meine die wohlthätige Wirkung, die er nach der damaligen Annahme auf die Gedächtnisskraft übt. Hör. 13 b wird unter den das Gedächtniss stärkenden Mitteln der Wein besonders hervorgehoben: חמשה דברים משיב־ן את הלמוד .... הרגיל ביין und Synh. 70 a stellt Raba den Satz auf: ״ חמרא וריחני פקחיםWein und Wohlrüche fördern den Scharfsinn.‘־ f) Es ist wohl möglieh, dass der Trinkspruch, der ja nur auf Gelehrte ausgebracht war, hierauf Bezug nimmt ״Da die Studien in der talmudischen Zeit nur in sehr geringem Maasse von Büchern unterstützt und, die Bibel ausgenommen, nur durch mündliche Mittheilung und Wiederholung fortgepflanzt wurden, war ein treues und festes Gedächtniss eine viel wichtigere Gabe als in unseren bücherreichen Tagen“. (Löw, Lebensalter ד vgi. Bab. bathr. 58 b בריש כל אסוון אנא חמר, באתר דלית חמר תמן מתבזו סמנים ,.keino Arznei kommt an Heilkraft dem Woiue gleich“ und Sir. 32, 22. *אימיה לא יד־יה ביה ואת יביל קאים ביה? ר. - vgi. auch Jonia 76 die Antwort auf die Frage: אמאי קרי ליה יין? ואמא* וכוי; und Erub. 60a כל (שדעתו מיושבת ביין) המודשב ביין י;• בו דעת ע, וקנים. (Levy im 1,ex.«. v.;יי). ***) vgi, Kimchi z. jud. 9, 1:1. כי היין משמח האנשים הגדולים והחכמים אבל האנשים הפחותים י:׳תכרו ותשתבש דעתם בי. +) Auch neuere Schriftsteller sagen, dass bei Goruchswahrnehmungen das Gedächtniss sieh rege. S. 261.) Wie durch allerlei Hilfsmittel dem Gedächtniss nach- und abgeholfen wurde, wie der Satz: אין תורה ״ ניקנית אלא בסימניםOhne Benutzung dieser Hilfsmittel könne man die Lehre sich nicht aneignen“ aufkam und mit Aussprüchen der Thora, des Propheten Ezech. und der Sprüche begründet wurde, ist ausführlich Erub. 54 * zu lesen.*) Als bestes und rationellstes Mittel aber wurde doch die unablässige Wiederholung des Gelernten erkannt und empfohlen (s. m. Beitr. No. 8.) Ein Spruch, der das besagt, wird von Abravanel, was Stern im Litteratur- Blatt des Orients 1849, S. 500. schon angemerkt hat, als ein Ausspruch der Weisen angeführt, im Comment. zu Aboth Ausg. Frankf. 178a (5. 19 gegen Ende“) שיקרא וישנה הדבר פעמים רבות יתרשמו בו בהכרח וכמו שאמי־ חזור חזור ואל תצטי־ך לבלדורד* ״Wiederhole fleissig, so bedarfst du des Balsams nicht.“ Das Wort aber heisst nicht בלזר, sondern בלדר t)• So findet es sich wie bei Abravanel, auch bei Leo da Modena, der es in .seiner Mnemotechnik 1. c. S. 77 näher als eine Art ״Decoct״ erklärt וכאלה רבות ראיתי מיני מרקחות קראום מיני באלאדרר לקחת בפה.; ebenso (S. 6) כמה מיני בלדור ומרקחות• Auch er stellt den Satz als einen von unseren Weisen herrührenden hin gleich im ersten Abschnitte, der .,von dem grossen Werthe eines guten Gedächtnisses für Jedermann“ handelt, והנם שלמדונו חדל: הדור והדור ואל תצטק לבלדור. in dem Werke שלמה מול עדר von San wet Löw (Prag 1818, II. S. 51) wird der Spruch ebenfalls erwähnt und daraufhingewiesen, dass er sich in keinem älteren Werke der talmudischen Periode linde. Dieselbe Bemerkung fand Stern als Randglosse von der Hand R. Jes. Pick in einem Exemplare des ״מעשה טוביה״, des bekannten Arztes Tobia ha-Kohen, welchen der grosse Kurfürst auf seine Kosten, wie Tob. in der Einleitung dankbar rühmt, in Frankfurt a. 0. Medicin studiren liess. Auch da soll der Spruch citirt sein im Namen ״unserer Weisen“ aber er ist nicht zu linden לא בבבלי ולא בירושלמי ולא במדרש לא בכפי־י וספרא ולא במכילתא. *) Vergl. Jac. Brüll’s gediegene Abhandluug im דורש לציון über Mnemotechnik des Talmuds 8. 4 ff. und 8. 19 ובאמת שמוש דסימנים לא הוה רק לעזר ולמנן נגד השבחה, כי אם י גס לחזק הזכרון. Interessant ist die Bemerkung Leo du Modena's in seiner Mnemotechnik מאפר זכרון לבני ישראל לב אר־ך (Wilnaor Ausgäbe S. 14), dass Raba, wie Rasehi’s Erklärung עשני פלה »mich hat der Wein klug gemacht«, beweist, nur seine persönliche, aber keine allgcmeingilligo Erfahrung in diesem Spruche niederlegtc. Es sei nicht mit dem Pathaeh zu lesen, sondoru mit Scliowa und das גי als Suffix zu fassen וילצה שלו הועילו ועשהו פקח אבל מי יודע אם יפעלו זה לשאר בני אדם? Er räth darum eindringlich von dom Gebrauche sowie dieses, auch aller anderen Medica in eilte behufs Stärkung des Gedächtnisses ab und bekundet dabei einem Skepticis- 11ms hinsichtlich der Wirkung der Medieamente überhaupt, der heute selbst von grossen Aerzten getheilt, bei dem damaligen Stande der Medicin sicherlich nicht allzuliüutig angetroffen wurde. Er sagt wärtlieh (1. c. s. 13): ואני רגיל לזכר לרופאים כי דל מצותיה לא העשה גלב עלם אני שומע ומקיים, ני אמלא ייעירולאיזיקו, האמנם כמצותיהם שיש בהם קום עשה בכל כחי אבקש לנום מלעשותם כי לדעתי שגגותיהם רבים על תועלתם בחכמה אבן לקחת המרקחות ... לא ירד בני עמכם לעורם. .... **) Dukes (Spruchkunde S. 91 י liest בלזר־ •Balsam«, t) Das Wort בלדר ist mir nicht klar. Auch Kragen au gelehrte und linguistisch competonte Freunde haben keine befriedigende etymologische Erklärung erzielt. Vielleicht ist einer der Leser dieses Blattes in der Lage, den Ausdruck zu deuten. Der Spruch scheint mir von einem medizinischen Schriftsteller des Mittelalters oder Alterthums herzurühren, der, oft gehraucht, auch von Abrawanel angewendet wurde. Man nahm wohl das אדרו, mit dem Abrawanel den Satz einleitete und das auf niohtjüdischo Weise sich beziehen kann, als dio geläufige Einfuhrurgsl'ormel eines Dictums, das unsere חכמים!unterlassen.