Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 27. (6.7.1894)
- Date
- 1894-07-06
- Page
- Seite 107 (sequence 3)
- Language
- German
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107 Liebliche, Beglückte«) mit bitterer Ironie ausrufen: »Nennet mich nicht Naomi, sondern Marah (מרה »die Betrübte, Unglückliche«), denn der Allmächtige hat mir mein Dasein verbittert«. (Ruth, cap. I, v. 21). Bei einigen in der Bibel erwähnten jüdischen Frauen findet man ebenfalls Namen, die eine annähernde Verwandtschaft mit dem Charakter oder der Thätigkeit und der Erfahrung im Leben ihrer Trägerinnen haben. Eva (חוה) — von חיה — ist nach der Bibel die Mutter aller »Lebenden« und Sarah (שרה) »die Fürstin« füllte auch thatsächlich ihren weiblichen Beruf mit Würde und standesgemäss aus. Der Name Rebecca (רבקה), welcher »Schaf oder Schäfchen« bedeutet, Hesse sich passend auf die unkluge (»schäfisehe«) Weise anwenden, in der sie ihrem Manne und ihrem Sohne Esau gegenüber gehandelt hat. Dass Dinah (דינה, »die Gerichtete«) so zu sagen vom Schicksal gerichtet wurde, weil sie unbeschützt im Lande umherstreifte, geht aus . der Erzählung in Gen/'XX'XIV klar und deutlich hervor. Deborah (דבורה), »die Biene«, hat in Gemeinschaft mit dem flinken Barak (ברק, »der Blitz«) den Feinden ihres Volksstammes gar manche empfindliche Stiche versetzt und Hanna (חנה, »die Betendb oder Begünstigte«) hat ihren heissesten Wunsch und ihren höchsten Lebenszweck dadurch erreicht, indem es ihr gelang, ihren lang ersehnten Liebling Samuel (den von Gott Erbetenen) zum gottgeweiheten Manne und zum spätem Propheten heranbilden zu lassen. — Schliesslich 8011 hier noch der Name Keren-ha-puch (קרן ה5ור) in Betracht gezogen werden, den bekanntlich eine der überaus schönen Töchter Hiobs geführt habe. Nun scheint aber פוך mit dem griechischen cpu/o; und dem lateinischen fucus etymologisch verwandt zu sein und bedeutet demnach »Schminke« und קח הפוך würde mit »Schmink- Hörnchen« zu übersetzen sein. Ob letzteres wirklich von der Trägerin dieses Namens in ihrem Boudoir häufig gebraucht wurde oder nicht, ist selbstverständlich eine Frage, die keine ernste Untersuchung verdient. Belfast. Dr. Chotzner. Beiträge zur vergleichenden Gnomologie. Von I)r. Klcmperer-Berlin. I. האנס ישחה בצציצו (Ketub, 39a) »Der Verführer soll aus seinem Topfe trinken« (d. h.: er muss die Verführte heirathen*). Vgl. Raschi z St.: בכלי שבחר לו לשתות בו כלומר,צל ברחו ישאנה כדכתיב לא יוכל לשלחה (Deut. 21,19)). Eine Parallele zu dieser drastischen Redewendung findet Dukes in seiner Spruchkunde S. 9 in der spanischen sprichwörtlichen Redensart: beber por calabeza (aus dem Kürbis trinken), die »übereiltes Heirathen bezeichnet. Das tertium comparationis liegt nach Dukes in der Gefahr, dass wer aus einem Kürbis trinkt, da er nicht sieht, was er trinkt, auch manches Unreine verschluckt. So läuft auch, wer eine übereilte Ehe schliesst, Gefahr, mancherlei mit seiner ihm nur äusserlich, nicht aber ihrem Wesen und Charakter nach bekannten Frau in den Kauf zu bekommen*, was er hernach zu spät bereut. Der Ausdruck geht zunächst auf Spr. Sal. 1 f> ff. zuvück, ist über auch vielleicht entstanden unter dem Einflüsse des bekannten Bildes vom Weine und der Hefe, das Griechen und Römern zur Bezeichnung dieses Verhältnisses und der aus ihm sich ergebenden Verpflichtung geläufig war. »Faex illi placeat, qui bona vina bibit < (Zinegref 4 p. 91) istauf Aristopliaues zurückzuführen, der (Plut. 1085) Chremylus einem Jünglinge, der »einer ihm lästig ge- •) Auch wenn, wie die Mischna erklärt, (אפי^ו היא חיגרת אשיי היא סומא אפי' היא מוכת שחן), sie lahm, blind oder aussätzig geworden. wordenen Geliebten« sich entledigen will, zurufen lässt: »'Eae'-Stj xai xöv olvov trfvetv a׳jvex7toxE’ eaxl <30: xat xijv xp׳j-(a־. (Plut. ed. Hemsterhuis S. 407) »Quia vinum bibere tibi non ingratum fuit. Etiam faeeem simul ebibendum tibi scias«. II. הפך והפר בה דכולא בה (Aboth 5,22). Die Vieldeutigkeit der Schriftworte wird in der Agadali in den mannigfachsten 1Wendungen und Gleichnissen, die dem Leserkreise dieses Blattes nicht erst aufgezählt werden müssen, zum Ausdruck gebracht. Sie führen alle auf die Psalmworte zurück (02,12) אחת דבר אלהים ׳ודם זומצתי» »Eins nur hat Gott geweckt, Zwiefaches höre ichheraus«und 08,12. Schön ist das poetische Bild, das an den Ausspruch Jerem. (23,29) >■ wie derHammer splittert den Fels* anknüpfend, von der Gotteslehre sagt — sie sei der Fels, dem der Hammer des eindringenden Forschens nicht einen Funken nur, sondern eine reiche Strahlen-')jy#j fülle entlocke. Das will sagen: Wer dem Gottesbuche auf den Grund dringt, empfängt von jedem Schriftworte mannigfaltige Belehrung auch über scheinbar diesem völlig fernliegende Dinge, zu deren Erwägung sein Geist sich unwillkürlich angeregt fühlt. Zwei unserer bedeutendsten neueren Dichter, Fr. Rückert und Em. Geibel, haben diesem sinnigen Gedanken in trefflichen Gnomen eine feingeschliffene Form gegeben. Geibel’s Spruch lautet: Das ist die Kraft, Poet, dadurch der Geist, Der wahrhaft schöpferische sich erweist, Das kaum von soinem Flügelschlag boriihrt, Dein eigener Geist den Drang des Schaffens spürt. Rückert’8 Wort kommt den vom Midrasch gewählten Bildern noch näher, man wird unwillkürlich an die ודלי תילים של הלכות erinnert: In jedem Wort, wenn wir’8 erwägen, liegt ein ganzes Buch, Und mannigfach ist auszulegen der einfachste Spruch. Viel kann aus wenig Worten lernen, wem es ist verliehen, Als wie Du kannst aus kleinen Kernen grosso Bäume ziehen. Wo aber von der Anregungsfähigkeit und der Anziehungskraft als den charakteristischen Merkmalen aller originalen, grossen Geistesgebilde die Rede, da wird die vergleichende Gnomologie des tiefsinnigen Bildes nicht vergessen dürfen, das Plato, der gewaltige Dichterphilosoph, in seinem Dialoge »Ion «oder von der Poesie« uns hinter lassen. Er spricht von einem Stein, den Euripides den Magnetstein genannt haben soll. Dieser Stein zieht nicht nur die Eisenriuge an, er theilt ihnen auch die Eigenschaft auzuzielien mit und alle Ringe leiten ihre Anziehungskraft von diesem Steine ab. So inspirirt auch die Muse die Poeten und diese, Anderen wieder ihren Entliusiasmus mittheilend, bilden eine Kette von Begeisterten. Die Muse hält den Stein in der Hand; der erste Ring ist der Poet, der zweite Ring der Rhapsode, der die Gesäuge des Dichters dem lauschenden Volke vorträgt, der letzte Ring ist der Hörer, der angezogeu und begeistert wird, wie die Glieder, die ihn mit der Muse verbinden* — guxü) 5t xal ifj Moöaa tvöiou; [itv TO'.et aüxr), 5cd St xwv tvtKmv xoöxwv dXXtov tvö’ouata^övxwv äppaitö{ tijapxäxac. (Plat. op. ed. Becker vol. 2 S. 443). (Fortsetzung folgt. Recensionen. Posnänski. Samuel,(קונטרס בדקדוק שפת עבר). Eine hebräische Grammatik aus dem 13. Juhrhumlert. Zum ersten Mal herausgegebeu mit Einleitung und Anmerkungen versehen. Berlin 1894. S. Calvary X Comp.