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Das jüdische Literaturblatt · 1894-06-15 · No. 24. (15.6.1894) · p. Seite 94

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 24. (15.6.1894)
Date
1894-06-15
Page
Seite 94 (sequence 2)
Language
German
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1(4 glaubten 1111 zwei in der Natur waltenden Umflicht«*, die des Lichtes und des (luten. Orinuzd. und die der Finsternis und des Bösen. Ahriman. Bei den Aegypten! herrschte der Thiei-kultus und das Kastensystem. das die Menschen nach Gehurt. Stand und Ran״ trennte und keine Ahnung von der Einheit des Menschengeschlechtes hatte. Die Griechen und Römer verehrten (lütter, die mit menschlichen Schwächen behaftet waren. Der Fremd«* ״alt bei ihnen als Barbar, kranke und gebrechliche Kinder wurden ausgesetzt. Wundern wir uns nicht, wenn es in Bezug darauf im Mosais- 11111s heisst (:5 M. iS. 2. 4.): -Nach dem Werke Aegyptens, wo ihr gewohnt, solltet ihr nicht thun. und nach dem Werke des Landes Kanaans, wohin ich euch bringe. timt nicht; wandelt nicht in ihren Gesetzen. Fs was eine Schwere Arbeit, «las Judenthum mit seinem r«*i11en Gottesglaubtm. den Lehren und Gesetzen des gleichen Rechts, der Nächstenliebe, der Einheit und Freiheit des Menschen unter die Völker zu bringen, — Wie geschah es? Israel hat sich dieser Arbeit hingegeben und das war sein Dienst für die Menschheit. Drei Sendboten schickte •«las Judentum aus, welche seine Lehren unter die Völker verbreitet! sollten. Her erste Sendbote war die griechische Bihelüber- Setzung. die Septuaginta. gegen die Mitte des zweiten Jahrhunderts vor der gew. Zeitrechn. Fm-tsetzun״ f!>l״t Maybaums Predigten. III. Nur sehr schwer werden wir uns ferner dazu verstehen können, dass die Talmudweisen, wie Maybaum ausführt, bei ihrer Interpretation der heiligtn Bücher mit Bewusstsein diesem Prinzip der Entwick- 11111״ gehuldigt haben; sie haben diesem Prinzip gedient, aber ob sit* sich zu ihm bekannt haben‘:■׳ Es ist kaum korrekt, wissenschaftliche Ueberzeugungen. wie sie in der Neuzeit sich durchgt*ru11gen haben, den Alten zu imputiren, die vielleicht manchmal wie durch Nebel etwas Aehnliches geahnt haben. Eine Legende wie die von R. Akiba und «len Krünchen über den Buchstaben der Tora bei einer Probepredigt anzubringen. würde heute wahrscheinlich Maybaum seinen Schülern ahrathen. schon weil die Erzählung und ihre Nutzanwendung gerade für diesen Zweck zu abgegriffen ist; Joel hat sie s«‘i11«*r Zeit bei einem gleichen Anlass in Breslau verwendet; aber du war sie der Angelpunkt der ganzen Predigt; das ist was Anderes; auch die sich anschliessende Stelle, wo die Reduktion «ler biblischen Gebote auf elf, auf sechs, auf drei, auf eine Vorschrift der Propheten angeführt wird, ist für einen Maybaum zu wohlfeil. Sodann entwickelt der Redner höchst verständig und sachgemüss, dass die Entwicklung nicht nur eine erweiternde, sondern auch eine einschränkende s«*in könne. Der Gärtner nützt dem Baume, auch indem er mit einer scharfen, unbarmherzigen Scheere einzelne Schösslinge abschneidet; es sind nicht immer nur »ahgelebte Zweige-. wie Maybaum meint, die zum Opfer fallen; es können auch manchmal lebensfrisehe Rankeil sein, aber der Gärtner sieht ein. dass der Boden diesen ganzen, vollen Reichthum der Entfaltung auf die Dauer nicht ernähren könne und sorgt um die Zukunft : es thut ihm bitter weh. wenn er so ins frische Loben hineinschneidet; um das;Abgelebte« würde er sich nicht sorgen; und dennoch meint er so dem künftigen Gedeihen am Besten zu dienen. Also es ist recht und redlich und vor Allem richtig, dass Maybaum von einer einschränkenden Entwicklung redet; nur der Beweis aus «ler Geschichte des Juileuthunis ist wieder nicht glücklich. Wir lesen mit gesperrter Schrift die emphatische Frag«•: »Ist das Geremonialgesetz wichtiger als der Lehr- und Gluubensinhalt des JudeuthumsV« und nun wird darauf hingewiesen, dass Maimonides «lreizehn Grundwahrheiten, Chasilai Kreskas acht. Albo drei angenommen habe, und dass Mendelssohn gar überlumpt Dogmen innerhalb des Judenthums nicht gelten Hess. Was sind das für kühne Sprünge! Maimonides, Kreskas, Albo, Mtmdelssohn schreiben gelehrte Arhinten rein privaten Charakters; zudem waren «lie U11terschie<le vielfach nur formal, ob nicht mehrere Wahrheiten sich unter einen Satz subsumireu lassen, so zu sagen unter einen Hut gebracht werden können. Der Glaubensinhalt ist das Heiligthum jedes Einzelnen; das Judenthum ist im Grossen und Ganzen vor der Versuchung bewahrt geblieben, dass seine Führer hier regulirend eingriffen. Dagegeii das Geremonialgesetz, «las äussere religiöse Leben, kann eine Regulation selbstverständlich nicht entbehren. Der erste Theil dieser Rede schliesst mit den Worten; »Heil uns. wenn auch in unseren Führern («las sind die Vorsteher) dieser Geist waltet, der den edlen, leuchtenden Kern stets ins Auge fassend mit wunderbarem Blick herausfindet, wohin das religiöse Bediirfniss der Zeit sich neiget.« Ist mm in diesem Satz das »mit wunderbarem Blick« hypothetisch oder wirklich? haben die Führer den »wunderbaren Blick« oder wäre es schön, wenn sie ihn hätten? wenn hypothetisch, dann ist es überflüssig, denn wir können schon zufrieden sein, wenn unsere Führer auch ohne »wunderbaren Blick« das Richtige herausfinden. Den Vorstehern könnte ohnedies vor ihrer Gottähnlichkeit hang werden, wenn sie in dieser Rede von ihrem Ruhme lesen. Natürlich enthält die Rede noch viel Treflliches; sonst hätte sie ja nicht den Erfolg gehabt, «lass der Redner zu dem wichtigsten jüdischen Predigtamt wäre erkoren worden. Aber wie viel hat Maybaum, wenn wir «lie jüngst erschienenen Reden, die aus den letzten Jahren stammen, mit dieser ersten in Berlin gehalteilen vergleichen, in Berlin gelernt. In diesen jüngst erschienenen Predigten ist «lie Disposition klar und wird aufs Strengste inuegehalten, da werden keine mehr oder weniger interessanten Midraschim auf geflickt, sondern Alles, was angebracht wird, hängt aufs Genaueste mit Text und Thema zusammen. Der Ausdruck ist schlicht und kurz; die Gegenstände der Betrach־ tung sind nicht weit hergeholt, sondern ergeben sich aus dem Schriftwort und den Strömungen «ler Zeit. Wie anders würde Maybaum. so denken wir. heute von «len Vorstehern reden; er würde sie vielleicht nicht strikt mit Josua vergleichen, er würde darum nicht verkennen, dass es oft Männer sind, in denen »Geist waltet«, er würde auch für den Segen des jüdischen Laionregiments Worte finden, aber «ler nicht nur freisinnige, sondern auch freiinüthige Mann hätte auch für manche Ausschreitungen scharfe Accente. Sehr selten begegnen wir in diesem Sabbathreden Anspielungen auf Dogmen und Formen der »Tochterreligion«. Seihst diese seltenen Anspielungen sind uns noch zu viel. 111 dieser nervösen Zeit, in dieser Zeit, wo man in strengkirchlichen] Kreise jede Gelegenheit aufsucht, uns Juden gegenüber den Empfindlichen. Verletzten zu spielen, ist es das Beste, zumal auf der Kanzel, die Beziehungen zwischen Mutt«*r- und Tochterreligion li«*h«*r gar nicht zu erörtern.

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