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Das jüdische Literaturblatt · 1894-06-08 · No. 23. (8.6.1894) · p. Seite 90

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 23. (8.6.1894)
Date
1894-06-08
Page
Seite 90 (sequence 2)
Language
German
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90 verkündeten Lehren und Gesetze der Gottes• und M e n s 1• h e 111 i e 1י e waren nicht ausschliesslich f ii r das israelitische Volk. sondern sollten durch dasselbe in die ganze Menschheit einziehen.!•'״rtsctzim;; Maybaums Predigten. 11. Für die Entwicklung eines Predigers ist das Haus des Predigers von nicht geringer Bedeutung. Jeder, der öffentlich wirkt, verfällt leicht der Gefahr, eine übertriebene Meinung von seinem eigenen Werthe sich auszubilden. So viele drängen sich heran, um ihre Bewunderung auszudrücken; wer wäre nicht empfänglich für das süsse Gift der Schmeichelei; auch wenn wir unter normalen Verhältnissen gegen den Geschmack und die Urtlieilsfähigkeit der aufdringlichen Kritiker unsere Bedenken hätten, auch wenn wir merken, dass sie nicht gerade das hervorheben, was uns an unserer Arbeit das Beste scheint, sondern eher das nach unserer eigenen Meinung Schlechtere, wir bereden uns. dass dann diese Stellen wenn auch nicht gut, so doch zum mindesten wirkungsvoll gewesen sein müssen; es giebt unter den Predigern Leute, die an Eitelkeit und Selbstberäucherung den Schauspielern nichts nachgeben, natürlich ist diese hohe Meinung von sich selbst nicht geeignet, den Prediger zur Selbstzucht anzuhalten und seine Entwicklung wohlthätig zu befördern. Das Wort der Tadler dringt fast nie zum Ohre des Redenden. Darepräsentirt die Fra u desPredigers am besten die öffentliche Meinung. Maybaum hat seine jüngst erschienene Predigtsammlung seiner Lebensgefährtin in »dankbarer« Liebe gewidmet. Das Beiwort •dankbar scheint uns mit gutem Bedacht gewählt. Frau Maybäum ist zweifellos ihrem Manne eine liebevolle Zuhöherin uud sie wird nichts dagegen haben, dass seine Predigten Begeisterung erwecken; aber sie kassirt ihr eigenes Urtheil nicht einmal vor dem des Publikums. Maybaum ist eine leidenschaftliche Natur, man sieht es nicht nur, man hört es heraus, dass seine Wiege im Lande des Tokayer gestanden hat; das ist häufig ein Vorzug; aber Maybaum lebt jetzt im kühlen Norden: und wo ist es kühler, wo nüchterner, zumal soweit das religiöse Leben in Betracht kommt, als in Berlin, als in jener Stadt, wo nach Heine die klügsten Leute von der Welt wolrneu uud wo man die Ironie erfunden hat. Da wird es Jeder schon verstehen, warum Maybaum an der Spitze seiner Predigtsammluug, seiner Frau dankbare Liebe bekundet. Es ist beachtenswerth, dass unter den fünfundvierzig Predigten, die dieser Band enthält, sich keine befindet, die Maybaum vor seiner Berliner Wirksamkeit gehalten hat, und dass bei weitem die meisten in den letzten Jahren gesprochen worden sind. Offenbar haben ihm die Reden aus frühem Jahrgängen nicht mehr genügt, und der Fortschritt besteht wohl darin, dass er schlichter, volksthümlicher geworden ist. In jungen Jahren redet man häutig auf der Kanzel von den Fragen, die vornehmlich den Theologen beschäftigen; das hört sich immer sehr tief, sehr geistreich au und selbst das liebe Publikum geht zuweilen entzückt von dannen und sagt: wie grossartig muss das Alles gewesen sein, da wir es garnicht verstanden haben. Aber wenn der Prediger an sich selbst arbeitet, so wird er immer weniger grossartig, so wendet er sich von den Fragen, die den Theologen angehen, zu denen, die das Volk selbst in seinem innersten Gemüthe erregen. Maybaum selbst lässt uns den Unterschied, und wie wir annehmen, den Fortschritt deutlich erkennen; er hat früher einmal die ersten Reden veröffentlicht, die er in Berlin gehalten hat. die sogen. Probepredigt und die Antrittsrede; der Redner, der es nie mit seiner Aufgabe leicht genommen, war sicherlich damals bemüht, das Beste zu leisten, und er konnte sich Zeit nehmen. Und dennoch, wie hat Berlin den Mann erzogen, wenn wir die jüngst gehulteilen Predigten mit diesen alten vergleichen; Maybaum müsste den Berlinern ein stattliches Lehrgeld dafür bezahlen, was er von seiner Gemeinde gelernt hat. Sehen wir uns einmal die erste Rede, die Maybaum in Berlin gehalten hat, daraufhin etwds genauer an. Das Thema der Rede ist: Welche Eigenschaften muss ein Gemeindevorsteher haben, um sein Amt würdig zu führen? Dass das Thema besonders gut gewählt sei für einen Prediger, der als Bewerber um ein geistliches Amt zum ersten Mal gleichsam als Gast zu einer Gemeinde redet, wäre eine kühne Behauptung. Glücklicherweise kümmert sich der Redner auch um sein Thema nicht viel und schweift nach allen Riehtungen von ihm ab, während es der Vorzug der jüngst veröffentlichten Reden ist, duss der Redner bei der Stange bleibt und seinen scharf abgegrenzten Stoff bespricht. Diese Gemeinde-Vorsteher werden als die direkten Nachfolger der Richter, der Propheten, der Soferim. d. i. der Schriftgelehrten, hingestellt. Eine solche Ehre, einen solchen Stammbaum zu haben, hat sich nicht einmal Herr Justizrath Meyer träumen lassen. Josua wird als Vorbild aller Vorsteher hingestellt. Josua war ein Mann, in welchem Geist ist. »Das Wort Ruaeh kann nichts anderes bedeuten, als Ruach hukodesch. den heiligen Geist« — sagt der רז מ freisinnige Maybaum; o nein, die Schrift ist freisinniger als Maybaum. Ruach, der Geist an sich, ist schon etwas Grosses und Gewaltiges, es giebt gar keinen unheiligeu Geist. Zum Beweise dafür, dass Mose wusste und wollte, »seine Religion solle dem allgemeinen Gesetze der Entwicklung unterworfen sein«, wird angeführt, »so hat selbst Mose wegen der vielfachen Beschwerden des Volks auf die allgemeine Durchführung des Bundes- Zeichens verzichten müssen.« Eine höchst gewagte These! Wir wollen hier die Frage nicht aufrollen, ob man sich auf das »allgemeine Gesetz der Entwicklung in der Religion berufen könne, wenn man heute oder später einmal die Beschneidung aufheben wollte. Jedenfalls könnte man sich nicht auf Mose berufen, sondern für ihn lagen sanitärische Gründe vor. dieses Gebot in der Wüste nicht ausführen zu lassen. Gründe, wie sie noch heute die Ausführung dieser abraliamitisehen Satzung vielfach verhindern oder einen Aufschub erheischen. Das ist der Standpunkt, den der Talmud (Jebumoth 71 b) einuimmt, und er ist durchaus rationell. Das wäre ja auch eine sonderbare Entwicklung, die sich kurze Zeit darauf wieder z u r ü c k entwickelt, denn Josua hat ja wieder die Beschneidung einführen lassen. Es gab einen grossen Reformrabbiner, der, wenn auch nicht öffentlich, so doch privatim sich zu der Ansicht■ bekannte, dass die Beschneidung der Ausbildung des Judenthums zur Weltreligion sehr im Wege stehe; diese Ansicht hat eine welthistorische Parallele; aber es ist eine Kühnheit ersten Ranges, sich auf Mose zu berufen, dass er der erste Reformer auf diesem Gebiete gewesen sei; nein, Mose tliat nur, was jeder Arzt thut, der nach seiner rein medicinisclien Ueberzeugung den Aufschub der Beschneidung auf acht Tage in einem speciellen Falle anordnet. So »allgemein entwickelt« war und ist noch heute der orthodoxeste Jude. ,Schluss folg.

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