Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- No. 22. (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- Seite 86 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 86 — Wir reichen nur dem religiösen Redner die Palme, der niemals die grosse Menge aus dem Auge verliert; gerade diese schaut verlangend zu ihm empor; er soll ihr nicht statt des Brodes einen Stein reichen und sei es auch ein Edelstein. Der Gebildete hat seine Bücher, hat seinen Verkehr; da klären sich die Gedanken, da. steigern sich oder glätten sich die Gefühle. Aber der Ungebildete, allenfalls hat er seine Zeitung, die ihn durch ilire Einseitigkeit noch mehr verwirrt. Für den kann der Prediger ein hoher Segen werden, wenn er ihm entgegenkommt, wenn er nicht durch eine nllznhohe Sprache und durch einen allzu erhabenen Ideenkreis ihn noch mehr umnebelt. Mayba.mn redet fast immer zu der ganzen Gemeinde. er will von allen verstanden werden; er ist nicht excentrisch weder in Worten noch in Gedanken. Menschen, die viel sprechen oder schreiben, haben häufig einige Lieblingsworte und -Wendungen; auch solche Liebhabereien sind bei Maybaum selten; so begegnen wir hei ihm dem Wort(‘ Geartung mehr als nötliig, denn unseres Erachtens ist es kaum (,in mal nöthig und einer, der wie Maybaum redet, dass es es eine Art hat, sollte auf das Verdienst verzichten, ein so verschnörkeltes Wort in die deutsche Sprache cinzuführen. Was wir am meisten an Maybaums Reden ancrkennen, ist dass der Geist der Zeit in ihnen waltet und dass sie doch wohl nie aufhören Kanzelreden zu sein. Der Lärm der religiös, politisch und sozial tief aufgewühlten Zeit dringt auch hinein ins Gotteshaus; wer fort und fort■ nur allgemein erbaulich(* Betrachtungen auf der Kanzel anstellt und die Zeitfragen ängstlich vermeidet■, der spricht zu einer Kinderschule und nicht zu den Bürgern dieser Tage; noch schlimmer freilich wäre der Fehler, die Kanzel zu einer politischen Tribüne und die Predigt: zu einem Leitartikel umzu gestalten. Seihst ganz vortreffliche Männer haben diesen Fehler nicht völlig vermieden, zum Theil aus dem Streben pikant, interessant zu sein, zum Theil, weil wess dus Herz voll ist, auch der Mund zur Unzeit übergeht. Diese Fragen sollen verklärt, in eine höhere Sphäre erhoben, vom Parteigeiste geläutert werden auf der Kanzel; hier wenigstens soll der Gegner nicht sogleich zum Verbrecher oder zum blöden Thoren gestempelt werden. Dazu gehör!, was seltener ist, als Geist und Gefühl, nämlich guter Takt. Wir haben diesen in den Predigten Maybaums, da wo Anspielungen auf Zeithewegungen sich finden, eigentlich nie vermisst, und Maybaum hat dadurch, dass er dem Geiste der Zeit Ausdruck giebt, seinen Reden für den Hörer wie für den Leser (‘inen erhöhten Reiz gewährt. B. R. Bibel, hebräische Sprache und Judenthum im Zeitalter der Reformation. Von KnliMnpr l>r. S. Kolm lYst. V. Unter solchen Umständen begann man jetzt auch hier die biblischen und hebräischen Studien mit Fiter zu pflegen, namentlich unter den Anhängern der Reformation. Wissbegierige Jünglinge, von den Städten, Adeligen und Fürsten aufgeniuntert und unterstützt, zogen aus Siebenbürgen und den dazu gehörigen ungarischen Landestheilen nach Deutschland, Holland und der Schweiz, deren Hochschulen ehensoviele Brennpunkte der damaligen theologischen Wissenschaft bildeten, welche mit der jüdisch-hebräischen aufs engste verbunden war. Bezeichnend hierfür ist die folgende, wenn auch einer etwas späteren Zeit angehörige Thatsache. Johann} Leusden, der berühmte Professor des Hebräischen an der Universität zu Utrecht, hat die dritte Ausgab(‘ seines, zur Erklärung des hebräischen Bibeltextes verfassten Conipendium biblicum »zumeist auf Wunsch seiner ungarischen Schüler veranstaltet«. Das Buch selber ist dem siebenbürgischen Fürsten Apafi gewidmet, weil »Vorzugsweise aus seinem Lande zahlreiche Jünger nach Utrecht kamen, um daselbst-, von dem Fürsten reichlieh unterstützt, fleissig das Studium des Griechischen und des H ebrii isclien zu pflegen .*) Die ältesten Dichter der ungarischen Reformation waren allesammt Jünger der Wittenberger Hochschule. Es kann daher nicht überraschen, wenn sie in ihren von theologischem Geist(* durchtrünkten Dichtungen sieh nicht selten auf die eigentliche Bedeutung eines hebräischen Wortes berufen und die biblische Geschichte oft nicht nach der Darstellung der heiligen Schrift■, sondern nach der Auffassung der jüdischen Tradition, oder Legende erzählen. Einer von ihnen, Johannes Sylvester (Erdösi), hatte um das Jahr lf>44 an der Hochschul(‘ zu Wien den Lehrstuhl des Hebriiisclien inne. An den höheren protestantischen Lehranstalten in Siebenbürgen und den dazu gehörigen, oder angrenzenden ungarischen Landest heilen wurde überall auch Hebräisch unterrichtet. Schüler und Lehrer wetteifern im Studium der heiligen Sprache der Bibel, in der sie oft eine von den Zeitgenossen hocligepriesene Fertigkeit erlangten, mitunter auch schrieben, ja sogar dichteten. Die Pastoren und Prediger zogen auch auf der Kanzel gerne dii* Gelegenheit herbei, den aufhorchenden Andächtigen durch ihre Kenntniss des Hebräischen zu imponiren, und auf dem Titelblatte der damals erschienenen verschiedenen Bibel- Übersetzungen fehlt nur selten die Bemerkung: angefertigt nach dem treuesten Wortsinn des hebräischen Originaltextes■', oder, wie mau es wohl auch noch ausdriieken pflegte, »nach der Wahrheit der jüdischen Sprache«. Dieser neuen Richtung der theologischen Wissenschaft folgend, begann auch die katholische Kirche das Studium des Hebräischen zu pflegen. Der Lehrplan des Tyrnauer Jesuitencollegiums vom Jahre I ööS zählt unter den Lehrgegenstäuden auch »Bihelexegesc in Verbindung mit Hebräisch« auf. Unter den Sprachen, welch(* an der 1 öS 1 eröffnet eil katholischen Hochschule in Klansenburg vorgetragen wurden, steht das Hebräische obenan. Von den vielen hierhergehörigen Thatsachen sei, als besonders bezeichnend, nur noch die folgende hervorgehoben. Nikolaus Oliih, dei als Staatsmann und Gelehrter gleich ausgezeichnete Seeretär König Ludwig II. und der Königin Maria, später Erzbischof zu Gran und Primas von Ungarn, pflegt(‘ sieh in wissenschaftlichen Fragen, welche das Alte Testament und speciell das Hebräische betrafen, an Johannes von Campen zu wenden, der sich zumeist deshalb mit den einschlägigen Stücken beschäftigte, um Luther und Melanchthon aus denselben Büchern zu widerlegen, aus welchen sie die!{»*weise für ihre Behauptungen schöpfen«. Unter anderem verlangt■(* er von ihm, im Jahr»‘ lf>;l2־, 1*ine freue Uebersetzung und Erklärung des Buches Daniel, und versichert•(! bei dieser Gelegenheit,, er habe seine, Campens, nach dem hebräischen Urtexte angefertigte Uebersetzung des Predigers wiederholt *) Vj׳l■ ■I. <:״l<lzih»‘!׳, im Kj׳y(׳lcmcs l’liil. Kiizlöny (All|$11׳n. pliil. Anzeiger) V11. S. •12.