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Das jüdische Literaturblatt · 1894-06-01 · No. 22. (1.6.1894) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
No. 22. (1.6.1894)
Date
1894-06-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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No. 22. Jüdisches Jahrg, XXIII. Litteratur-Blatt. Zur IHriiclitmii: »illrr .ln<1<>nthmn und Judon lN>tn*rt(Mulu11 lllterarisrht'n KrscholnunKpn auf diun (icbloti• »Irr Philo• sophie,(ipsrhlvhto, Kthn״Lrrn|>hI<־, Theo* loplp, Orientalin, Kxej:ese, Homiletik, Utnrtfk 11. l’1i<lH£<nrik. H e r;1 u s זן e g 1■ I) 1׳ n VI >11 Rabbiner l)r. Mitritz Kaluncr. Magdeburg, den l.tJuni 1894. Hu1ht*r «l«*r «*insrhhiirij;e» UttorHtnr, welfhe d‘*r!öaliietion z\4;»“־dunlt werden, finden in diesrm Watte einp'h<*ndt> 1k‘• sfirerlmng. Hei Kinsondutu? von zwei Keeensinns Exemplaren rrfolgt ein* nmligp kurze O rntis-Insertion. Di»» ״Jüdische Litteratur-Blatt“ ersrlipint wöchentlich in einem hüllten ISo^tm 1'reiR hei allen Buchhandlungen (in Magdeburg bei Walther Niemann) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der »Israelitischen Wochenschrift«, die vierteljährlich bei allen I’ostanstalten und Buehhandlungen 3 Mark zahlen, erhalten das *.Jüdische Littoratnr-Blatt* gratis. — Inserat© werden mit 25 Pf. fiir die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark, herechnot und sind an die Kxpedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler u Lehrer, welche direkt oder durch Walther Niemann Inserate einsenden, erhalten 25 0/״ Rabatt. Maybaums Predigten*). 1. Maybaum hat trotz der schlechten Akustik mancher Berliner Synagogen den günstigsten Platz, um weithin gehört zu werden. Wohl hundertausend Juden wohnen in Berlin und um Berlin, also mehr als der sechste Theil aller deutschen Juden überhaupt und fast Jeder hat mehr oder weniger Gelegenheit, den Mann zu hören, der unbestritten als religiöser Redner der Vertreter der Berliner Gemeinde nach aussen ist. Es hat hierbei wenig zu sagen, dass Maybaum ein durchaus freisinniger Mann ist und dass ein grosser Theil der Gemeinde — wenigstens in der Theorie — die liberalen Ansichtei. dieses Predigers nicht theilt, denn Maybaum ist als Prediger nur in sehr seltenen Fallen scharf polemisch, wie es z. B. Geiger, der gewöhnlich unvorbereitet auf die Kanzel trat, meist gewesen ist, sondern er ist positiv, er schöpft aus dem Quell der Religion und des Scliriftwortes die Anregungen, die jeden Hörer erwecken. Wer in die alte Synagoge Berlins tritt, der merkt sofort, dass hier ein streng konservativer Hauch die Betenden durchweht, und die Leute bleiben etwa nicht fort, wenn Maybaum eine Predigt ankündigt, sondern sie drängen sich dann nur um 80 zahlreicher hinein, so dass sich geradezu lebensgefährliche Zustände entwickeln. Man hat es anfangs als einen Gewissenszwang betrachtet, dass der Berliner Vorstand den freisinnigen Mann der konservativen orgellosen Synagoge in der Haidenreutergasse aufoktroyirte und manche Blätter haben darüber ein gewaltiges Lamento erhoben; aber der Erfolg hat dem Berliner Vorstände Recht gegeben, die Konservativen würden es in ihrer Mehrheit gewiss sehr übel nehmen, wenn man den Dr. Maybau 111 aus peinlicher Rücksicht auf ihre konservative Gesinnung ihnen vorenthielte; auch unsere!Strengfrommen siud selten gesinnungstüchtig genug, um einen schlechten Prediger, der zu ihrer Fahne schwört, einem guten freigesinnten Prediger vorzuziehen; man lobt nach dem bekannten Lessing’sehen Epigramm, einen Klopstoek und liest ihn nicht, in gewissen Kreisen schilt man Mayhuum, aber man hört ihn gern. An seinen rednerischen Erfolgen hat■ seine Vortragsweise einen nicht geringen Antheil; es ist lädier- *) l’mlifjjlen mul .S<׳l)1,ift1,)׳kl;ir1111j11,>׳ zum 1. 11. 2. B. Moses von I>r. IS. Muybiiuiu. Berlin. Weisstock. 3011 S. lieh zu behaupten, dass Maybaum die Art seines Vortrags lange Zeit eiustudire. denn Maybaum ist mehr als jeder andere jüdische Prediger durch die Pflicht seines Berufes gezwungen, hei den wichtigsten Anlässen nach kurzer Vorbereitung das Wort zu ergreifen, und es hat noch Niemand entdeckt, dass er hei diesen Kasualreden weniger eindringlich spreche als im Gotteshause. Dieser eindringliche Ton erhöht wesentlich die Wirkung; durch ihn prägt sich das Wort tief in das Herz des Hörers. Referent hat in der gedruckten Sammlung eine Rede wiedergefunden, die er vor längerer Zeit von Maybaum gehört hat; heim Lesen belebten sieh die Worte und wurden mit׳ allen den Nuancen des Vortrages wieder gegenwärtig. I)a kann man schon etwas Theatralik mit in den Kauf nehmen, wenn einer uns so scharf, mit so festen Eindrücken in die Seele redet. Maybaum weiss, wenn er predigt,־ dass er auf heiligem Boden steht; das kann mancher streng ortliodoxe Prediger nicht von sich sagen; denn wer auf die Kanzel steigt, schlecht vorbereitet, und dort oben auf die Gedanken wartet, die der Moment ihm zutragen wird, der hat keinen Respekt vor der Gottesgemeinde, dem Gotteshause, der hat vergessen, dass er auf heiligem Boden stellt. Mayhaum hat Inhalt und Form sorgsam erwogen, wenn er zur Gemeinde redet, und der Respekt ist wechselseitig; die Gemeinde achtet den Redner, der vor ihr Achtung hat und sie nicht mit Einfällen, die der Augenblick geboren, regalirt — und zu alledem 8011 es sogar im Lehen grosser Redner Momente geben, wo einem garniehts einfällt. Voltaire schreibt einmal an d’Alenihert: Nous auroiit bientöt de uouveaux oieux et une nouvelle terro; j'eiitends pour les lionuetes gens, car pour la Canaille le plus sot eiel et la plus sötte terre est ee (ju’il lui faut«. 80 dachte im vorigen Jahrhundert ein Mann, der doch gegen das Herkommen gewaltig genug rcbellirt hat; die Aristokratie der Gehurt wird hekämpft, aber die Aristokratie des Geistes soll an ihre Stelle treten. Das Volk bleibt dem Geiste.saristokraten Voltaire sogut die Ganaille wie irgend einem Junker. Dieser Standpunkt ist überwunden; wir streben nach einer (allen Volkstümlichkeit; der Prediger zumal soll nicht■ zu einem engen Kreise von («(‘bildeten reden und ihnen den neuen Himmel und die neue Erde künden, sondern er soll danach ringen, allgemein verstündlich und doch nicht trivial zu werden. Der lloelmmtli der alten Rabbiner hat das Spruch wort gebildet: »Der Olein ist ein Golem«. Das ist der Satz Voltaire s in die Sprache des Ghetto übersetzt,

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