Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- N° 18. (4.5.1894)
- Date
- 1894-05-04
- Page
- Seite 69 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 69 — Abraham Ibn Ezra’s kann ich durchaus nicht beistimmen. Im Zeitalter A. J. E.’s, wo es noch keine Dampfschnellpressen gegeben, welche in kurzer Zeit mehrere hundert Exemplare des umfangreichsten Werkes zu relativ billigem Preise herstellten, wo ein einzelnes umfangreicheres Midraschwerk ein ganzes Vermögen kostete, da ist es schon verdienstvoll, wenn Jemand sich der Mühe unterzogen, aus den umfangreichen und wenig verbreiteten Werken einen handlichen Auszug den Lesern zu bieten. Wir, nach Jahrhunderten, verdanken diesen Compilatoren so manchen werthvollen Schatz aus verloren gegangenen und gänzlich unbekannten oder nur noch dem Namen nach bekannten Werken. Ausserdem hat aber Abraham Ibn Ezra den Zweck jener compilatorischen Werke gänzlich verkannt. Die agadisehen Deutungen wollten das Selbstbewusstsein des Volkes wach und den Muth desselben aufrecht erhalten, das religiöse Leben fördern und die ererbten väterlichen Gebräuche und Einrichtungen kräftigen und vertiefen, die Hoffnung Israels, dass seine Lehren von Gott und Menschenliebe, von Recht und Gerechtigkeit, von Tugend und ewigem Frieden zur allgemeinen Anerkennung gelangen werden, beleben. In ihrer üblichen Weise, spätere Gepflogenheiten in frühere Zeiten zurückzuversetzen, berichtet die midraschische Agada:i), die Israeliten in Egypten hätten Schriftrollen, Megilloth, besessen, mit diesen Rollen ergötzten sie sich jeden Sabbat, indem sie, die Israeliten, in diesen Rollen lasen, dass sie Gott erlösen werde. Wenn auch nicht die Israeliten in Egypten, die Juden in Palästina, Babylonien, im östlichen und westlichen Römerreiche nach der Zerstörung des zweiten Tempels hatten solche Megilloth, aus denen sie an Sabbat- und Festtagen Trost und Erbauung, Hoffnung . und Belehrung schöpften. Eine solche Megilla oder Piska enthielt die auf den betreffenden Sabbat oder Festtag bezüglichen Agadot.11, welche an den Text der für den betreffenden Sabbat oder Festtag bestimmten Sidra bezw. Haphtara anknüpften. Die Agadotli in den beiden Talmuden und in den Midraschim sind Exerpte aus jenen Megilloth. Und demselben Zwecke, welchem die Megilloth gedient hatten, wollten auch die compilatorischen Commentare zum Pentateuche, welche die von A. J. E. getadelten Rabbiner verfasst hatten, dienen, das beweist schon der Umstand, dass sie, die betreffenden Autoren, die erwähnte Agada von den ״Megilloth“ der Israeliten in Egypten in den fraglichen Commentaren zu 2 M. 5,9 anführen. Von den Werken griechischer, byzantinischer, Rabbiner nennt A. J. E. zwei namentlich: ״Lekach tobh“ des R. Tobia ben Elieser und ״Or Enajini“ des R. Meir in Kastoria in Bulgarien* * * 4). Durch die unermüdlichen Bestrebungen und die seltene Opfer- Willigkeit Salamon Buber’s besitzen wir in einer treffliehen Ausgabe den ״Lekacli tob“ des R. Tobia b. Elieser zum ganzenPentateuch5), in welchem die erwähnte Agada a.a. 0. sich findet; als Repräsentant der namentlich nicht genannten römischen, edomitischen, mitteleuropäisehen Rabbiner kann der vorliegende, ebenf. durch Bubers Bemühungen zur Ausgabe gekommen und von Buber in bekannter meisterhafter Weise edirte ״Midrasch Agada“ betrachtet werden, wenn auch, w׳ie ich 8) Tauchuma zu 2 M. <>,9 ed. Buber § 4; ed. Stettin §, 6! Rabha z. 2 M. 6,9 cap. 5 §, 18; Midrasch ׳/., den Psalmen ed. Buber Ps. 119, § 38. Au letzterer Stelle stellt anstatt מגלות irrtümlich ספרים (vgl. meine Bemerkung Ltrhl. 1892, Seite 169 Anm. 15); 1893 Seite 7 Anm. 8); mein: Justin Martyr und die Agada Seite 41. 4) Vgl. Buber, Einleitung zum ״Lekaeh tob“ Seite 20—21. s) Es ist zu bedauern, dass Buber nicht auch den Neudruck des ,,Lekach tob‘ zum 3—4 Buche Moses selbst besorgt hat. Ob ״Or Enajim“ des R. Meir handschriftlich vorhanden ist, weiss ich nicht. vorweg bemerken muss, A. J. E. dieses Werk nicht gekannt haben kann, da es frühestens erst 21 Jahre nach dem Tode Abraham J. Esra’s (gest. 1167) geschrieben worden sein kann, wo sich die erwähnte Agada gleichfalls a.a.O. findet. DiesesBestreben, den Lesern einen erbaulichen Commentar zur Bibel liefern zu wollen, zeigt auch die ganze Ausarbeitung des Lekach tob und des ״Midrasch Agada". Eines fortlaufenden Commentars erfreuen sich bloss das erste und die erste Hälfte des zweiten Buches Mosis und die historisehen und erzählenden Stücke des vierten Buches Mosis, deren typische Deutung zur Erweckung messDnischer Hoffnung, geschichtlichen Selbstbewusstseins und sittlicher Lebensführung besonders geeignet erschienen. Die gesetzlichen Theile werden nur selten mit erklärenden Bemerkungen versehen, und meist nur da, wo es sich um actnelle religiöse Einrichtungen handelt. Während der Verfasser des Lekach tob sich sonst einer gedrängten Kürze befleissigt, wird er nur weitschweifig in den Kapiteln über die Heiligkeit des Eides, in der Begründung der biblisch-rabbinischen Einrichtungen gegenüber den Karäern und in den Ausdeutungen des Segens Jakobs, des Segens Mosis und namentlich ces Segens Bileams. Auf den erbaulichen und tröstenden Zweck seines Buches deutet der Verfasser des Lekach tob auch in seinen mit מזב beginnenden Einleitungen zu den einzelnen Sidroth, namentlich in der ersten Einleitung am Anfänge des Pentateuches, wie auch in den meisten mit Trostworten schliessenden Schlussbemerkungen der einzelnen Sidroth. (Forts, folgt.) Recensionen. Grundriss der theologischen Wissenschaften. Zweiter Theil. Erster Band. C. H. Cornill, Einleitung in das Alte Testament. Zweite neu bearbeitete Auflage. Freiburg i. B. 1892. Akadem. Verlagsbuchhdlg. von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck.) Besprochen von Dr. B. K oenigsb erg er -Breslau• Cornill’s ״Einleitung“ verdient eine besondere Besprechung unsererseits, trotzdem wir Gelegenheit haben werden, in unserem Aufsatze ״Zur modernen Pentateuchkritik“ namentlich auf das in dem Buche zurückzukommen, was sich auf den Pentateuch bezieht. Zwar ist nach dem Erscheinen von CorniH’s Buch manches Aehnliche, auch Umfangreichere erschienen, so Eduard König, Einleitung in das Alte Testament mit Einschluss der Apokryphen und Pseudepigraphen A. T.’s. Weber, Bonn 1893; zum Pentateuch resp. Hexateuch die umfangreichen Werke Holzinger’s und Klostermann’s; auch Wellhausen hat eine neue Auflage seiner Bearbeitung der Bleek’schen Einltg. in d. A. T. besorgt; aber Cornill war doch der Erste, der nach de Wette-Schrader (und Bleek-Wellhausen) daran ging, das Einleitende für die alttestamentliciie Exegese zusammenzufassen, und — was das Erwähnenswertheste ist — sich weder damit begniigte, seine eigne Ansicht allein den Lesern vorzuführen (Bleek-Wellhausen), nocli damit, was jedoch immerhin sehr verdienstlich ist, die einschlägige Litteratur zu registriren (de Wette-Schrader), sondern die Ansichten der einzelnen Fachmänner prüfte. — Die Kürze, deren sich der Verfasser bedient, hat manches für sich; sie erleichtert die Orientirung. Aber sie hat vielleicht noch mehr gegen sieh. Einmal wird sie für rein wissenschaftliche Zwecke kaum ausreichen; man vermisst die Litteratur zu ungern und wild genüthigt sein, die alttestamontliche Litteratur in der vom verst. Prof. August Müller begründeten ״Orientalisehen Bibliographie“ (erscheint bei Reuther u. Reichard,