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Das jüdische Literaturblatt · 1894-05-04 · N° 18. (4.5.1894) · p. Seite 68

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
N° 18. (4.5.1894)
Date
1894-05-04
Page
Seite 68 (sequence 2)
Language
German
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— 68 — betrat. Auch liier verrieth sich der Entdecker, der in allen seinen Arbeiten neue Bausteine philologischer und geschichtlicher Erkenntniss zu liefern gewohnt war. Noch specieller in das Gebiet der jüdischen Geschichte drang er mit seiner ״Geschichte der Juden in Posen11 ein (Breslau ]865), noch heute die werthvollste Monographie in deutscher Sprache, die auf diesem Specialgebiete erschienen ist, gleich ausgezeichnet durch Benutzung archivalischer Quellen, wie durch reiche Belesenheit in dem Schriftthum der hier zur Behändlung gelangenden Rabbiner des Mittelalters und der neueren Zeit. Als Perles 1871 zum Rabbiner in München ernannt wurde, brach für ihn dank der Schätze, die hier in der k. Hof- und Staatsbibliothek wie im Privatbesitze, allen voran in der Merzbacheriana, seiner zu harren schienen, eine neue Zeit fruchtbarer Entdeckungen an. Die in einer Münchener Handschrift aufgefundene erste lateinische Uebersetznng des Maimonidisehen ״Führers“ (Breslau 1875) hind Kalonymos ben Kalonymos’ Sendschreiben an Joseph Kaspi (München 1879) brachten den Beweis, welch ausgebreitete Kenntnisse Perles auch in der mittelalterlichen jüdischen Religionsphilosophie sich erworben hatte. Die Studien über das Memorbuch von Pfefersee, das Buch Arugath ha-Bosem des Abraham ben Asriel und andere in München vorhandene Handschritten bereicherten die jüdische Literaturgeschichte und die Kunde der historischen Quellen. Am werthvollsten aus diesem Studienkreise sind jedoch die Beiträge, die Perles zur romanischen und deutschen Philologie geliefert hat. ״Beiträge zur Geschichte der hebräischen und aramäischen Studien“ betitelt sich das Buch, das am 10. August 1884 Leopold Zunz zum neunzigsten Geburtstag von ihm gewidmet wurde. Man würde es dem anspruchslosen Titel gegenüber nicht vermuthen, welch ein Schatz neuer und unerwarteter philologischer und geschichtlicher Aufschlüsse in diesem Buche vorhanden ist. Der Geschichtschreiber der Renaissance wird ihm so manches Licht, mehr als einen scharfumrissenen Zug für sein Bild entnehmen können; der hebräische Einschlag in dem Gewebe der humanistischen Studien ist hier zu besonders vertiefter Darstellung gelangt. Das Wörterbuch des mittelalterliehen Französisch und Deutsch erfährt hier aus glücklich erkannten Belegen im jüdischen Schriftthum mannigfache Bezeichnung und Ergänzung. Die reifste und schönste Frucht dieser Studien ist die Arbeit, mit der Perles die Jubelschrift zum 70. Geburtstag des Prof. Dr. H. Graety 1877 geschmückt hat: die Berner Handschrift des kleinen Aruch. Eine Fülle schätzbarster Aufschlüsse für die romanische und deutsche Alterthumskunde, die jüdische Sitten-, Gelehrten- und Literaturgeschichte ist in dieser kleinen Schrift niedergelegt, die man mit stets neuer Belehrung wiederholt zur Hand nehmen wird. Joseph Perles war, obzwar seiner Abstammung nach Ungar, doch bereits mit voller Beherrschung der deutschen Sprache nach Deutschland gekommen. Am 26. December 1835 in Baja geboren, besuchte er hier die Volksschule und das Gymnasium seiner Vaterstadt, von Jahrgang zu Jahrgang ohne Ausnahme als Erster seiner Classe emporsteigend. 1859 beschloss er in Breslau durch sein summa cum laude bestandenes Doctorexamen seine Studien an der philosophischen Facultät und bald darauf auch mit glänzendem Erfolge seine Lehrjahre am jüdisch-theologischen Seminar. Bereits Anfang 1863 begann er seine rabbinische Wirksamkeit in Posen, wo er am 2. Juni 1863 seine treffliehe Gattin, die Tochter eines in tiefster Anspruchslosigkeit sich verbergenden wahrhaft gelehrten Matines Simon Baruch Schefftels, heiniführte, dessen Scholien zum Targum Onkelos Perles 1888 aus seinem Nachlasse, eine helle Perle dieses Wissensgebietes, herausgab. Seit dem Jahre 1871 wirkte Perles als Rabbiner in München, wo er die Gemeinde aus dem alten in das neue Gotteshaus hinüberführte. Nur Wenigen war es bekannt, dass der gern lautlos schaffende Mann seit vielen Jahren sein Augenlicht bedroht sah und trotz halber Sehkraft unentwegt all seine Muse der Wissenschaft opferte. Durch seinen am 4. März d. J. vor der Zeit erfolgten Tod hat allzu frvli ein für die Wissenschaft werthvolles und ertragreiches Leben sich geschlossen, dessen Arbeitssunnne erstaunlich genannt zu werden verdient, wenn man bedenkt, dass sie nicht als Frucht eines lediglich gelehrten Berufes, sondern dank angespanntesten Fleisses aus der kärglichen Muse des in grossen Gemeinden geübten rabbinischen Lehramts hervorgegangen ist. Bubers neueste Midrasch-Edition1) und der ״Lekach-Tob“ des R. Tobla. Jüngsthin waren es zweiundzwanzig Jahre, dass irir das Glück zu Theil wurde, auf der Durchreise durch Breslau den seligen Prof. Grätz, an dessen ״Monatsschrift“ ich damals bereits mit meinem Artikel: ״Ueber die Bedeutung und den Ursprung des Ausdruckes מין u. s. w.“ partieipirt hatte, persönlich kennen zu lernen, er unterhielt sich mit mir über verschiedene Themata. Unter Anderem kam die Rede auf das ״Institut zur Förderung der israelitischen Literatur“, und auf die unvollendet gebliebene ״Geschichte der jüdischen Literatur“ vom sei. Dr. David Cassel, deren erster Band damals zur Ausgabe gelangen sollte und Grätz meinte, Cassel sei kein selbstständiger Forscher, er mache immer aus zehn Büchern ein elftes und auch das fragliehe Werk werde nach dem, was er, Grätz, davon zu sehen bekommen habe, nicht besser sein, als die übrigen Werke Cassel's. Einen ähnlichen Ausspruch hat vor mehr als siebenhundert Jahren Abraham Ibn Ezra gethan. In der Einleitung zu seinem Pentateuchkontinental׳ klassificirt er die Bibelexegeten seiner Zeit.2; Zur vierten Klasse rechnet er die ״Weisen“ in den griechischen (byzantinischen und Balkan) und in den römischen (italienischen und mitteleuropäischen) Ländern, welche bloss die alten agadischen und midrascliischen Deutungen reproduciren. Nachdem nun diese Deutungen im Talmud und in den alten Midraschsammlungen sich bereits finden, wozu, fragt Abraham Ibn Ezra, bereiten uns die fraglichen Gelehrten die Mühe, die benutzten midrascliischen Deutungen doppelt zu copiren? — Ich mag nicht entscheiden, ob das erwähnte Urtheil des seligen Grätz über Cassel gerecht sei oder nicht, aber dem Urtheil l) Obgleich Herr Rabb. Dr. Krön borg das obige Werk in No. 2—3 d. Bl. bereits recensiert hat, so dtirtten doch obige Ausfübrungen geneigte Leser linden. Hinsichtlich des Alters des Buches gelange ich zu demselben Resultate, zu welchem HerrDr. Krb. gelaugte; aber in der Begründung gehen unsere Ansichten auseinander. Ich glaube Maimonides habe die Zahl: ״siebzig Terephoth" in einer Agada vorgefuuden, welche Zahl er sodann halachisch verwendete. Maimonides uud dem Verfasser des fraglichen Midrasch mag daher eine gemeinsame (Quelle, etwa der M. Jelumdenu Vorgelegen haben. Vgl. Chullin Folio 84a. Auf Wunsch des Herrn Huber habe ich deu Namen מדרש אגרה, welchen Herr R. dem Werke gegeben, beibehalten. Aus dem Motto, welches der Verfasser oder die Copisten dem Werke vorsetzten: נהחיל לכתוב מדרש התורה.בשש folgt, dass der Name מדרש התורה sei. י) Bacher’s Budapester l’rogrammarbeit: ״Abraham Ibn Ezra’s Einleitung zu seinem Fentateuchcommentar“ kenne ich blos dem Namen nach.

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