Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- N° 16/17. (20.4.1894)
- Date
- 1894-04-20
- Page
- Seite 63 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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der Griechen und der Römer oder Barbaren von Haus aus, dass sie, trotzdem dass das Christentum kein Hehl aus seiner Lehre machte, und das Leben und Treiben der Christen offen am Tag lag, auf so tolle Erfindungen gekommen wären.“ — — Nun, wir sind die Letzten, welche an jene albernen Blutmärchen glauben, können uns aber der Gegenfrage nicht enthalten: Die Lehre und das Leben der Juden ist dem Christentum viel bekannter, als die des letztem der damaligen Heiden, da es doch das Beste aus der mosaischen Lehre lierausgeschöpft hat, was aber die Christen vom Schlage des Herrn Rösel nicht hinderte, bis in das XIX. Jahrhundert hinein dieselben blutigen Anklagen ״mit kindischer verbrecherisch ziigelloserPhantasie“ d״m Judentume zur Last zu legen? Hat die mosaische Religion seit Gründung des Christentums sichgeändert und hätten die Evangelisten, welche ihren Meister herabsetzten, indem sie ihn durch Schimpfworte gegen das Judentum seinen Mund sich beflecken lassen, diese blutige Gewohnheit wohl verschwiegen und ungeahndet gelassen, da sie doch sonst schon so Vieles in der jüd. Religion tadeln, dessen Vorhandensein uns sogar gänzlich unbekannt ist? Doch Hass und Wut und — das Verlangen k tout prix ein Buch zu schreiben, machen blind, sonst würde der Verf. sich gehütet haben, Tacitus, der die verhassten Christen nur als Juden kannte und benannte, als seinen Gewährsmann hinzustellen. Aber er überholt noch den Tacitus in seinem blinden Eifer, denn mit einer beneidenswerten Selbstverständlichkeit stellte er fest, dass die ״Gerüchte,“ welche nach Tacitus, Nero zur Christenverfolgung wegen Brandstiftung veranlasst hatten, nur von J uden herrührten. Dass er für diese ungeheuerliche Vermutnng nicht den Schatten eines Beweises erbringt, stört ihn nicht, um sie als gegeben zu betrachten, um auf sie ein Gebäude von Schlussfolgerungen aufzurichten, ״dass die Juden ״also“ die eigentlich Schuldigen an den Strömen von Christenblut seien, die Nero und n a c 11 ihm so viele Kaiser vergossen haben ״ Wer im Stande ist, eine frivolere Behauptung aufzustellen, kann sich für Geld sehen lassen. Nachdem er erst so weit ist, befremdet es nicht mehr, dass er das Judentum und seine Häupter verantwortlich macht für guterfundene Excesse zu einer Zeit, da sie, zerstreut unter den Völkern, keine po- .irischen Spitzen aus ihrer Mitte mehr besassen. Das wäre vei'hältnissraässig harmlos, wenn er an solche vage Ausstreuungen nicht die Lehre knüpfte, dass wenn man für jene Excesse nur den Pöbel beschuldigt, ״dann wird man auch mit den durch Christen erfolgten Juden- Verfolgungen also thun müssen.“ Wenn Herr Rösel sich noch nicht für einen Beruf entschlossen hat, könnte er die Nachfolge der Fettmilch, Pfefferkorn und Hoogstraaten mit dem Bewusstsein antreten, dass diese in ihrem dämagogischen Berufe gegen ihn nur Stümper waren; als passende Residenz würde ich ihm Xanten oder Korfu Vorschlägen. Ein Mann, der ah 1 ward tmässig Archive, Geschichts- und Gesetzesbücher ignoriert, welche noch heutigen Fanatikern als Stützpunkt dienen, weil sie aus der systematischen Judenverfolgung ein Stu di um machten, würde in jedem anderen Berufe auf einem verfehlten Posten sein. Als Entschuldigung können wir nur annehmen, dass wenn er jene beglaubigten Quellen nicht unterschlüge, sein Buch überflüssig wäre, was es nach Ansicht eines jeden vernünftigen Menschen thatsächlich auch ist. Zu bedauern ist der Verf., weil er anscheinend glaubt, was er sagt, weil er seiner Ueberzeugung Ausdruck giebt, dass wenn es anfangs mein־ christliche Schriftsteller gegeben hätte, noch mehr Berichte über Christenverfolgungen seitens der Juden vorhanden wären, die er hätte — abschreiben können, denn nur von Citaten — halb Wahrheit, halb Dichtung — lebt sein Buch. Auch die Fabel vom Unvermögen, den Tempel u. Jerusalem wieder aufzubauen, wie es Julian beabsichtigt hat, spuckt in dem Buche herum und es ist viel unschuldiger, sich hierbei einer Voraussagung zu bedienen, als den mit vollenSegeln fahrenden Hass derdurch den Wiederaufbau bedrohten jungen Christengemeinde gegen die Mutterreligion, der sie Alles verdankte, blosszulegen. Dass dies nicht gern eingestanden wird, dabei mag etwas Schamgefühl mit im Spiele sein, denn eine Mutter verfolgt man nicht, selbst wenn sie lieblos oder hässlich ist oder aus einem andern Grunde Einem nicht gefällt, und anstatt das begangene Unrecht zu bekennen und zu bedauern giebt es heute noch zahlreiche Subjecte, welche diese Grösse nicht besitzen, und es vorziehen, mit dem Brustton der Ueberzeugung rechthaberisch zu beharren und ihr Gewissen durch Geschrei zu betäuben wie es der Verfasser auch thut. Das heut beliebte Kampfgeschrei von ״hie Arianismus — hie Judentum,“ erfährt bei ihm eine interessante Beleuchtung durch die Behauptung, letzteres sei von ersterem als Bundesgenossen gegen das Christentum aufgenommen worden und auch hier bleibt er seiner Methode der ״unparteiischen“ Geschichtsschreiberei, seinem Gerechtigkeitssinn und seiner allgemeinen Nächstenliebe treu durch die hinzugefügte Beschwichtigung seiner selbst: ״Wir übergehen die Ungerechtigkeiten und Gewalttaten der Arianer, um uns an die jüdische Anteilnahme zu halten.,“ Das Ende aber ״krönt“ das Werk, denn des Verf. ceterum censeo ist, die Juden trügen an Allem und noch mehr die Schuld, am Josephlnismus, am Kulturkampf, an dem Uebermut der Presse usw. Die Verantwortung für diese auch nicht mehr neue Behauptung überlassen wir gern dem Verf. und verzeihen sie ihm, da er eben nichts Anderes kann, als was Andere gesagt, abzuschreiben; wir können es ihm aber nicht vergeben, dass er ein langweiliges Buch geschrieben hat und jeden Käufer mit einer Mark — dem Preise der Schrift — übervorteilen will. Es war jedenfalls sehr vorsichtig von ihm, demBuche gleich eine Recension mit der Ueberschrift ״für die Presse“ beizugeben, sonst könnte sich mancher Recensent darüber den Kopf zerbrechen, was der Verf. eigentlich Wahres gegeben, denn Alles hat er erfunden, nur — das Pulver nicht! Erklärung einer Stelle im Jad hachasakah. (Hilchotn Maachaloth assaroth Abschnitt II. 11.) Diese Stelle lautet: בל השיעורין ומחלקותס הרבה למשה מביני Hierzu bemerkt ein Glossator: ״Das Wort מחלקותם ist entschieden ein Druckfehler, da bei denjenigen Gesetzesbestimmungeu, welche von Moses direkt überliefert worden sind (הלמ״מ) von einer Meinungsverschiedenheit keine Rede sein kann, wie Maimonides selbst in der Einleitung zur Mischnaordnung Sera'im fesgestellt hat“ — Wer aber die Glossen des ,.Migdal Os“ und den Commentar ״Kesseph Mischneh“ vergleicht, welche Beide das Wort ומחלהותם ebenfalls haben, dem wird das hlar, dass hier von einem Druckfehler keine Rede sein kann. Mir scheint jedoch, dass der obenerwähnte Glossasor die Bedeutung des Wortes מחלוהת an dieser Stelle nicht richtig erfasst hat. Dann abgesehen von dem Ein- Einwurfe, dass über die הלמ׳ין keine Meinungsverschiedenheiten herrschen, so wäre es doch unsinnig zu behaupten, dass nicht bloss die שיעזרים, sondern auch die Meinungsverschiedenheiten über dieselbenvo!!