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Das jüdische Literaturblatt · 1894-04-13 · N° 15. (13.4.1894) · p. Seite 59

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
N° 15. (13.4.1894)
Date
1894-04-13
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
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diesen Gegenstand eine ganze Literatur herausgebildet, die uns nicht unbekannt ist Aber im vorliegenden Falle handelt es sich nicht um diese sachliche Uebereinstimmung in Lehre und Legende, die für jeden Kundigen bereits feststeht, sondern um die ganz spezielle Frage, ob die Uebereinstimmung darauf zurückzuführen ist, dass der Stifter des Christentums pers ö n 1 i c 11 in Indien gewesen ist und dort die wesentliehen Züge seiner Lehre sowie den Stoff zu der späteren christlichen Legende geholt hat. Nur eine der Zu־ Schriften beschäftigt sich mit diesem Punkte, und zwar sehr ausführlich. Sie macht zu der Entdeckung Notowitsch’s ein Fragezeichen, indem sie darauf hinweist, dass europäische Gelehrte schon wiederholt von den Brahmanen zum Besten gehalten worden sind. So ging es vor hundert Jahren dem englischen Oberst W i 1 f 0 r d, der überzeugt war, dass in der alten indischen Literatur Vorbilder der griechischen und römischen Literatur sowie des Alten Testaments enthalten sein müssten. Er erzählte den Brahmanen die Hauptbegebenheiten der klassischen Mythologie, der griechischen und römischen sowie der biblischen Geschichte, und versicherte sie, sie müssten dies Alles in ihren Büchern finden, wenn sie' nur suchen wollten. Zuletzt versprach er ihnen reiche Belohnung, und diese wirkte. Die indischen Gelehrten suchten und fanden wirklich, was mau von ihnen wollte. In den ״Asiatic Researches“ wurden Auszüge aus indischen Handschriften veröffentlicht, mit den Geschichten des Deukalion und anderer griechischen Götter und Helden, Adam und Eva, Abraham und Sarah u. s. w. Die Handschriften waren wirklich vorhanden, aber schliesslich schöpfte man Verdacht, und eine genaue Untersuchung ergab, dass neue Blätter in alte Manuskripte eingefügt worden waren; die in korrekten Sanskritversen erzählte Geschichte von Abralmm u. s. w. waren eine Fälschung, Wilfrod bekannte darauf offen, dass er betrogen worden sei. Aehnlich ging es Anfangs der Siebziger Jahren dem Franzosen Chacolliot, der Präsident des Gerichtshofes in Chandernagora gewesen ist. Er veröffentlichte ein Buch ״La Bible dans finde; Vie de Jesus Christ“, das Daten enthielt, mit denen er ebenfalls A011 den Brahmanen mystificirt worden war. Das Nähere teilt Max Mülljer in seiner Einleitung zur vergleichenden Religionswissenschaft mit. Unsere Zuschrift schliesst: ״Das gleiche Schicksal wie der Engländer und der Franzose dürfte aucli der Russe Notowitsch gehabt haben. Die Mönche in den Klöstern Kaschmirs kennen längst die Geschichte des Alten und Neuen Testaments besser als mancher gebildete Christ und sind deshalb leicht in der Lage, den Wissensdrang eines gut bezahlenden Europäers aus ihren alten oder neuen Manu- Skripten nach Bedarf zu befriedigen.“ Wir möchten hierzu blos bemerken, dass der einzige Preis, den Notowitsch für seine Entdeckung bezahlt, hat, das Geschenk einer Weckuhr und einer Taschenuhr war. Dass ein Betrug vorliegt, ist immerhin möglich; ob auch wirklich, dass kann von liier aus nicht festgestellt werden. Notowitsch selbst ist der Ansicht, dass es den gelehrten Gesellschaften Englands, die über reiche Mittel verfügen, ein Leichtes wäre, eine Expedition auszurüsten und die Sache an Ort und Stelle untersuchen zu lassen. Erklärung unklarer Bibelstellen. Vou Dr. Herz61-Brody. VII. Psalm 12(1. ״Wenn Gott die Gefangenen Zions wieder in die Heimat zurückführt, dann gleichen wir den Träumern, (היינו כהולמים). Wir werden dann froh und heiter sein und die Völker werden Gottes Macht preisen. 0 Gott, führe unsere Gefangenen heim (be- Volkere wieder unser Vaterland mit seinen Söhnen), wie das dürre trockene Land durch einen reichen Wasserström urbar gemacht wird.“ In der zweiten Hälfte des Gesanges vergleicht der Dichter hieranfdie Wiederkehr der Gefangenen mit der Zeit der Ernte, wo sich Alles des Gottessegens freut, während dieselben zur Zeit des Anbaues verdriesslich 'und mit Thränen im Auge die Saat in die Furchen streuen, weil man doch nicht wissen kann, ob es einen Erntesegeu geben wird, oder nicht? 0 Wie diese zweite Hälfte zu der ersten Hälfte passt, das wissen alle nicht, die sich ernstlich mit der Erklärung dieses Psalms beschäftigt haben. Schon in der ersten Hälfte des Liedes stutzt der Exeget bei dem Gleichnisse, dass wir den Träumern gleichen; 1m Gegentheil, zur Zeit der Erlösung gleichen wir den Erwachenden aus einem bitterbösen Traume*), der 70 Jahre gewährt hat (das Lied ist doch offenbar von einem Sänger zur Zeit der Gefangenschaft Juda’s in Babylonien, gedichtet worden). Und schon in den ältesten Zeiten konnte man den Sinn dieser Dichtung nicht fassen, wie uns im Tract. Taanit 23,1 von R. Jochanan erzählt wird, dass der berühmte fromme und gottbegaadete Choni Hamagol all sein Leben lang sich betrübte, dass er den Inhalt der Worte היינו כחולמים nicht verstehen könne, da man doch 70 Jahre nicht verträumen kann (?!) Ich vermute, dass die ganze Schwierigkeit auf einen durch das Sprachgesetz leicht zu erklärenden Irrtum beruht. Bekanntlich können die Laute א ה ה ע, die ungefahr dieselbe Verwandschaft wie unser a h ch g k haben, auch mit einander vertauscht werden. In deutschen Versen finden wir oft, dass ch und g, g und k als gleichlautend, besonders wenn es sich um den Reim handelt, angewendet werden! Wie das א gelesen wurde, ist heutzutage auch schwer, selbst aus dem Arabischen nachzuweisen, aber es ist gewiss, dass das א einst als Mitlaut gebraucht wurde. In unserem Bibelverse ist כאולמים כחולמים und zwar in der Bedeutung נוצרים, die ihre Ernte halten, aufzufassen. Wohl finden wir den Ausdruck אולמים nichtin derb. Sehr, gebraucht, nur in der Anwendung מאלמים אלומים d. h. Garben binden, und bezeichnet die Thätigkeit; aber, der die Garben abschneiden und binden lässt, d. i. der Eigentümer des Feldes, sollte naturgemäss heissen מוצר אולם. Wenn wir diesen Ausdruck auch nicht finden, so beweisst dies noch nicht, dass an unserer Stelle der Ausdruck אולמים nicht substituirt werden kann. Im Gegenteile es wäre möglich nachzu weisen, dass der Ausdruck אולם sprachlichtig i s t. Wird der Ausdruck כאולמים acceptirt, so wird uns der darauf folgende Ausbruch der Freude klar; und die zweite Hälfte des Psalms ergänzt mit schönem Vergleiche aus dem praktischen Leben die in der ersten Hälfte ausgesprochene Idee, dass wir den Erntehaliern gleichen, die mit Jubel und Gesang den Erntesegen ins Haus führen. Was mich auf die hier gegebene Erklärung des genannten Psalms geleitet hat, und was mir gleichsam als Bestätigung der gegebenen Erklärung dient, ist der Schlusspassus: בא יבוא ברנה גועא אלומותיו. *) Diese Schwierigkeit ist leicht gehoben, wenn man übersetzt: ״Dann werden wir wie Träumende gewesen sein.“

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