Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- N° 15. (13.4.1894)
- Date
- 1894-04-13
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
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58 Issa aber segnete ihn und sagte: Dir wird vergeben werden, denn was Du sagst, kommt nicht von Dir!“ Dann sagte Issa zu Pilatus: ״Warum willst Du Deine Würde erniedrigen und lehrst Deine Untergebenen, in der Liige zu leben, da Du doch ohnedies die Gewalt hast, einen Unschuldigen zu verurteilen?“ Auf diese Worte wurde der Gouverneur zornig und befahl, dass Issa zum Tode verurteilt, die beiden Räuber aber freigesprochen würden. Die Richter aber berieten unter sie 11 und sagten dann zu Pilatus: ״Wir können die grosse Schuld nicht auf uns laden, einen Unschuldigen zu verurteilen und Mörder freizusprechen; das ist gegen unsere Gesetze. Thue also, was 1.11 für gut hältst.“ Darauf gingen die Priester, die Geleluten und die weisen Greise hinaus, wuschen sich die Hände in einem heiligen Gefäss und sagten: ״Wir sind unschuldig am Blute dieses Gerechten!“ Auf Befehl des Gouverneurs wurde nun Issa mit den beiden Räubern an den Hinrichtungsplatz geführt und dort gekreuzigt. Den ganzen Tag hing Issa’s Leib blutend am Kreuze, von Soldaten bewacht; das Volk stand im Umkreise, die Verwandten beteten und weinten. Beim Untergang der Sonne hatten Issa's Leiden ein Ende; er verlor das Bewusstsein, und seine Seele löste sich vom Leibe, um sich mit der Gottheit zu vereinigen. Unterdessen bekam Pilatus Reue über seine Tliat; er liess Issa’s Leib seinen Verwandten zurückgeben und diese begruben ihn in der Nähe des Hinrichtungsplatzes. Eine Menge Volks aber kam und betete an seinem Grabe und erfüllte die Luft mit Seufzern und Wehklagen. Drei Tage darauf liess der Gouverneur den Leichnam Issa’s durch Soldaten holen und an einer andern Stelle bestatten, aus Furcht, es möge zu einem Volksaufstand kommen. Am folgenden Morgen fand das Volk das Grab offen und leer. Sogleich verbreitete sich das Gerücht, dass der höchste Richter seine Engel geschickt habe, um die sterbliche Hülle des Heiligen zu holen, in dem ein Teil des göttlichen Geistes auf Erden gewohnt hatte. Als Pilatus das hörte, wurde er sehr zornig und verbot bei Strafe der Sklaverei und des Todes, den Namen Issa’s auszusprechen oder für ihn zum Herrn zu beten. Aber dss Volk fuhr fort, ihn zu beweinen und zu verherrlichen; daher wurden Viele gefoltert und hingerichtet, oder in Sklaverei geschleppt. Die Schüler Issa’s aber verliessen das Land und predigten Issa’s Lehre den Heiden. — Dies in kurzen Zügen, ohne die zahlreich eiligestreuten Lehren und Sentenzen, die Lebensbeschreibung Issa's. — Der dritte Teil des Notowitsch’schen Buches enthält einen Kommentar zu dieser Biographie, in welcher der Verfasser das Verhältniss derselben zur buddhistischen Wissenschaft und zu der christlichen Ueberlieferung, sowie den Grad ihrer historischen Glaubwürdigkeit erörtert. Wir wollen davon nur mitteilen, dass der Verfasser ihr mehr Vertrauen schenkt als den christlichen Schriften, die erst lange nach dem tragischen Ereignisse verfasst sind und nicht blos der phantastischen Wunderlegende einen breiten Spielraum gewähren, sondern auch die deutlichen Spuren scharfer Parteikämpfe an sich tragen. Sache der Fachwissenschaft ist es, darüber endgültig zu urteilen. Die Quelle, aus welcher der russische Reisende geschöpft hat, ist zwar eine heilige Schrift, die nicht Jedem zugänglich ist, aber was ihm gelang, kann doch auch Andern möglich sein, zumal da, wie er versichert, in andern buddhistischen Klöstern ebenfalls Exemplare von Jssa’s Lebensbeschreibung vorhanden sind. Die Landschaft Ladek gehört zu Kaschmir, das zwar unter einem einheimischen Fürsten steht, aber eia Protektorat der Engländer ist. Auch sind die buddliistischen Lamas im Ganzen ziemlich gebildete und zugängliche Leute. Die Hindernisse können also keine iiberwindlichen sein. Die Darstellung Notowitsch’s selbst macht durchaus den Eindruck des Glaubwürdigen; bezüglich einzelner Punkte in der Biographie Jssa’s kann man nur schwer den Gedanken fassen, dass sie lediglieh die Erfindungen eines müssigen Globetrotters seien. Es läge also für die Berufenen Anlass genug vor, dem Kern der Sache nachzugehen. Man muss freilich auch wollen. Von den verschiedenen Autoritäten, denen Notowitsch von seiner Entdeckung Kunde gab, hat keine an der Richtigkeit derselben gezweifelt, aber fast alle, ausser Renan, haben die Veröffentlichung widenaten, oder sogar die Verheimlichung gefordert. Aus leicht begreiflichen Gründen, die jedoch für die Wissenschaft niciit massgebend sein können. Welche Bedeutung es hat, wenn es wirklich wahr ist, dass Jesus in Indien war, das braucht nicht näher auseinandergesetzt zu werden. 0. H Nachbemerkungen. Zu diesem, das Christentum allerdings in seiner tiefsten Tiefe berührenden, seine Originalität in Frage stellenden Thema sind der ״Frankf. Zeit.“ auf obigen liier wiedergegebenen Artikel mehrere Zuschriften von christlicher Seite zugekommen, deren Schreiber zum Teil — wie sie unterm 4. dies. Mts. mitteilt — ״höchlich entrüstet sind und sich in Beschimpfungen ergehen.“ Als ob es eine Beleidigung wäre, anzunehmen, dass Jesus auch andere Länder, die Gott geschaffen, besucht habe, und als ob das Schimpfen eiue Widerlegung wäre! Die sachlich-ernsten u. wissenschaftlichen Zuschriften enthalten meistens Hinweise auf Werke, in denen früher schon die Verwandtschaft des Urchristentums und der christlichen Legende mit dem Buddhismus erörtert und nachgewiesen worden ist; so das ״Evangelium von Jesu in seinen Verhältnissen zur Buddha-Sage und Buddha- Lehre“ von Professor Rudolf Seydel (Leipzig 1892, Breitkopf u. Härtel), ״die Buddha-Legende und das Leben Jesu nach den Evangelien,“ ebenfalls von Professor Seydel (Leipzig 1884, Otto Schulze), ״Jesus ein Buddhist?“ von Hübbe-Schl eitlen (Braunschweig 1890, C. A. Schwetschke u. Sohn) u. A.; ferner wird daran erinnert, dass schon Schopenhauer in seinen ״Parerga und Paralipomena“ auf die merkwürdige Aehnlichkeit zwischen Christentum und Buddhismus hingewiesen und die Hoffnung ausgesprochen hat, ״dass einst mit den indischen Religionen vertraute Bibelforscher kommen werden, welche die Verwandschaft derselben mit dem Christentum auch durch spezielle Züge werden belegen können;“ endlich wird auch noch erwähnt, dass der englische Gelehrte Lillie in seinem 1887 erschienenen Werke ״Buddhism in Christendom“ den Beweis geliefert hat, dass die Essäer Buddhisten gewesen sind.*) Alle diese Hinweise könnten noch vermehrt werden, denn es hat sich in den beiden letzten Jahrzehnten über *) Wir fügeu noch das neueste billige Schriftchen: Leben und Lehre Buddha’s, des indischen Heilandes 600 Jahre vor Christo. Nach den gründlichen Forschungen der ersten Autoritäten kurz zusammengefasst von Dr. Adolf Brodbeck, Verf. von ״Idealism״ the new Religion*. (Verlags-Magazin J.Schabelitz in Zürich 1893, wird gegen Einsendung von 45 Pf. franco zugesaudt.) Der Verf. kommt zu dem Resultat: Die Erzählungen vom Leben Jesu u. seinen Lehren sind Buddhismus in jüdischem Gewände. Das habe selbst Justinus Martyr im 2. christlichen Jahrhundert nicht in Abrede gestellt. Ein katholischer Priester der Indien und China besucht, war über die auffallende Gleichheit der Glaubenslehren u. religiösen Einrichtungen der Buddhisten so sehr erstaunt, dass er glaubte, es müsse früher eine christliche Mission da gewesen sein. Er berichtete darüber nach Rom, aber seine Schrift wurde auf den Jndez gesetzt (Das. S. 17 u. 18.)