Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- N° 12. (23.3.1894)
- Date
- 1894-03-23
- Page
- Seite 47 (sequence 3)
- Language
- German
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h. Jahve und wurde gleichmässig verteilt. Erlassjahr und Jubeljahr verhinderten das Anwachsen des Proletariats und des grossen Besitzthunis, w־ie auch der Sklaverei und Armut; sie bewirkten eine fortwährende restitutio ad integrum. In einem solchen Staate brauchte man Communismus, Anarchie uml Dynamit nicht zu fürchten, er verwirklicht das Vernünftige des Sozialismus und streicht alle seine Greuel. Man verwechsle also die biblische Gesetzgebung nicht mit dem Comraunismus; dieser vernichtet jeden Fortschritt, jede Persönlichkeit, jedes Glück, be'Urdigt das Tier und nicht den Menschen; der biblische Weg allein löst die soziale Frage und giebt auch allein die richtige Stellungnahme zum heutigen Sozialismus. Er erweist des letzteren Grundsatz, Eigentum sei Diebstahl, als gänzlich falsch, er stellt den geistigen Anteil des Führers an der Arbeit eben so hoch wie den körperlichen des Arbeiters, er zeigt abei andererseits auch das Falsche des alten Wortes Laissez allerj und weist vor allem auf die gesetzliche Schaffung der Möglichkeit freien Mitbewerbs für alle hin. Der Mitbewerb muss — wie im biblischen Staate — frei von allen Hindernissen sein, frei von Favoriten und Privilegierten, frei, rein und ehrbar. Die heutigen Sozialisten. Karl Marx vor allem, seien trotz alles Materialismus die reinsten Jdealisten, die in lauter Utopien sich ergingen; Karl Marx mit seinen Bruderträumen sei ein Prophetenkind, wofür sein ideales Herz und seil; gewaltiger Verstand beweisend seien. Die Bibel wiege sich nicht in solchen Träumen, sie habe alles verwirklicht; sie kenne keine Herrscher, keine Kasten, keine Proletarier, keine Ungleichheit, keine Ausnahmegesetze, kein ehernes Lohngesetz, sie lehre die internationale Solidarität aller Völker und Menschen. Sie zeige aber auch, dass alle diese Träume nicht zu verwirklichen sind durch Materialismus und Naturidee, sondern durch die Gottidee, wie ja überhaupt die von den Sozialisten so gern anerkannte Evolutionslehre, da sie eine Vorsehung zuletzt einschliesse, völlig unvereinbar mit ihrem Materialismus sei. Den Schluss dieser Abteilung bildet eine eingehende und interessante Würdigung der Sabbateinsetzung vom sozial-politischen Standpunkte aus. Die letzte Abtheilung behandelt den vierten Kardinalpunkt, die Solidarität der Staatsmitglieder, beruhend auf der Ueberzeugung, dass die Wohlfahrt eines jeden eng verbunden ist mit der seines Mitbürgers. Auch hier zeige sich wieder der Unterschied zwischen Mosaismus und neuem Testament Jener bemühe sich, die Selbst• sucht zu zügeln durch die Nächstenliebe, ohne an die völlige Vernichtung der Eigenliebe zu denken, da ohne diese keine menschliche Gesellschaft bestehen könne. Moses versuche beides, Egoismus und Altruismus, zu verschmelzen; er sage deshalb niemals: liebe deinen Feind, weil der Staat nie ohne Selbstsucht bestehen könne. Das neue Testament, aus einer Mönchsgemeinschaft mit gemeinsamem Eigentum, aus einer mystischen Vereinigung mäunlicher und weiblicher Heiligen entstanden, deren ganzes Bestreben nur auf die Verwirklichuug des Hirnmelkönigreichs auf Erden ging, konnte sehr wohl sein System auf die Lehre des reinen Altruismus stützen. Dennoch sei das Alte Testament und vor allem der Teil aus dem der Geist des vierten Kardinalpunktes spreche, die Armengesetzgebung, vorbildlich geworden. Allerdings zeige sich auch hier die Bibel allen Utopien des modernen Communismus feind, suche nicht einfach den Pauperismus auszurotten sondern zu mildern und den Armen alle Chancen zur Wiedererlangung ihres Besitzes zu gewähren. Die betr. Gesetze seien teils negative, die Hindernisse hinwegräumen, teils positive, die aktiven Beistand fordern. Zu jenen wären die Sklavengesetze, das Verbot von Zins und Wücher, die Ehegesetze zu rechnen; die letzteren geben dem Verfasser Veranlassung über die Behandlung der Frauen und — die Schwagerehe! — der Toten bei den Juden im Gegensatz zu anderen Völkern sich zu verbreiten, Die positive Gesetzgebung sei es besonders, die ein Vorbild geworden für jede Ar* 9',gemeiner Liebesthätigkeit. Talmud, Neues Testament und Koran enthielten nur die Spezialisierung dieser allgemeinen Prinzipien. Die Armengesetze des Mosaismus seien nicht solche, die den Armen erniedrigen, zum Bettler erziehen, demütig von der Gunst des Reichen abhängen lassen, ' oder gar zur Ausnützung körperlicher Gebrechen zwinge n; es sind Staatsgesetze, die durcli Gewährung der Möglichkeit eines Wiederaufkommens dem Armen wahre menschliche Brüderlichkeit angedeihen lassen. Gegenseitige Hülfe als Recht, nicht als G'u n s t oder Ideal, sei ihr Grundgedanke. Auch in diesem Punkte z.׳ige es sich wiederum, dass die Bibel das Beste des w ssenschaftUchen Sozialismus enthalte. Allerdings die Form des Mosaismus sei für eine gewisse Epoche und für ein gewisses Volk in einem besonderen Lande und unter gegebenen Verhältnissen berechnet; aber der Geist desselben sei allgemein und grenzenlos, für alle Zeiten und Umstände, er sei göttlich. Der Monotheismus war keine Theologie; er war Moral, er war Ethik, er war Soziologie. Freilich hat der mosaische Staat so wenig existirt wie die platonische Republik; beides sind Ideale geblieben. Aber wäre einmal die Möglichkeit gegeben, einen Staat und eine Gesellschaft aufdemGrundeder Bibelmifzubauen, so würde in ihm die soziale Frage auf einem natiirliehen und verständigen Wege ohne Communismus und ohne übertriebenen Sozialismus gelöst sein. Auch unsere heutige Gesellschaft ruht auf der festen biblischen Grundlage: Die Ideen von Gott. Recht und Pflicht liegen unserer staatlichen Gemeinschaft zu Grunde, freilich als Ideale meistens nur. Aber dass die führeuden moralischen Bestrebungen und die edelsten Triebe unserer modernen Civilisation in Kirche, Staat und Haus aus der Bibel geflossen sind, das ist unzweifelliaft verdienstlich genug. Das Endziel liegt in der Erfüllung des Bibelworts ״liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ zu einer vollen und wesenhaften Wirklichkeit. Wir schliessen diese Skizze, die nur einen kurzen Ueberblick des Inhalts giebt; eine in Einzelheiten sich ergehende Kritik des vielseitigen und vielhaltigen Stoffes ist hier nicht möglich und auch nicht nötig, da es ja immer derselbe Anschauungsstrom ist, der alles dnrehzieht. Aber über diese Anschauung noch einige Worte! Es ist fraglos, dass, wie bei jeder Religion so auch ganz besonders bei Begründung des Mosaismus soziale Gesichtspunkte mit massgebend und entscheidend waren; es ist fraglos, dass selbst der Sabbatgedanke in der Menschheit zunächt eine nur vom sozialen Standpunktausgebotene Institution war, nurdasseben das grosse Verdienst des Mosaismus darin liegt,dieselnstitution wie soviele andere aus der sozialen Stufe hinaus gehoben und sie mit dem höheren Geiste der Ethik, der Moral, der Religion beseelt zu haben. Nicht minder zweifellos ist es, dass die Grundgedanken des Sozialismus sich in der Bibel vorfinden, solange man unter Sozialismus nichts anderes versteht als die idealistische Bestrebungen, ein Staats wesen zu begründen, dus ganz auf dem Boden der mosaischen Religion, oder noch kürzer auf religiösemBoden überhaupt aufgebaut wird. Aber in diesem Sinne haben wir einen einfachen Kreisschluss vor uns, der nicht weiter führt. Wenn der Verfasser selbst ganzgenauzwischeuSozialisraus, extremem Sozialismus und Communismus scheidet, wenn er im Namen der Bibel die beiden letzteren verwirft und