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Das jüdische Literaturblatt · 1894-03-16 · N° 11. (16.3.1894) · p. Seite 43

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
N° 11. (16.3.1894)
Date
1894-03-16
Page
Seite 43 (sequence 3)
Language
German
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43 -wo aus die Situation auf dem Schlachtfelde beurteilt werden konnte, und es möglich war, dem Anführer 1 aut Vereinbarung die Vor- oder Nachteile seiner Truppen durch Zeichen bekannt zu geben, so zwar, dass die erhobeneHand, in der sich wahrscheinlich der Mosesstab befand, den Vorteil, das Sinken der Hand den Nachteil bedeutete. In diesem Falle durfte Moses, um keinen Preis, obgleich er schon sehr ermlldet war dieHaud sinken,lassen, wenn Josua nicht irregeleitet und im siegreichen Vordringen gegen dem Feind nicht aufgehalten werden sollte! ״Und Josua besiegte (mit dem Beistände Gottes) Amalek und sein Volk durch die Schärfe des Schwertes!“ Der Bericht der Thora schliesst hiermit jede Unnatürlichkeit und jedes übernatürliche Wunder aus, ohne die Güte und die Gnade Gottes für Israel zu verkleinern. Der bevorstehende Sabbat Sachor erinnerte mich daran, diese schwierige Stelle aus dem 2. B. Moses zu erklären, doch will ich noch als Nachscnrift zu meiner rationellen Erklärung wahrheitsgetreu die Genesis derselben hier erzählen. In den Augusttagen des Jahres 1868, weilte ich jsum Curgebrauche in Karlsbad. Im Speisesale hing ein schöner Stahlstich, der uns unsern Lehrer Moses mit erhobenen Händen, von Ahron und Chur unterstützt, zeigt. Unter dem Bilde stand die eingangs zitirte Bibelstelle. Ich war eben daran, mein Mittagsmahl einzmiehmen, als zwei junge Männer ins Zimmer traten und vor dem erwähnten Bilde stehen blieben, und es aufmerksam betrachteten. Plötzlich sagte einer derselben mit selbstbewusster überlegener Miene ganz laut und ungeniert ״Hokus-Pokus.“ Die Ehrfurcht vor dem erhabenen Gottesworte, das in diesem Momente in so roher Weise beleidigt wurde, einerseits, und mein damals sehr leidender und höchst nervöser Zustand andererseits, machten es mir unmöglich meine Mahlzeit einzunehmen und ruhig die gethanene spöttische Aeusserung des Unbekannten hinzunehmen. Mit Erlaubnis des Fremden und der übrigen Tischgenassen erklärte ich mich bereit, die Deutung des Bildes zu geben, und das Wort der Lehre Gottes wahr und untrüglich zu rechtfertigen. Zunächst wies ich den mir Unbekannten auf den bis zur Stunde üblichen Brauch hin, die Regimentsfahne mit aller Ehrerbietig- und Aufmerksamkeit zu behandeln, ja dass sie so hochgehalten wird, dass der Soldateneid, der Eid der Treue, des Gehorsams bis in den Tod, Fahneneid genannt wird. Und doch ist die Fahne nur eine Holzstange, an welcher irgend ein zerschlissener Lappen hängt! Allein ihre hohe Bedeutung für die Zeit des Krieges, wo unter dem Getöse und dem Donner der Kanonen das Commando des Führers weder gehört noch verstanden w:nl, und das Auge des Kriegers auf die Regimentsfahne gerichtet ist, die ihn entweder in den ehrenvollen Tod, oder zum ruhmreichen Siege treibt, oder auch zur unvermeidlichen Flucht, der er die Rettung seines Lebens dankt, veranlasst, verschafft ihr auch zur Friedenszeit die Ehrerbietung, mit der sie stets behandelt wird. Israel wurde vom Kriege gegen Ainalek überrascht! es waren die nötigen Vorbereitungen nicht getroffen und die unentbehrliche Kriegsstandarte war nicht vorhanden, um den Kämpfenden die Richtung nach vor- oder rückwärts auzudeuten. Der gute und treue Lehrer Israels verabredet rasch mit Josua das Handzeichen, eilt auf eine Anhöhe und verwendet seine müden Hände den ganzen Tag über als Fahnenstange, die den Kämpfenden den Sieg verkünden oder den Rückzug andeuten soll! ״Und wie können sie nun, sagte ich zum Spötter gewendet, nach Jahrtausenden so undankbar sein und diese edle Selbstverleugnung des grossen Moses, diese Liebe und Hingebung desselben für sein Volk, in so unwürdiger Weise verkennen, und dabei das Wort der Lehre Gottes verspotten?“ Betroffen stammelte der so Y0n mir Apostrophirte eine Entschuldigung und wollte mich höflich um Verzeihung bitten allein ich lehnte Beides ab. ״Ich kann Sie nicht für entschuldigt halten, und kann Ihnen, auch nichts verzeihen, denn mich haben Sie nicht Lügen gestraft und mich haben Sie nicht beleidigt — aber das muss ich Ihnen hier öffentlich sagen, wenn Sie einmal in Zukunft das Wort der LehreGottes wieder nicht verstehen, wenn Ihnen ihre Erzählungen und Berichte rätselhaft erscheinen, so wenden Sie sich an einen berufenen Lehrer d s Gotteswortes und bitten Sie in bescheidener Weise um Aufklärung und Belehrung.- — Dies eimprovisirte Erklärung einer thatsächlich unklaren Bibelstelle fand seinerzeit reichen Beifall und Anerkennung aller, die davon hörten; doch war es mir leider noch nicht vergönnt, diese, wie es scheint, natürliche Erklärung des scheinbar übernatürlichen Ereignisses zu veröffentlichen. Es wäre mir sehr angenehm, zu erfahren, ob mit Rücksicht auf die im Eingänge angeführten 4 Fragen, die von mir gegebene Erklärung als der Wahrheit nahekommend, oder nur als eine originelle Idee ohne Anspruch auf Wahrheit angesehen werden darf.*) Recensionen. Flügel Maurice Rev. Spirit of the Biblical Legislation in Parallel with Talmud, Moralists, Casaists, New Testament, Ancient modern and Law; Especially the social and political Institutions. Baltimore 1893. Ein recht modernes, echt amerikanisches Buch, aber ein interessantes Buch! Es wurde richti ,er die Aufschrift tragen: ״Lösung der sozialen Frage der Gegenwart in der Bibel־‘; denn um diesen Kern dreht sich der Inhalt des ganzen Buches. Es wird dann auch nicht mehr verwunderlich erscheinen, wenn alle möglichen Dinge und Personen in ihm zum Vorschein kommen; von letzteren mögen: Spencer, Propheten, Tribunen, t Cato, Rimsol, Cardinal Mannig, Ezechiel Landau, Bismark, Salisbury, Napoleon, Arnold, Karl Marx, Homer, Jules Simon, Sera B. Ascher, Mendelssohn, nur als kleine Auswahl dienen. Aber man denke sich etwa keine Sinnlosigkeit und keinen Wirrwarr! Alles in gedanklicher, sachlicher und orientierender Reihenfolge und Zusammengehörigkeit! Der Inhalt des Buches ist, obgleich der Verfasser selbst ihn als dem des Moutesipiieuschen esprit des lois ähnlich bezeichnet, doch weit genug von diesem verschieden; es kennzeichnet die Tendenz des Werkes vollstän!ig, \v ׳;in die Einleitung berichtet: Als Resultat seiner Forschungen erscheine dem Verfasser die Thatsaehe. dass die meisteu wenn nicht alle Be- Strebungen der Jetzzeit ihren Vorläuier an l Urheber im Gesetzgeber vom Sinai haben. Der Veitasser hetrachtet also die Bibel nicht vom doktrinnären oder thealogischen Standpunktaus, sondern als eine posiiive Gesetzgebuag, als einen ersten Versuch zur Lösung der sozialen Frage. Dieser Grundgedanke ist nun zwar längst kein origineller mehr, aber die Ausführung und Erörterung desselben ist ausserordentlich fesselnd und interessant. Zunächst stellt der Verfasser die Grund- *) Die alte in der ilischna tliosch haschana.'i.H; gegebene Erklärung behält neben der obigen rationellen ihren ethischen Wert; es lassen sich beide Erklärungen sehr gut miteinander vereinen. (Ked)

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