Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- N° 11. (16.3.1894)
- Date
- 1894-03-16
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 44 Prinzipien fest, auf denen die sinai tische Gesetzgebung — er versteht unter dieser natürlich nicht allein die Zehnworte, sondern auch die darauf folgenden Misch* datim — beruht Es sind ihm folgende 4: 1) Freiheit pes Individuums; niemand ist zur Herrschaft, niemand zam Sklavendienst geboren, Gott und sein Gesetz herrschen allein. 2.) Soziale Gleichheit; der biblische Staat kennt keinen König, keinen Adel, kein Heer, in ihm herrscht absolute Gleichheit aller bürgerlichen Rechte und Pflichten. 3.) Gleiche Verteilung des Nationalgutes unter die Staatsbürger. Der mosaische Gesetzgeber teilt seinen Grund und Boden nach der Kopfzahl in gleiche Teile und Familienlose, die er für eben so unveräusserlicb erklärt, wie des Bürgers persönliche Freiheit. 4.) Solidariät oder Gemeinsamkeit der Interessen. Lebe und lasse leben, liebe deinen Nächsten wie dich selbst: also das tiefe Bewusstsein des Altruismus bildet die Grundlage der Gesetzgebung. Diese 4 Punkte bilden für den Verfasser den Geist der biblischen Gesetzgebung und es ist natürlich nicht schwer diesen Geist aus dem Gesetzeskörper der Bibel herauszuziehen. Aber die Art dieses Verfahrens, vor allem die fortlaufende!} Parallelen zu den sozialen Einrichtungen anderer Völker des Altertums und der Neuzeit, sie sind es, die fortwährend des gesetz ist das Kriminalgesetz einer Nation, die Ideale der Apostel und Rabbinen sind Ideale. Realistisch und nüchtern verglichen mit diesem Idealismus, ist die mosaische Gesetzgebung grossherzig, verglichen mit allen anderen gleichzeitigen Rechtsbüchern. Das zeigen die Bestimmungen des Fremdenrechts — wie ganz anders die Behandlung des Ger und Noehri, als die des Barbaros —, die Civilgesetzgebung, die den demokratischen Grundsatz ״Eigentum für Eigentum“ befolgt und nicht die plutokratischen Körper-, Freiheits- und Todesstrafen. Die Bibel sagt: Glied für Glied, Leben für Leben, Dollar für Dollar. Besonders das Fremdenrecht in Bibel und Talmud ■wird vom Verfasser ausführlich erörtert und wiederum einmal eingehend nachgewiesen, dass der Talmud, wenn er auch aus der Verfolgungszeit einige unschöne Aussprüche enthält, doch durchaus die Nicbtjuden liebevoll anerkennt. Dass alle Menschen Gotteskinder sind, ist eine Lehre, die nicht allein das Christentum, sondern auch Bibel und Talmud durchaus anerkennen. Den Schluss dieser Abteilung bildet die Zurückweisung einiger Bismark’scher Aeusserungen' über Juden, die er 1893 einem Interviewer gegenüber gethan haben soll. Man glaubt, sagt der Verfasser, sie seien aus dem Jahrgang 1693. (Schluss folgt.)■ Lesers höchstes Interesse wach erhalten — trotz öfters vorkomuiender Wiederholungen und Weitschweifigkeiten und trotz der häufigen echt amerikanischen Effekthaschereien in der Darstellung. Gehen wir — dem des Englischen nicht mächtigen Leser zu Liebe — etwas Näher auf den Inhalt der interessanten Ausführungen ein, so bildet der erste Kardinalpunkt, die Freiheit des Individuums, die Grundlage des Ganzen, eine Lehre die also auf eine ältere Quelle als die amerikanische und französische Revolution zurückgeht, auf die Bibel. Der Monotheismus verkörpert die Ideen des Rechts u.der Liebe. Die biblischeLehredesMonotheismus gibt also die festeste Staatengrundlage ab. Auch das zweite Prinzip, die soziale Gleichheit in Rechten und Pflichten, war den alten Staaten sonst völlig unbekannt, u. nur iinMosaismus wurde der eine so gut geachtet wie der andere. Der Grundsatz: gleiches Recht, gleiche Pflicht, gleiches Gesetz für alle gehört also ebenfalls nicht der Neuzeit an, sondern der Bibel. Beweise dafür sind die Sklavengesetze, die Gesetze über Mord und Diebstahl. Die als barbarischund hart verschriene-Formel, Auge um Auge u. s. w., zeigt am augenscheinlichsten diesen Geist demokratischer Gleichheit; sie ist der strikte, logische mathematische und legale Ausdruck völliger Gleichheit und Gerechtigkeit vor dem Gesetz. Dieser Grundsatz ist richtiger als der des Schadenersatzes; der Reiche kann leichter lOU ] )ollarstücke zahlen, als der Arme 10. Schadenersatz ist ein aristokratischer Grundsatz, Auge um Auge ist Demokratie. Der viel umstrittene Satz führt natürlich zu einer Vergleichung des alten und de» neuen Tstaments: dieses zielt auf Ideale, auf ein Himmelreich, jenes auf die Praxis, auf das Erdenreich. ״Nun sehet die Welt im Jahre 1893 an. Die unendlichen Kriege und ungeheueren stehenden Armeen — unerschwingliche Steuern mit Plutokratie, Soldateska, Armut. Dynamit und fortwährende soziale Erhebungen, 18 Jahrhunderte nach der neuiesiamentlichen Aera. Wahrlich Herbert Spencer bemerkt mit Recht, ״dass bis jetzt kein wirklich christlicher Staat in der Welt existiert.“ Der Talmud und das rabbinische Recht enthalten übrigens ebenfalls, wie der Verfasser zu beweisen sich bemüht, einen Anflug dieser Uebersentimentalität, dieses Bestrebens, Liebe anstelle des Rechts zu setzen, das auch das Neue Testament zeigt. Das mosaische Staats- Literarische Notiz. Ein Prachtwerk. Der Verlag ״Kosmos‘־ in Berlin veröffentlicht soeben ein Prachtwerk von hervorragendem Wert. Es ist die» ״Aegypten“, eine Sammlung von 25 Heliogravüren mit Vorwort, Einleitung und begleitendem Text für jede Bildtafel von G 0 0 r g Ebers und herausgegeben von Max Junghandel. Eine General- Ansicht von Kairo, die grossen .Moscheen und mehrere Bilder aus dem Volksleben vereinigen sich mit dem bedeutsamsten Teile, den Darstellungen der altägyptischen Baudenkmäler, zu einem Meisterwerke moderner Vervieifältigungskunst. Die hier gebotene Art des Lichtdrucks ist in der ausserordentlichen Feinheit der perspektivischen Wirkungen, der Schattentiefen, zarter Lichteffekte das Vollendetste, was uns auf diesem Gebiete zu Gesicht gekommen ist, nnd die gigantische Grösse der uralteu Baudenkmäler wirkt mit vollendeter Plastik auf den Beschauer dieser Blätter. Dem Kunst- und Altertnmsfreunde, vor allen aber donen, die das Wunderland mit eigenen Augen geschaut, ist das Werk ein kostbarer Schatz. Religionswissensohaftliolies. Die hervorragendsten amerikanischen Universitäten und höheren Schulen baben einen Ausschuss gebildet, welcher einen Cyclus von Vorlesungen über vergleichende Religionswissenschaft veranstalten will. Ebenso wie die Hibbert Lektures sowohl in Oxford als auch in London gehalten werden, sollen auch diese amerikanischen Vorlesungen, and zwar jedesmal der ganze Cyclus, in jeder der sechs Universitätsstädte der Vereinigten Staaten gehalie.1 werden. Professur Rhys Davids, Sekretär und Bibliothekar der Royal Asiatic ist aafgefordert worden mit der Geschichte und Literatur des Buddhismus die Reihe der Vor-, trüge zu eröffnen und hat hierzu den Urlaub zur Reise nach Amerika erhalten. — Infolge wiederholter Anfragen die Notiz, dass sich das zweite Heft der ״Urkundlichen Beiträge über die Stellung der Päpste zu den Juden“ im Drucke befindet. Es enthält noch nicht die Untersuchungen, sondern eine zweite Reihe von Dokumenten.Pr, Stern- Kiel. Literarische Anzeigen. האסיף 331811 Hebr. Jahrbuch f. Literatur u. Wissenschaft des Judentums. Herausgeg;eben ven N. Sokolow in Warschau. Der fite Jahrgang dieser bedeutendsten hebr. Sammelschrift der Gegenwart ist neulich erschienen und sowohl direct von Redakteur (pr. Adr.: N. Sokolow, Warochau) als auch durch sämmtliche Buchhandlungen zu beziehen. [477 Preis 3 Mark. SeitfaOcu für öen ^tefigions־^(nter־ rtdjt in 6er israef. J>cf?uCe Gearbeitet bon ftatftan!öawbetget, ®iftr״'Jla6b. ju 2Bürjburg. ®ritte, öermeljrte unb nerbef» ferte Auflage. '.ßreiö cart. 50 'üffl. bei fjranto» 3ujenbu1tg «0 'Pfg. 3u bejietje» bur<f) ben Grijaffer bte 3• ft a u f f m a n n’fdje «Pud!» fjaiiMung in ff r a n t f u r t a. 4R. toroie bunfi alle S3ud)t)anbtungen. Vorantwortl. Redacteur; Dr. Ra‘,h mer Magdeburg, Druck Friedrich Kasche & comp., Magdeburg. Verlag Rob. Friese Leipzig.