Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- N° 10. (9.3.1894)
- Date
- 1894-03-09
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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39 Narren behandelt, kurz eines Israeliten ohne sociale Utopie und ohne Zukunftstraum. Das ist eine grosse Seltenheit. Die zehn oder zwölf Seiten dieses kleinen Buches sind in dem düstem und immer spannungsvollen Bande, der den Moralnerv der Menschheit geschaffen hat, die einzigen mit kühlem Blute geschriebenen Seiten. Ihr Verfasser ist ein Mann von Welt, kein frommen und kein gelehrter Mann. Man möchte glauben, dass er die Thora nicht kenne; wenn er die Propheten, diese wüthenden Tribunen der Gerechtigkeit, gelesen hat, so hat er sich wenig von ihrem Geiste, ihrem Feuereifer gegen das Böse, ihrer Eifersucht für die Ehre Gottes angeeignet. Ein Gedanke fasst die Geschichte der hebräischen Propheten in tausend Jahren zusammen: ״Es wird ein Tag kommen, wo Gerechtigkeit und Glück auf der Erde wohnen.“ Der ״Prediger“ gehört nicht zu der Familie dieser Exaltirten. In der grossen Reihe von Jesaias bis auf Jesus ist für ihn kein Platz “ Das Schlusskapitel des Bandes fasst die Ergebnisse des gesammten Werkes, der ״Entstehung des Christenthums“ sowohl wie der ״Geschichte Israels“ überisichtlieh zusammen. ״Das Christenthum“ heisst es darin, ״ist der Ausfluss und sozusagen das Ziel der Endzweck des Judenthums. Als das Christenthum entstanden war, dauerte das Judenthum zwar fort, aber wie ein vertrocknete!• Stamm neben einem einzigen fruchtbiaren Aste; das Leben ist von ihm gewicheu. Seine Geschichte ist zwar immer noch interessant, aber sie hat vom allgemeinen Standpunkte aus nur noch geringe Bedeutung. Dieser Satz braucht den überzeugten Israeliten nicht zu verletzen. Durch das Christenthum hat in Wirklichkeit das Judenthum die Welt erobert. Das Christenthum ist das Meisterwerk des J udenthums, sein Ruhm, die Kroue seiner Entwickelung. Die Entstehung des Cliristenthums, bescheiden im Anfang, dann von grossartiger Bedeutung, gruppirt sich um den Namen Jesu. Ich habe versucht, so gut wie möglich den dreifachen Schleier zu durchdringen, der diese Figur verhüllt, die zuerst eine reale war, dann aber gänzlich mythisch wurde. Jesus hat wirklich existirt und er war ein Jude; das mythische Gewebe hat alles Uebrige verdeckt. Wahrscheinlich ist, dass auch die evangelisehe Legende nicht ganz falsch ist. Nach reiflicher Ueberlegung halte ich au der Ueberzeugung fest, dass Jesus im allgemeinen so war, wie die synoptischen Evangelien ihn schildern. Seine Reden waren ungefähr so, wie sie im sogenannten Matthäus-Evangelium überliefert wurden; sein Leiden war im Allgemeinen so, wie der Text es darstellt; das Vaterunser, die Erzählung vom Abendmahl lassen uns ihn fast wie in einer Mo• ment-Aufnahme sehen. Auch die Erscheinungen, die zum Glauben an die Auferstehung führten, lassen sich unschwer verstehen, und die Hallucinationen, die den heiligen Paulus bekehrten, sind begreifliche Dinge. Die Auferstehung ist hier ein Hauptargument. Auf vage Anzeichen hin haben am dritten Tage nach seinem Tode die Frauen seines Gefolges, namentlich Maria Magdalena, sich eingebildet, dass er auferstanden und nach Galiläa abgereist sei. Dass war gewiss das höchste Wunder der Liebe, die stärker als der Tod war, da sie dem geliebten Gegenstände das Leben wiedergab. Ein mythischer Schatten oder ein gewöhnliches Wesen hätte dieses Wunder nicht vollbracht. Jesus war entzückend; nur war sein Reiz blos etwa einem Dutzend Personen bekannt. Diese aber waren so in ihm vernarrt, dass ihre Liebe ansteckend wurde und sich der ganzen Welt mittheilte, die schliesslich Den anbetete, den sie so sehr geliebt hatten." ״Der reale Theil der evangelischen Geschichte ist also ziemlich beträchtlich. Aber auch wenn er fast Null wäre, so bliebe die grosse Realität übrig: die Gründung des Christenthums. Die einzelnen Thatsachen sind zweifelhaft, der Gang der Idee aber ist klar. Der Messianismus, der seit Daniel in der Arbeit war, gelangte in Jesus zur Reife. Die Träume Henochs und der Himmelfahrt Mosis kamen in ihm zur Verwirklichung. Denjenigen, die ihn liebten, war Jesus Alles. Die an den Messias glaubten, denen war er der Messias; die für den Menschensohn waren, denen war er der Menschensohn; die den Logos, den Sohn Gottes, den Geist vorzogen, denen war er der Logos, der Sohn Gottes, der Geist. Er ist das Reich Gottes, die Auferstehung, das Leben, das Gericht. Die ganze heimliche Gluth des jüdischen Gewissens führte in einem heftigen Anfall zu jenem Fieber, dem ausserordentlichsten der ganzen Menschheitsgeschichte, von dem ein neues Leben auszugehen schien. Es war die Krisis einer zweiten Schöpfung, die tiefe Einimpfung neuer Fähigkeiten und, wenn ich so sagen darf, eines heilsamen und für das vollkommenere Leben nothwendigen Giftes. Die Akte der Zeugung und der Impfung sind immer von Fieber begleitet. Während dieser Zeit muss man das arbeitende Leben mit einem geheimnissvollen Schleier bedecken. Dies Alles ging vor sich mitten in einem Jahrhundert, das scheinbar zerstreut war und allen Beschäftigungen der Eitelkeit sich hingab. Judäa und die griechischrömische Welt waren zwei Weltalle, die neben einander unter entgegengesetzten Einflüssen sich bewegten. Bis 184b grub der Sozialismus seine Gänge unter einem Boden, dessen Oberfläche keine Erschütterung zeigte und sich an der Sonne wärmte, während er keine Ahnung hatte von der Arbeit, die in seinem Innern geschah. Die Geschichte der Menschheit stimmt in ihren verschiedenen Theilen zeitlich nicht zusammen. Zittern wir! In diesem Augenblicke vielleicht wird die Religion der Zukunft geschaffen und ohne uns geschaffen! 0 der alte Weise Kimri, der in die Erde hineinscliauen konnte! Dort bereitet sich Alles vor, dorthin müsste man schauen, Die n ä ch s t e Zukunft ist dunkel. Es ist nicht sicher, dass sie dem Liciite geweiht ist. Die Leichtgläubigkeit hat tiefe Wurzeln. DerSozialismus kann mit Hilfe des Katholizismus ein neues Mittelalter, Barbarei, Kirchenthum, den Sturz der Freiheit, der Individualität, kurz, der ganzen Civilisation herbeiführen. Aber die spätere Zukunft ist gesichert. Sie wird nicht mehr an das Uebernatürliche glauben, denn das Uebernatürliche ist nicht wahr, und was nicht wahr ist, das muss untergehen. Nichts hat Dauer als die Wahrheit Die arme Wahrheit scheint sehr verlassen, da nur ein kleines Häuflein ihr dient. Nur Geduld; sie wird doch triuraphiren. Alles, was ihr dient, mehrt sich und erhält sich, wie ein geringes aber sicheres Kapital; von dem kleinen Schatze geht nichts verloren. Alles dagegen, was falsch ist, muss fallen. Das Falsche kann nichts gründen, während das kleine Gebäude der Wahrheit stahlfest ist uud stetig wächst. ״Weder das Judenthum noch das Christentum wird also ewig dauern; die Menschheit wird zu keinem von beiden zurückkehren, wenn sie wieder abeigläubisch wird. Judenthum und Christenthum werden verschwinden; das Werk der Griechen dagegen, nämlich die Wissenschalt, die rationale, experimentale Civilisation, ohne Charlanterie und ohne Offenbarung, nur auf Vernunft und Freiheit gegründet, wird sich endlos fortsetzen, und wenn diese Erde ihre Pflicht verletzte, so würden andere sich finden, um das Programm alles Lebens: Licht, Vernunft und Wahrheit, zu erfüllen. Die Spuren Israels jedoch werden ewig seiu. Israel zuerst hat dem Schrei des Volkes, der Klage des Annen, der hartnäckigen