Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- N° 10. (9.3.1894)
- Date
- 1894-03-09
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 40 — Forderung Jener, die nach Gerechtigkeit dürsten, einen Ausdruck geben. Israel hat die Gerechtigkeit so geliebt, dass es die Welt, als es sie nicht gerecht erfand, zum Untergang verurtheilte. Denjenigen, die da sagen: ״In der Welt, wie sie nun einmal ist, muss es Ungerechtigkeiten geben,“ antwortet Israel: ״Nun also, wenn sie schlecht ist, so muss man sie vernichten!“ Israel füllt daher eine Lücke der griechischen Civilisation aus, wo der Sklave so schmählich von Gott verlassen ist Griechenland hat kein Buch Henoch, diese flammende Anklage gegen die Welt, wie sie ist und wie sie sein muss. Judenthum uud Christenthum sind in der alten Zeit das, was der Sozialismus in der neuen Zeit ist. Der Sozialismus wird nicht endgültig siegen; die Freiheit mit ihren Folgerungen wird das Gesetz der Welt bleiben; aber die Freiheit eines Jeden wird sich zu starken Zugeständnissen bequemen, die auf Kosten Aller gemacht werden; die sozialen Fragen werden nicht mehr unterdrückt sein, sondern mehr und mehr den politischen und nationalen Fragen den Rang ablaufen. Die Menschheit wird sich friedlich organisiren; die Summe der Uebel wird stark herabgesetzt werden und mit wenigen Ausnahmen wird Alles mit seinem Dasein zufrieden sein. Mit dem unvermeidlichen Vorbehalt: das Programm Israels wird erfüllt sein, ohne Eingreifen eines Himmels wird die Gerechtigkeit wirklich auf Erden herrschen!“ — Mit diesem Ausblick auf die Zukunft schliesst Renan seine Geschichte Israels. Sie ist keine Stammesgc^v״״״״.e, sondern Weltgeschichte. Ja noch mehr. An einer Stelle dieses letzten Bandes sagt Renan: ״Es ist die Ehre des Juden-Christentums, dem Armen eine Stimme gegeben u. in scharfen aber beredten Worten dem sozialen Proteste gegen die schlechten Reichen und gegen die Ungerechtigkeiten der Weltleute einen Ausdruck verliehen zu haben. Religionen, die sich ernst nehmen wie das Judenthum, führen immer zu sozialen Bewegungen, denn der arme Heilige, der sich von Gott geliebt weiss, hält sich für einen Aristokraten und kann nicht zugeben, dass die Welt blos zum Vortheil der Sünder organisirt sei!“ Mit anderen Worten: Die religiöse Frage ist in ihrem innersten Kern eine soziale, oder besser gesagt, die soziale Frage. Das dies wirklich der Fall, das hat Renan in seinem grossen Lebenswerke bewiesen. Darum auch wird sein Verdienst unsterblich sein wie die Menschheitsgeschichte selbst. Discussious on lsaiah (c. Lll. 13 fl. and c. Llll), from an unpublished Manuscript of the sixteenth Century with Preliminary Notes on Judaico-Polemic Litterature, by Rev. Alexander Kohut. Now-York. 1893. Der Verfasser giebt nach einer kurzen Uebersicht über die jüd. handschriftliche Streitliteratur einen Beitrag zu derselben; ein Manuscript aus den ehmaligen Besitze Bettelheims in Baltimore enthält einen Dialog zwischen einem Juden und Christen über die christliche Religion in 28 Kapiteln. Das hebr. Manuscript ist ohne Titel. Namen und Autor bisher völlig unbekannt und liegt in einer Copie vor, die Ende des 17. Jahrhunderts entstanden ist. Auf das ungefähre Alter des Buches lässt sich aus der einzigen Stelle schliessen, in der der Christ es ausspricht, dass die Juden schon seit 1555 Jahren vergeblich auf das Kommen des Messias warten. Kohut giebt eine kurze Inhaltsangabe der 28 Kapitel und die Uebersetzung eines Bruchstücks, Erörterungen über Jesaja 52 und 53 enthaltend. Eine Edition der ganzen Schrift, die er anregt, wäre jedenfalls dankenswert. In einer Schlussnote will Kohut neues Jnteresse für den alten Gräz’schen Aufsatz in Komperts Jahrbuch (5624) ״über die Verjüngung des jüdischen Stammes^ erwecken. M. F. Literarische Notiz. Das Alter der Grabsteine. Den mir in der literarischen Notiz der Nr. 7 des Lit. Bl. von Herrn Auerbach-Dresden nachgewiesenen Flüchtigkeits-Irrtum in Bezug auf meine Behauptung in Nr. 5 ״Das Alter dieser Grabsteine (nämlich Nr. 1 und 6 in Gal-Ed) ist weder von Hock noch Rappop 0 r t beanstandet worden“ räume ich mit um so grösseren Danke gegen den Herrn Referenten ein, als ich bereits auf S. 145 des Lit. Bl. v. J. 1887 in meinem Artikel ״Zur Chronologie“ die gegentheilige Behauptung aufgestellt und ausdrücklich hervorgehoben habe, dass Rappoport das Alter dieses Steines (Nr. 1) verdächtig schien. Dass aber die älteste Inschrift, welche uns bekannt ist, die des Isak Alfasi (gest. in Lucena 1103) sein soll, wie Herr Auerbach in Nr. 3 bemerkt, hat selbst Z u n z (z. Gesch. u. L. S. 394) nicht als apodiktische Behauptung aufgestellt Er spricht von dieser Inschrift nur als von der ersten erhaltenen (!) Grabschrift von Belang (1), nachdem er einige Zeilen früher die Inschrift zum Worms v. J. 1083 unbeanstandet passiren lässt und in der Note d) sogar eines Mainzer Leichensteins, angeblich vom Jahr 300, ohne weitere Bemerküng erwähnt. Wie viele Inschriften aus weit älterer Zeit mögen aber dem Zahn der Zeit und der Zerstörungssucht des Mittelalters zum Raube gefallen sein! Das Unhaltbare bei der Behauptung, dass die älteste uns bekannte Inschrift die v. J. 11003 sei, beweist auch haarscharf Lewysohn in seinem "נפשותצדיקים“ durch die Inschriften aus den Jahren 1077 (Nr. 51), 1082 (2), 1083 (3), 1086 (4), 1088 (5), 1091 (49) und 1096 (6). Nehmen wir hinzu, dass L ö w in seinen ״Graphische Requisiten“ (Bd. I S. 71) von einem zu Aden gefundenen Denkmal aus dem Jahre 718 spricht, und Firkowitzzu Tschufut -Kaie in der Krimm Grabsteine aus den Jahren 6, 30 und 89 d. g. Z. aufgefunden haben will, die der berühmte russisehe Gelehrte C h w 01 s 0 n als echt erkennt, so dürfte dies wohl als Beweis dafür gelten, dass die Frage über das Alter des ältesten uns erhaltenen Grabsteines noch geraume Zeit der Erledigung harren dürfte. L. Cohen-Rees a. Rhein. האסיף Hebr. Jahrbuch f. Literatur u. Wissenschaft des Judentums. Herausgegeben von N. Sokolow in Warschau. Der 6te Jahrgang dieser bedeutendsten hebr. Sainmelschrift der Gegenwart ist neulich erschienen und sowohl direct von Redakteur k (pr. Adr.: N. Sokolow, Warschau )|d< als auch durch sämmtliche Buch- Handlungen zu beziehen. [477 Preis 4 Mark. 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