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Das jüdische Literaturblatt · 1894-02-23 · N° 9. (2.3.1894) · p. Seite 35

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
N° 9. (2.3.1894)
Date
1894-02-23
Page
Seite 35 (sequence 3)
Language
German
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— 35 christlichen und den jüdischen Glauben. Was er zu Tage fördert, ist nichts weniger als neu. Man kann es knapp und kurz in die Formel bringen: der Christ• liehe Glaube verhält sich zum jüdischen, wie die Tochter zur Mutter. Das Kind müsste seiner Erzeugerin, die Tochter ihrer Mutter Liebe und Erkenntlichkeit entgegenbringen. Diese Thatsachen und Anschauungen drängen sich jedem unbefangen urteilenden, gebildeten Menschen von selbst auf, wenn er über die Entstehung und historische Entwickelung des Christentums und Judentums sich Rechenschaft zu geben vermag. Und doch ist es nicht überflüssig, das unser Verf. mit eindringlichen und beredten Worten überzeugend darauf hinweist. Es ist schon bedeutsam, dass ein Mann von der sittlichen Tragweite eines Pohlmann, den der Belehrung noch zugänglichen Söhnen seines Volkes diese Wahrheiten immer wieder zum Bewustsein bringt. Noch bedeutsamer ist aber die Art und Weise, wie er seine geschichtliche und sittliche Ueberzeugung zum Ausdruck bringt. Er sagt u. A.: ״Womit beginnt in unseren Schulen der christliche Religionsunterricht? — Er beginnt mit der Einprägung derselben Ueberlieferungen, die lange, lange vor Entstehung des Christentums das ausschliessliche geistige Eigentum des alten jüdischen Volkes waren. Wenn ein Muhamedaner einem solchen christlichen Religionsunterrichte beiwohnte, so könnte er füglich meinen, er sei in eine jüdische Schule gerathen. Da werden genau nach den althebräischen Schriften erzählt die Erschaffung der Welt, der Sündenfall, die Sintfluth und was sich daran schiesst; da lernt das Christenkind mit grosser Genauigkeit die Geschichten von Abraham, Isaak und Jakob.--Ist das nicht ein starkes Band, welches uns Christen mit den Juden vereint? — — — — Aber der Hass und das blinde Vorurteil bewirken, dass derselbe Christenknabe, der heute am Vormittag in der Schule mit gefalteten Händen und andächtigem Sinn die Geschichte von der Berufung Abrahams aufgesagt hat, am Nachmittag einen ehrwürdigen Juden auf der Strasse dadurch zn kränken glaubt, dass er ihm ״Abraham, Abraham!“ nachruft. — Mann kann kein Witzblatt in die Hand nehmen, ohne auf Anekdoten und Bilder zu stossen, die e ne Beleidigung für das Judentum sind. Es sollte aber einmal ein Jude ein Witzblatt gründen, welches in jeder Nummer durch Wort und Bild das christliche Deutschtum verunglimpfte! Den Aufruhr sollte man sehen! Und welches Kapital würden die Feinde der Juden daraus schlagen! Dabei verbreiten die Antisemiten aber immer noch die alte Fabel, die Christen würden von den Juden verfolgt und verspottet. Der Wolf beschuldigt das Lamm, es wolle ihn fressen.“ Wer von unsern anders glaubenden Brüdern es sehen und hören will, kann es von einem gläubigen Christen und arischen Deutschen sehen und hören, welchen innigen Zusammenhang in den Grundlegenden Dogmen der ch1istliche*und jüdische Glaube aufzuweisen haben. Was uns eint, ist heute noch viel gewichtiger und entscheidender, als das was uns trennt. Dabei streift Pohlmann nur die sogenannte biblischgeschichtliche Zeit. Das Judeutum hat aber auch in der uachbiblischen, in der talmudisclien Zeit den Vergleich mit dem Christentume durchaus nicht zu scheuen. Wer mit der Geschichte des Talmudlehrers H i 1 lei ebenso vertraut ist, wie mit den geschichtlich verbürgten, ächt jüdischen und ächt humanen Charaktereigenschaften des Stifters der christlichen Religion, der kann Zug um Zug und Schritt für Schritt in Hillel den Vorgänger und das Vorbild des edlen Rabbi von Nazareth linden. Wenn der denkende Christ vernünftiger Weise an den jüdischen Glauben sich nicht zu stossen hat. vermag er aber seine Abneigung gegen den Stamm der Juden, gegen die best gehasste semitische Rasse zu überwinden? Will man die Juden nicht mit den Zigeunern in einen Topf werfen, hat man da nicht zumeist "eine culturfeindliche wenig civilisationsfähige Bande von Schacherern, Wuchrern, Gaunern vor sich? Welche Stellung die semitische Rasse in der Geschichte der Cultur und Civilisation einnimmt, diese Frage hat Pohlmann bereits in seiner Schrift ״Das Judentum und seine Feinde“ gebührend gewürdigt. Wären die modernen Juden alle ausgesprochene Semiten, die Brüder des anderen Stammes, die Arier, hätten sich die Abkömmlinge des Sem durchaus nicht zu schämen, wie steht es aber mit diesem Argumente, auf welches der Antisemiten so gewaltig pochen? Sind Jaden und Semiten schlechthin identisch? Die Antisemiten behaupten, ja beschwören es. Die zünftige Ethnographie bestreitet und widerlegt es. (Schluss folgt.) Recensionen. Renan, Ernest, Histoire du Peuple d’Israel. Tome cinquieme. Paris, Calmann Levy. 1894. Mit dem soeben erschienenen fünften Bande der Geschichte Israels ist Renan’s grosses Lebenswerk abgesclossen. Er hat diesen Abschluss nicht mehr erlebt, aber der ganze Band rührt noch von ihm her, und so spricht Renan zum Leser wie ein Lebender. Der Band zerfallt in zwei Teile. In dem ersten behandelt Renan die letzte Zeit der Selbstständigkeit Israels, in dem zweiten die Zeit der Herrschaft Roms und Herodes, die Zerstreuung Israels über die ganze Welt, die Schule von Alexandrien und zuletzt die Elemente der Jünger- Schaft Jesu. Ein Rückblick auf das Ganze und ein Ausblick auf die Zukunft schliesst das Werk ab. Wir wollen hier von einer Besprechung des gesammtem Inhalts absehen und dafür Einiges herausheben, das den Leser besser mit dem Geiste Renan’s vertraut macht und ihm wohl auch einen grösseren Genuss gewährt, als ein trockener Auszug tliun würde. Wir heben zunächst das Kapitel über den ״Prediger“ heraus, den Renan sehr ausführlich und mit einer leicht erkennbaren Vorliebe behandelt, nicht blos weil der Prediger an sich merkwürdig ist, sondern auch weil Renan in ihm offenbar einen geistes verwandten Denker sieht. R vorlegt, die Abfassung des Buches in die Sechziger Jahre vor Christi Geburt und nennt es eines der interessantesten Bücher der ganzen hebräischen Literatur, denn an ihm könne man am besten die Ursprünglichkeit nnd Mannigfaltigkeit des jüdischen Genies erkennen. Seit Antiochus Epiphanes, schreibt er, hat Israel das Fieber; es zeugt unter Schmerzen das Christentum und leidet für die Menschheit. Der Prediger dagegen ist der ruhigste Mensch von der Welt. Er stört sich weder am Patriotismus, noch am Messianismus; er seufzt nur über sich selbst, sein Leid und sein Trost sind nur für ihn da. Er ist ein Skeptiker, ein Epikuräer, aber mit Nüancen, die sein Buch zu einem der originellsten und reizendsten machen, die überhaupt in irgend einer Spreche existiren. Die Fiktion, die im Prediger den Sohn Davids sieht, ist sehr durchsichtig. Salomo war ein mächtiger König, hatte viel gebaut, Alles genossen, die Frauen, den Wein und die Weisheit geliebt, war ein Rätsellöser und wissbegierig auf allen Gebieten der Natur! so eignete er sich vorzüglich zu dem Zwecke des Predigers, die Niclitigkeit aller Dinge zu beweisen. Alles ist eitel; das wiederholt der Prediger unaufhörlich, es kehrt am Sclduss jeder Betrachtung wieder. Die Welt zeigt sich dem Prediger als eine Reihe von Erscheinungen, die eine.

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