Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- N° 9. (2.3.1894)
- Date
- 1894-02-23
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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nach der andern sich abspielen, aber stets die gleichen sind und im Kreise sich drehen. Es gibt daher keinen Fortschritt; die Gegenwart gleicht der Vergangenheit, die Zukunft wird der Gegenwart gleichen. Die Gegenwart ist schlecht, die Vergangenheit war schlecht, die Zukunft wird nicht besser sein. Alle Versuche, das Loos der Menschheit zu bessern, sind Tergeblich. Der Prediger versichert, dass er seine Erfahrungen in allen Lagen des Lebens gesammelt und Alles eitel gefunden habe; Vergnügen, Macht, Luxus und Frauen haben ihm nur Leid zurückgelassen. Die Wissenschaft macht den Geist nur müde; der Mensch weiss nichts und wird niemals etwas wissen. Die Frau ist ein absurdes Wesen, ein böser Dämon. Der Schluss daraus wäre, unverheiratet zu bleiben. Daran hat der Prediger auch gedacht, aber ach, der Junggeselle ist ein Dummkopf, weil er für Erben sammelt, die er nicht kennt, und die sich niemals um ihn kümmern werden. Das Verbrechen ist eine Thorheit, aber Weisheit und Frömmigkeit werden nicht belohnt. Mancher Verbrecher ist geehrt, wie es nur der Tugendhafte sein sollte. Mancher Tugendhafte ist so ungücklich, wie es nur dem Verbrecher gebührte. Die Gesellschaft ist schlecht geordnet; die Menschen sind nicht an ihrem rechten Platze; die Könige sind selbstsüchtig und böse, die Richter bestechlich, die Völker undankbar und vergesslich. Was ist also praktische Weisheit? Die Wohlfahrt gemessen, die man sich durch seine Arbeit erworben hat; glücklich leben mit der Frau, die man liebt; jedes Uebermass meiden; nicht zu reich sein, weil dies Sorgen verursacht, und nicht zu arm sein, weil der Arme verachtet ist; die Welt nehmen wie sie ist, sie nicht bekämpfen und nicht reformieren wollen; kurz eine gemässigte Philosophie und die richtige Mitte, ohne Uebereifer und ohne Mysticismus. Ein galanter Mann, frei von Vorurteilen, im Grunde gut und edelmütig, aber entmutigt durch die Schlechtigkeit der Zeit die Schlechtigkeit der Menschen und die traurigen Verhältnisse des menschlichen Lebens, das ist unser Prediger. Er möchte gern ein Held sein, aber Gott belohnt das Heldentum so schlecht, dass man sich fragen muss, ob man nicht gegen seine Absichten handele, wenn man die Dinge tragisch nimmt. Dabei ist der Prediger kein Atheist. Gott hat die Welt geschaffen, um seine Macht zu zeigen, und er erhält alles Leben, aber seine Zwecke sind unerkennbar. Zuweilen straft er, und diese Strafe ist eine Art Naturgesetz. Die Vergniiguugen der Jugend z. B. muss man spater durch Krankheiten büssen, was aber kein Grund ist, diesen Vergnügungen ganz zu entsagen. Gott richtet den Menschen, aber man weiss uicht, nach welchen Grund- Sätzen. In den meisten Fällen ist es unmöglich, sein Wirken zu erkennen und seine Hand zu sehen. Gott kümmert sich überhaupt wenig um den Menschen, sonst würde er ihn nicht in eine so schlechte Welt setzen, wo Weise und Thoren das gleiche Schicksal haben. Immerhin muss man den mächtigen Gott fürchten und wie Jedermann in den Tempel gehen. Aber auch da soll mau das Uebermass meiden; man belästigt Gott durch zn vieles Bitten und gibt den Priestern zu grossen Einfluss; die Frömmler sind zudem die unerträglichsten aller Dummköpfe. Nachdem Renan so die Philosophie des Predigers geschildert, fährt er fort: ״Wir lieben ihn, denn er hat an alle unsere Schmerzen gerührt. Kein Grieche hat besser als dieser Sadduzäer die Seltsamkeit unseres Schicksals begriffen. Der Prediger, das ist der Verfasser des Buches Hiob, nur dass er sechs oder sieben Jahrhunderte später gelebt hat. Die beredten und furchtbaren Klagen, die fast gotteslästerlichen Beschwörungen des alten Patriarchen sind zum wehmüthigresignirten Plaudern eines weltlichen Schriftstellers geworden. Im Grunde religiöser, ist der Verfasser des Buches Hiob auch kühner in seiner Sprache. Der Prediger hat nicht einmal mehr die Kraft, sich gegen Gott zu empören. Es ist ja so unnütz! Wie Hiob beugt er sich vor einer unbekannten Macht, deren Handlungen keinen erkennbaren Grund aufweisen. Aber er tröstet sich, und wenn die Frauen etwas weniger falsch, die Richter etwas weniger bestechlich, die Erben etwas weniger undankbar und die Regierungen etwas mehr gerecht wären, so würde er sich mit dem Leben versöhnen und finden, dass es doch sehr süss sei, selbst um den Preis eines späteren mürrischen Alters; er würde ruhig mit einer geliebten Frau die Wohlfahrt gemessen, die er sich zu verschaffen gewusst. Der Pre* diger sagt den Frauen zu viel Schlechtes nach, um sie nicht sehr geliebt zu haben. An der Art, wie er von ihnen spricht, erkennt man, dass nicht viel dazu gehört, damit er sie wieder zu lieben anfange. Er hat keinen solchen Ekel am Leben, dass er nicht eine Reihe praktischer Rathschläge gäbe: wie man sich bei Hofe zu benehmen, im Umgang mit Priestern vorsichtig zu sein, seine Gelder beim Anlegen zu vertheilen habe, um nicht Alles auf einen Schlag zu verlieren u. s. w. Man erstaunt über diese heitere Ruhe inmitten der Kämpfe jener Zeit. Daniel, die Makkabäer, die messianischen und apokalyptischen Ideen sind für den Prediger nicht vorhanden. Man muss sich aber darüber nicht zu sehr wundern. Der Glaube an die Aufer- Stellung und an das Gericht, durch den sich Israel aus der Sackgasse zog, in die es gerathen war, riss die Massen der Nation nicht mit: diese hingen noch der alten Philosophie an. Im Talmud bleibt das Problem in der Schwebe. Viele Talmud-Lehrer glauben an das Reich Gottes und an die Auferstehung wie die Christen; die meisten aber verlassen das alte System nicht. Die jüdischen Märtyrer des Mittelalteis, die der christliche Fanatismus auf die Scheiterhaufen band, glaubten nicht alle an die Unsterblichkeit der Seele. Jener Heilige von Mainz, der zur Hinrichtung geführt wurde, erfand alle möglichen Verbrechen, deren er sich anklagte, um die Vorsehung zn rechtfertigen und den Fundamentalsatz aufrecht zu erhalten, dass Gott seinen Diener nicht verlassen werde. Bis auf unsere Tage ist dieses Halbdunkel die Kraft grosser Seelen in Israel. Die Unsterblichkeit der Seele ist für sie ein׳ frommer Glaube, mehr nicht. Der Jude ist nicht resignirt wie der Christ. Für den Christen sind Armut und Niedrigkeit Tugenden; für den Juden sind sie Unglücksfälle, gegen die man sich wehren muss. Missbrauch und Gewaltthätigkeit, die den Christen ruhig lassen, empören den Juden, und so ist das jüdische Element überall, wo es vorkommt, ein starkes Element des Fort- Schritts und der Reform geworden. Hienieden schon muss man die höchstmögliche Gerechtigkeit verwirklichen. Die jüdischeTikwa(Hoffnung, Vertrauen), diese Ueberzeugung, dass das Schicksal des Menschen nichts Leeres sei und eine glänzende Zukunft die Menschheit erwarte, ist nich die asketische Hoffnung auf ein Paradies, das der mens,.׳!*Lehen Natur widerspricht, sondern sie ist ein philosophischer Optimismus, der auf einem Akt unüberwindlichen Glaubens an die Wircklichkeit des Guten beruht. (Schluss folgt.) Verantwort!. Redacteur; Dr. Rahmer Magdeburg, Druck Friedrich Rasche & Comp., Magdeburg. Verlag Rob. Friese, Leipzig