Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- N° 9. (2.3.1894)
- Date
- 1894-02-23
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 34 die Darstellung beginnt mit den Worten חזונה ממפלתא חזונה) דשטנא in der Bedeutung: Betrachtung!) und endigt bezeichnend genug mit dem scholastischen Ausdruck: שלם מימרא ממפלתא דשטגא. Der Herausgeber ist in sichtlicher Verlegenheit darüber, was dieser langatmige Passus in der Schrift bedeuten möchte und entschliesst sich, da ihm der thatsächliche Zusammenhang dieser Darstellung unverständlich und dieselbe als eiu fremdartiger Gedankenkreis erscheint, zu der Behauptung, dass sie nicht vom Verfasser selbst herrühren könne, dass sie entweder von fremder Hand eingeschoben, oder vom Verfasser selbst als Excerpt aus einer anderen Schrift gelegentlieh mit aufgenommen worden sei. (S. Note*) Ja hätte der Herausgeber sichnurvon derihn umgaukelnden Vorstellung loswinden können, dass er in dieser Handschrift eine alte Baraitha vor sich habe, so wäre er wohl von selbst auf die wenigstens allgemeine Vermutung gekommen, dass der Verfasser der Schrift von christologischen Einflössen stark beherrscht gewesen sein müsse, wenn ihm auch nicht die eigentliche Tendenz des sich hinter einem Pseudonym verbergenden Autors in der Schlauheit seiner wohldurchdachten für jüdische Kreise berechneten Mystification erkennbar geworden wäre. Ist nun dieses scholastische Machwerk schon an einzelnen der mittelalterlichen Darstellungsweiseeigenthiimlichen Ausdrücken zu erkennen, so verräth eine polemische Bemerkung des Verfassers, wenn aücli nicht das Zeitalter desselben, so doch seine entschiedene Stellungnahme zu einem in der mittelalterlichen Scholastik viel behandelten Probleme de casu diaboli, wie man sich seinen Sündenfall zu erklären habe. Nun heisst es im Texte S. 33 דלא יאטרון דמריא גרים ליה לנפלא ולמהוי שטנא דמאן דאמר הבי מבדבא איהו• Der frische energische Ton dieser Polemik weist wohl deutlich genug auf die geschichtl. Sphäre derselben hin. — Hoffentlich genügt die Vorführung und Beleuchtung der aus dieser Schrift citirten Stellen, um die geistige Atmosphäre des pseudonymen Verfassers, und die Maske, die er vornahm, zu erkennen; ich müsste sonst mehr als die Hälfte des Buches ausschreiben und im Einzelnen dann die subjective Ausgestaltung der kirchlichen Lehrermeinungen des Verfassers sowie die scharf bestimmte Stellung, die er zu den einzelnen bereits bei den Kirchenvätern und bei den späteren Scholastikern behandelten Problemen nimmt, in thatsächlich unnöthiger Ausführlichkeit zur Darstellung bringen. Auf Einiges sei noch in der Note hingewiesen.*) Nach diesen Proben wird es jedem Verständigen klar sein, dass das Opus des Apostaten Asriel ben Gabriel (alias Arsilai bar Bargilai) nichts anderes, als eine alte Missionsschrift, als ein für jüdische Leserkreise im Mittelalter verfertigtes Fangnetz ist. Ich habe es für meine Pflicht gehalten, dieses Ergehniss meiner Untersuchung möglichst schnell bekannt zu geben, damit die Schrift nicht als die. wirklich aufgefundene Baraitha דמעש׳ בראשית angesehen werde. — Leobschütz. Dr. Krakauer. *) Kür (len.ienigeu, (1er über den eigentlichen Charakter dieser Schrift etwa noch im Zweifel sein könnte, sei hier erwähnt, dass bereits bei den Kirchenvätern, noch mehr aber bei den Scholastikern des Mittelalters, die Krage nach den bestimmten Beziehungen der drei Potenzen innerhalb der Trinität und der Charakter ihrer sich iiusserudeii Wirksamkeit ventilirt wurde. Dieses Verhältniss und diese Wirksamkeit stellt der Verfasser der Schrift auf Seite 19 dar; er spricht von אלהא קדי׳גא ,•גבינתא קדיעא ,רוהא קד״סא. Später verschwindet merkwürdigerweise der llegriff שנינתא und wird an dessen Stelle מיגריה gesetzt (S. 37) und die Wirksamkeit des רוח קדי~א wird immer von Neuem hervorgehoben (Seite 93 und 29). Da nun die Empörung des Satan und seines (iefclges oder Anhangs nach der Angabe einiger Kirchenväter am fün ften Tage erfolgte so folgt auch in dieser Schrift S, 29 nach dem fünften Tage — jetzt wird der Zusammenhang vollends erkennbar — die breite Austühruug von der Empörung Satans und seinem Falle חוונא גלשלתא דשטנא Christen und Juden.*) Besprocheu von Dr. Immanuel Deuts c h-Sohrau O./S. Zum Beginne des Jahres 1894 hat uns Herr Prof. Walter Pohlmann einen Gruss entboten, wie wir ihn von dem tapferen, gesinnnngstüchtigen, unbedingten Verurteiler der ״Schmach des Jahrhunderts“ nicht herrlicher und treffender hätten erwarten können. Die Vorzüge welche die früheren Darbietungen Pohlman’s, wie ״das Judentum und sein Recht," ״das Judentum und seine Feinde,“ ״Jüdische Leiden,‘ uns unvergesslich machen, zeichnen seine neueste Schrift ״Christen und Juden“ aus. Mit der sogenannten semitischen oder — wenn man will — antisemitischen Frage beschäftigt sich der Verfasser ausschliesslich in den ersten zwei Abschnitten seiner überaus lesenswerten, hochinteressanten Schrift. Der erste Abschnitt führt die Aufschrift ״Christlicher und jüdischer Glaube“, der zweite ״Arische und semitische Rasse“. Worauf es unserem Verf. im Dienste der Wahrheit und Menschenliebe in erster Reihe ankommt, leuchtet schon durchsichtig genug aus der Aufschrift dieser zwei Abschnitte hervor. Worauf spielt sich die ganze Verhetzung der Antisemiten hinaus? Den Einen gefällt der israelitische Glaube nicht Sie imputieren unserem religiösen Bekenntnisse alle möglichen und unmöglichen Ungereimtheiten und Ungeheuerlichkeiten und glauben damit, ihre Feindsei igkeiten gegen die Juden oder — um dem Jargon der Judenlietzer treuzu bleiben — gegen die Semiten zu begründen. Die Anderen respectiren angeblich das Glaubensbekenntniss und die religiöse Gesinnung jedes einzelnen Mensehen, also auch jedes einzelnen Juden, da man ihm doch die Menschenqualität nicht schlankweg absprechen kann, als die internste und intimste Angelegenheit jedes Einzelnen, woran zu rühren und zu rütteln sie Bedenken tragen. Sie stossen sich aber an die Abstammung der Juden. Die Rasse, die cortupte, vermaledeite, semitische Rasse, an welcher sie kein gutes Haar und keinen gesunden Fetzen lassen, hat es ihnen angethan. Dieser erbärmlichen semitischen Rasse gilt ihr Kampf auf Tod und Leben. Pohlmann untersucht in seiner Weise den Zum Schluss(! sei noch hervorgehoben, wiewohl jede weitere Beweisführung überflüssig erscheint, dass namentlich im Hinblick auf das liberum arbitrium (auf die Willensfreiheit des Menschen) der Ursprung der Erbsünde, die Ursache des Sündeufalles beim ersten Mensclienpaare vielfach Gegenstand scholastischer Spekulation gewesen ist und der Süudeufall des ersten Menschenpaares durch die Verbindung der causa priucipulis uud der causa instrainentalis erklärt wurde die causa principalis war der Satan, die causa instrumentalis war die Schlange, die wirkliche Schlange, die vom Teufel besessen war ״serpens isque verus, sed a diabolo obsessus.“ Derselben Gedankenverbindung begegnen wir auch in dieser Schrift Seite 39. Auf Seite 40 heisst es, der Satan habe Eva gelehrt, was ein Schwur sei, und habe sie schwören lassen, nicht eher von der Frucht des Baumes zu essen, bis Adam davon gegessmi. ln der Schrift kommt kein Wort von Israel, kein Wort vom Werthe der Thora vor. Der Herausgeber muss mit Blindheit geschlagen gewesen seiu, dass er den eigentlichen christologischen Charakter dieser Schrift nicht erkannte und sie für eine alte Baraita aus der talmudischen Zeit hielt. Es ist vielmehr eine mit grosser Schlauheit und Berechnung abgefasste Schrift, die iu vorsichtiger und zielbewusster Weise die für den äusseren Cultus der Kirche gangbaren Vorrtellungen noch verschweigt und umgeht, dafür aber die theoretischen Grundlagen dieser Vorstellungen durch unmerkliche Verquickung mit einzelnen hierzu geeignet erscheinenden agadischeu Elementen 80 zu sagen mundgerecht zu machen sucht, um so allmählich die Ueberleitung von dein einen religiösen Vorstellungskreis in den anderen bei dem dieser Absicht unkundigen Leser zu bewerkstelligen. *) Christen und .) uden. Von Professor Dr. Weiter Pohlmann, Oberlehrer am Königlichen Gymnasium zu Neuwied. Neuwied und Berlin. 1894. 8. 47 >S. lleuser’s Verlag. Preis 0,60 Mk,