Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- N° 5. (2.2.1894)
- Date
- 1894-02-02
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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18 — tischen Festestaumel sichtlich abstach. Auch sollten sie nicht dem Apisstier ihre Verehrung bezeigen, sondern ein Lamm nehmen, schlachten und verzehren, etwaige Opfer- oder auch nur Resttheile aber auch in späteren Zeiten, in das Feuer werfen und dort verbrennen. Auf Grund einer interessanten Wurzelanalogie verbindet nun der Redactor (Ex. 12, 13. 23. 27) mit dem Namen פפה den Gedanken, dass Gott in dieser Nacht die Häuser der Israeliten überschreiten und diese bei der unter den Aegyptern anzurichtenden Verheerung verschonen werde. Und ich kann nicht umhin, eine Vermuthung auszusprechen, welche dahin geht, dass die durcli ein ganz aussergewöhnliches Anschwellen und Uebertreten der Wassermassen des Nils herbeigeluhrte Gefahr einer verheerenden Ueberschwemmung es war, worin die 10 Plage, welche über Aegypten kam, bestand. Wenn es jedoch auffällig erscheint, weshalb die heilige Schrift, z. B.'Ex. 11,5, hervorhebt, dass die Erstgeborenen vom Menschen, sei es ein freier oder einSklave,bis zum Vieh umkommen würden, so soll damit sicherlich nicht gesagt sein, dass nur diese starben, sondern es soll diese Bemerku.ig ohne Zweifel zur Hervorhebung der Gewalt der Plage nur ankündigen, dass selbst die Erstgeborenen nicht verschont bleiben würden; ja es ist dies überhaupt nur eine verallgemeinernde Bemerkung (auch Num. 33,4 u. s.) Dann braucht, man auch nicht die midraschische Erklärung anzunehmen, dass sowohlErstgeborene desMannes.als auch solche von Seiten der Frau umkamen, wenn es Ex. 12,30 heisst: und es herrschte grosses Geschrei im Lande Aegypten, da es kein Haus gab, wo kein Toter war (auch wenn in. der betreffenden Familie kein Erstgeborener war), und a. a. 0. V. 33: ״sie sprachen: Wir alle kommen um!״ (trotzdem nur das Sterben der Erstgeborenen angedroht war.1) — Uebrigens erzählt ja auch der Midrasch, dass auch die ägyptischen Sterndeuter die Wirkung dieses כוכב יעה vorausberechnet hatten (vgl. bes. Halb im zu Ex. 11,4), ohne Vorkehrungen treffen zu können. — Um so erhebender wirkt aber die biblische Erzählung aut uns, da Israel, unbekümmert um die über das Hauptland Aegypten hinziehende Ueberschwemmung, ihr Opferlamm in jener Nacht verzehren sollte, bereit, unter Gottes und Moscheh’s Führung zur rechten Zeit den Auszug aus dem Sklavenlande anzutreten. Die Bestimmung Ex. 12,46, dass man in der betr. Pessachnacht dass Haus nicht verlassen solle, darf nicht auf die ägyptische Zeit bezogen werdeu, wo man beim Verlassen der eigenen Wohnung in der Nacht leicht in den Ueberschwemmungsrayou hätte geraten können; denn diese Stelle ist, wie ich früher gezeigt, von Moscheh erst vor dem Eintritt in das gelobte Land eingeschaltet worden. Gleichwohl kann die Vorstellung und Anordnung auch der Vorschrift in Ex. 12,7b u. s. und somit auch der erstgenannten für das פסה הדורות zu Grunde liegen. Alles, was im Pentateuch von der Feier des Pessachfestes erzählt wird, hatte dem Zweck, Israel vom Götzendienst fernzuhalteu und vielmehr an Gott zu fesseln. Daher, wie gesagt, der Ausdruck ״ פסח הוא לד׳das Pessach gilt Jhvh!“ Die Gedankenverbindung, welche zwischen Ex. 12,11 und 13 liegt, und der Uebergang zu der Vorstellung, dass Gott die Häuser der Israeliten überschritt, bildete die Grundlage des Festgedankens für das פסח הדורות. Es dürfte somit aus Obigem klar hervorgehen, 1) dass der Grundgedanke des Pessach nicht der eines Erstgeburtsfestes ist, wie die modernen Pentateuchkritiker annehmen, sondere derjenige der ersten nationalen Erhebung ') Die einer solchen Auffassung widersprechenden Angaben Num. 8,16—18 lassen durch die einfacheren Worte Ex. 13 im obigen Sinne sich verständlich machen. des israelitischen Volkes, 2) dann der Ursprung des Festes in der im Exodus erzählten Gestalt entschieden auf ägyptische Zeit und Verhältnisse zurückgeht. Ich beschliesse nunmehr die Besprechung der Naumann’schen Schrift ״Wellhausens Methode“ mit der Durchsicht des III. Hauptabschnitts ״Das Gesetz Israeis“ (S. 131—165), Mit vollem Rechte scheint mir hier der Verf., der Wellhausenschen Reconstructionstheorie, welche den Mosaismus erst im nachexelischen Judenthume zum Vorschein kommen lässt, entgegen, auf den Einfluss der ägyptischen Priesterverhältnisse und Religionsanchauungen und -gebrauche hinzu weisen, der sich in den altisrael. Anschauungen und Institutionen wiederspiegelt. Man wird zugeben müssen, dass es eine Willkür ist, auf Grund von Jud. 16,60, wo doch ohne Zweifel von der Zeit götzendienerischer Entartung des Volkes die Rede ist, darauf schliesen zu wollen, dass das Ephod ursprünglich ein Götzenbild und nicht das priesterliche Schulterkleid, an dem die Urim und Thummim befestigt waren, war, und es liegt durchaus nahe, wie auch der Verfasser annimmt, nach Lepsius und Le Page Renouf (vgl. schon Win er’s bibl. Realwörterb.) an die Bilder der maat, der ״doppelten Gerechtigkeit,“ zu erinnern; welche die ägyptischen priesterlichen Oberlichter auf der Brust an einer Halskette trugen (Fortsetzung folgt). Der Anarchismus und das Judenthum. Von Dr. J. Hamburger-Strelitz. Unter den stark hervortretenden Parteirichtungen der Jetztzeit in der Lösuug der sozialen Probleme bildet der Anarchismus die extremste derselben; er erklärt den Krieg allem Bestehenden im Staate und in der Gesellschaft und arbeitet auf dessen Vernichung hin. Seine Anhänger, die Anarchisten, treten so tollkühn und brutal auf, gebrauchen zur Verwirklichung ihres Vorhabens solch schrecklich verheerende Gewaltmittel und ziehen so sehr die öffentliche Meinung auf sich, dass eine Erörterung über die Stellung des Ju• denthums d. b. der Lehre und der Geschichte des jüdischen Bekenntnisses zu demselben nicht unerwünscht erscheinen dürfte. Giebt es doch auch unter den Juden Anhänger des Sozialismus in seinen verschiedenen Klassen; es liegt daher die Frage nahe, welchen Antheil haben die Lehren und Gesetze der jüdischen Religion an dergleichen Bestrebungen ihrer Bekenner. Wir versuchen als Antwort darauf eine Behandlung dieses Gegenstandes hier niederzulegen. In den Staaten des Alterthums, als z. B. in Rom und Griechenland, gab es oft in Folge der ungleichen Gesetze für die verschiedenen Volkstheile, wodurch die Einen durch die Andern sich bedrückt fühlten, sich oft wiederholende Aufstände mit empfindlichen Stössen gegen die Sicherheit des Staates. Wir nennen beispielsweise die Kämpfe der Plebejer gegen die Patrizier, die der grachiscben Unruhen u. a. m. in Rom. Die Grundgesetze des jüdischen Staatswesens mit seinen Institutionen, wie dieselben der Mosaismus bestimmt,'), als z. B. die von der Gleichheit Aller vor dem Gesetze2) der gleichen Landesvertheilung mit den trefflichen Agrarbestimmungen3), der Restitution des früheren Besitzes durch die Iustitution des Erlass- und Jubeljahres,4 *) der fürsorglichen Bestimmungen für die Arbeiter,6) die Fremden, Armen, Wittwen und Wai- 1) Vergl. Hamburger R.-E. I. Artikel ״Lehre uud Gesetz“ 2) Daselbst ״Gleichberechtigung.“ 3) Daselbst ״Besitz“ uud .JSigenthum.“ 4) Daselbst ,,Sabbat- und Jobeljahr.“ 6) Daselbst S. 11. Artikel ״Arbeiter.“