Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- N° 4. (26.1.894)
- Date
- 1894-01-26
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5367336-6582189-5991444--2410-5369256- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
15 lehrten sprachen, die Hochmiithigen, die Gesetzesverächter, die, welche unwürdige Schüler unterrichteten und die, welche wie Ach ab dem Rathe ihrer gottlosen Frauen folgen. Den Persern und Babyloniern wird noch besonders die Hölle in Aussicht gestellt und für den, welcher sich einer nnkeuschen Sprache bedient, wird die Hölle noch besonders tiefer gemacht. Alle Varietäten der Höllenpein werden denjenigen treffen, der zornigen Gemüthes ist Diese Ansicht theilt auch in gewissem Sinne der Evangelist Matthäus (5,22): ״Wer aus der Hand einer Frau Geld in seiner Hand empfängt oder mit seiner eigenen Hand Geld in die Hand einer Frau legt, mit der Absicht sie ansehen zu können, wenn er auch sonst dem Moses gleicht, der das Gesetz vom Sinai empfangen, wird der Höllenstrafe nicht entgehen.“ Fast dasselbe finden wir auch bei Matthäus (5,28.) Anderseits wird gewisser Personen Erwähnung ge* than, welche der Hölle nicht verfallen oder für welche die Strafen doch wenigstens gemindert werden. So heisst es: Wer beim Lesen des Sch’ma jeden Buchstaben gehörig artikulirt, für den wird die Hölle abgekühlt werden. Drei Klassen werden nie die Hölle sehen, die der äussersten Armuth Verfallenen, die an Krankheit der Eingeweide Leidenden lind die der Willkür ihrer Gläubiger Anheimgegebenen. Zu diesen zählen einige Rabbiner, denen das eheliche Leben wohl nicht zum Heile gereichte, auch die Männer, welche ein zänkisches Weib haben. Wohlthätigkeit gegen die Armen öffnet das Thor, durch welches man der Hölle entgeht. Wer den Armen einen Tlieil seines Vermögens spendet und Mildthätigkeit übt, bleibt von der Höllenstrafe befreit. Im Tractat Gittin werden die Wohlthätigen und Hartherzigen zwei Mutterschafen verglichen, welche einen Strom durchwaten. Das geschorene Schaf erreicht das jenseitige Ufer ohne Mühe, das ungeschorene dagegen wird ertrinken. — ״Almosengeben rettet vom Tode“ heisst es Spr. 10,2 und 11,4. (Dieses sagen wir auch, wenn bei einem Begräbnisse Geld für die Armen gesammelt wird.) Die Höllenstrafen dauern nicht ununterbrochen fort. Durch Gottes Barmherzigkeit wird den Verurtheilten zu gewissen Zeiten Ruhe gewählt. Dies ist der Fall zur Zeit des Gebetes am Sabbath und an Neumondstagen (Jesajah 66,23). Dreimal täglich wird ihnen je 1*12 Stunde zur Zeit des Morgen-, Nachmittag- und Abendgebetes diese Gnade zu Theil, also täglich 41/* und in 6 Tagen 27 Stunden. Mit Einschluss des Sabbaths haben sie auf diese Weise wöchentlich 51 Stunden Ruhe. Währeud dieser Zeit wird das Feuer erstickt und die gefangenen Seelen feiern. Dagegen haben sie am Freitag doppelte Qualen zu erleiden, um so den Ausfall für den Sabbath auszugleichen. Im Tractat Synhedrin wird erzählt, dass der rachlose Turnus Rufus (den Scaliger für den Kaiser Vespasian hält), welcher den Boden Jerusalems mit einem Pfluge durchwühlte und den Tempel verwüstete, einst an R. Akiba die Frage richtete: ״Wer beweist, dass die Würde des Sabbath grösser ist als die der andern Tage?“ R. Akiba antwortete ihm: ״Das Grab Deines Vaters; an allen Tagen der Woche steigt aus demselben Rauch empor, nur am Sabbath nicht, an welchem Tage auch die Sünder in der Hölle Ruhe haben.“ Der über die Hölle die Aufsicht führende Engel Dumah hat 3 Schlüssel, mit welchen er die 3 Thüren nach der Wüste hin öffnet und die Verurtheilten einen Schimmer des Weltlichtes sehen lässt. Der Rauch des brennenden Feuers verhüllt jedoch die Aussicht dahin. Um dieses Hindernis zü beseitigen, vertreiben drei Untergebene Dumah’s diesen Rauch mit drei Fächern. Ueber den Zustand der Verurteilten finden wir eine Hlustration im Tractat Gittin, Fol. 57. Onkelos, Sohn des Kalonymos, Schwestersohn des Titus, hatte diesen König durch Zauber heraufbeschworen und sich bei demselben nach der Strafe erkundigt, die er für seinen Verrath an Israel zu erleiden habe. ״Ich wurde zum Feuer verurteilt“, antwortete Titus, ״und verbrannt; meine Asche wurde alsdann eingesammelt und über sieben Seen ausgestreut.“ Hierauf liess er den Bileam heraufbeschwören und die Antwort auf dieselbe Frage verkündete, wie man sich denken kann, eine noch schrecklichere Marter, als die, welche Titus zu erleiden hatte. R. Isaak sagt: ״Der Wurm verursacht dem Todten denselben Schmerz, wie ein Nadelstich dem Fleische des Lebenden.“ Bei Besprechung der Stelle, an welcher Korah in die Erde sank, sagt ein Rabbi: ״Ich sah zwei Erdritzen, aus welchen Rauch emporstieg. Als• dann nahm ich ein Bündel Wolle, tauchte sie in Wasser, befestigte sie an einem Spiess und steckte diesen in eine der Ritzen; als ich ihn herauszog, war die Wolle verbrannt. Ich legte hierauf das Ohr an die Ritze und hörte, wie die, welche in den Abgrund stürzten, ausriefen: ״Moses ist wahr und sein Gesetz ist wahr, wir aber sind Lügner.“ Alle 30 Tage, wurde ihm ferner bedeutet, werden die Verurteilten in der Hölle herumgeworfen wie Fleisch in dem Topfe herumgeworfen wird. Eines Tages ging R. Akiba auf einen Gottesacker spazieren. Hier traf er einen Mann, dessen Angesicht so schwarz wie Kohlen war, welcher mit einem Bündel Holz auf dem Rücken so eilig lief wie ein Pferd. R. Akiba forderte ihn auf, stehen zu bleiben, während er zu ihm sprach: ״Mein Sohn, weshalb hast Du so schwere Arbeit zu verrichten? Wenn Du ein Sklave bist, dem sein Herr ein so schweres Joch auflegt, so will ich Dich von demselben befreien; musst Du aber aus Armuth so schwere Arbeit verrichten, so will ich Dich reich machen.“ Der Mann antwortete ihm: ״Ich bitte Dich, mein Herr, lass mich, denn ich habe keine Zeit zu verlieren.“ Hierauf Akiba: ״Gehörst Du zu den Menschenkindern, oder zu den Teufeln?“ Der Mann antwortete: ״Ich gehöre zu den Todten und muss jeden Tag Holz hauen, um das Feuer zu unterhalten, in welchem ich verbrannt werde.“ Hierauf Akiba: ״Was war denn Deine Beschäftigung auf der Oberweit?“ Der Mann antwortete: ״Ich war ein Steuereinnehmer, begegnete den Reichen freundlich und schlug die Armen — ja noch mehr, ich ehelichte eine Verlobte am Versöhnungstage.“ Als ihn R. Akiba hierauf fragte: ״Mein Sohn, hast Du vielleicht von Deinem Zuchtmeister gehört, ob es irgend ein Rettungsmittel für Dich giebt?“ antwortete er: ״Halte mich nicht auf, meine Zuchtmeister könnten mir sonst zürnen! Für mich giebt es kein Rettungsmittel, auch habe ich von keiner Erlösung für mich gehört, ausser dass sie mir sagten: ״Wenn Du einen Sohn hättest, der in öffentlicher Gemeinde כרכו sprechen würde: ״Gelobt sei Gott, der Hochgelobte!“ so würdest Du von der Strafe befreit werden.“ R. Akiba erkundigte sich nach seinem und seiner Frau Namen, sowie ihrem Aufenthaltsorte und ruhte nicht eher, bis er dessen Sohn aufgefunden, den er unterrichtete und nach dem Gotteshause brachte, woselbst er vor versammelter Gemeinde das Borchu-Gebet sagte. Da hatte die Erlösungsstunde für den Vater geschlagen. Aus dem Menorath Hamaor. (Schluss folgt)