Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- N° 4. (26.1.894)
- Date
- 1894-01-26
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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14 — dennoch sind bei ihnen Verbrechen absolut nicht zu finden. Den Zeitpunkt ihrer Einwanderung nach Halicz ist nicht mit Sicherheit ferigestellt. Einzelne polnische Historiker sind der Ansicht, dass die Karaiten erst zur Zeit Stephan Bathory’s, also in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, nach Polen eingewaudert sind. Diese Behauptung scheint auf einen Irrtum zu beruhen. Namentlieh findet sich aus jener Zeit in einem Inventarverzeichniss die Bemerkung, dass sich in der Stadt Halicz 24 karaitisehe Häuser befinden. Diese Notiz mag wohl, weil keine frühere Aufzeichnung vorhanden ist, zu dem Glauben Anlass gegeben haben, dass die Karaiten erst zu jener Zeit nach Halicz gekommen sind. Die Karaiten selbst verlegen den Zeitpunkt ihrer Einwanderung in das 12. Jahrhundert und setzen einen gewissen Stolz j darein, dass sie lange vor den Juden Bürger des Landes waren. Ich habe eine Nacht unter dem gastfreundlichen Dache eines alten Karaiten zugebracht und werde den Eiudruck nie vergessen. Am Abend sass ich mit meinem greisen Gastgeber beim Ofen, ein Talglicht beleuchtete spärlich die ärmliche Stube. Das tatarische Geschwätz der Kinder schlug eigentümlich fremdartig an mein Ohr. Der Alte erzählte seine Geschichte so, als ob er sie selbst miterlebt hätte: ״Sechshundert und dreissig Jahre sind es schon“, — sprach er — ״seit wir nach Polen gekommen sind. Die Juden, welche uns verfolgen, haben das Märchen ausgestreut, dass wir erst nach ihnen in dieses Land gekommen sind. Ich weiss es aber genau, es sind sechshundert und dreissig Jahre. Man hat uns sehr gut aufgenommen. Wir waren damals unserer Viele, sehr Viele, aber sie sind ausgestorben alle, alle, bis auf einen kleinen Rest Aber wenn der Messias kommt, da wird sich die ganze Welt zu unserem Glauben bekehren und wir werden die ersten sein unter den Völkern.“ Das Talglicht flackerte, das tatarische Geschwätz der Kinder war verstummt und mir schien es angesichts dieses Greises, als sei ich zurückgesetzt in jene Zeit vor sechshundertunddreissig Jahren und als sehe ich vor mir das fremdartige Volk, um Einlass bittend, vor den Thoren von Halicz. So mächtig ist der wahre Glaube, dass dieser schwache Greis, der Priester eines Volkes von kaum mehr als hundert Köpfen, freudig der Zeit entgegensieht, wo dieses absterbende Volk herrschen wird über alle anderen, und seine Religion die Religion der Welt sein wird. Schliesslich sei noch erwähnt, dass die Karaiten auch im Kriege kein Mensehenblut vergiessen dürfen. Dieser religiösen Vorschrift Rechnung tragend, hat man sie auch stets von der Militärdienstpflicht freigehalten. Seit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht werden sie zwar assentiert, aber nur der Sanitätstruppe zugeteilt. Alles in Allem genommen ist es ein fleissiges, arbeitsames und friedliebendes Volk, von einer Milde und Sittenreinheit wie kaum ein zweites. Ad in. Die Hölle in der hebräischen Litteratur. (Fortsetzung statt Sculuss.) Was nun diejenigen anbetrifft, welche in der Hölle ihre Läuterung durchzumachen haben, so werden nach einer Ueberlieferung der Schule Hilles die Menschen in 3 Klassen getheilt: 1) die Frommen, bei denen die guten Werke überwiegen; 2) die Böse wicht er, bei denen die schlechten Werke überwiegen und 3) die Indifferenten, oder die zwischen beiden in der Mitte Stehenden. Die Frommen werden sofort zum ewigen Leben eingeschrieben; die Bösewichter werden sofort zur Gehinnom verurtheilt, welche in Daniel (12,2) ״ewige Schmach und Schande“ genannt wird. (Letztere 2 Namen bezeichnen das Wesen der Hölle im allgemeinen Sinne noch treffender als die von R. Josua b. Levi angeführten Benennungen). Die Indifferenten werden nur eine bestimmte Zeit in der Hölle weilen. Während dieser Zeit aber werden sie schreien und wehklagen ob der zu erleidenden Strafen, dann aber auferstehen und nie wieder hinabfahren, wie es heisst: ״Er führt hinab in die Unterwelt und wieder herauf“ (Tobi 13.2). Von dieser Klasse spricht auch Han nah ״Er führt zur Hölle hinab und bringt wieder herauf“ (1. B. Samuel 2,6). Auch Secharjah spricht von diesem Drittel der Menschheit, wenn er Kap. 13,9 sagt: ״Und ich werde den dritten Theil ins Feuer bringen und ihn läutern, wie man Silber läutert und ihn prüfen, wie Gold geprüft wird.“ Es könnte nun die Frage aufgeworfen werden: ״Wer sind die wahren Bösewichter?“ Als solche werden bezeichnet: die מינים (Ketzer), die מוסרות (Verräther), משומדים (vom Glauben Abgefallene) und die אפיקורסים (diejenige», welche nicht an die Wiederauferstehung der Todten glauben, sich von der Gemeinde absoridern, Furcht verbreiten unter den Lebenden, sündigen und andere zur Sünde verleiten gleich Jerobeam, Sohn Nebats und seine Gesinnungsgenossen). Diese werden hinabsinken in das Gehinnom und in demselben verbleiben für ewige Zeiten. Auf diese bezieht sich der Schlussvers in Jesajah ״denn ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer wird nicht erlöschen.“ Ueber die Bestrafung der wahren Bösewichter erfahren wir auch noch Folgendes: Während die Körper der Gerechten zum Frieden eingehen, auf ihren Lagern ruhen und ihre Seele in den Bund des Lebens aufgenommen und nach 12 Monaten unter dem Thron« der Herrlichkeit ihren Platz finden werden, werden die Bösewichter keine Ruhe finden, ihre Seelen gefesselt und wie aus einer Schleuder hinausgeworfen werden. Zu diesem Zwecke steht ein Engel an einem, ein anderer am andern Ende der Welt und werfen diese sich die Seelen der Bösewichter gegenseitig zu. Auf diese Weise werden sie ohne Rast und Ruhe durch das Weltall gejagt. R. Chan in a sagt: ״Alle, welche in die Hölle hinabsteigen, steigen auch wieder herauf, mit Ausnahme von dreien, welche wohl hinab-, aber nicht wieder heraufsteigen. Das sind die Ehebrecher, die, welche Andere öffentlich beschämen und die, welche ihrem Nebenmenschen eineu Schimpfnamen beilegen. (Vgl. Matthäus 5,22). Die Tossafoth sagen hierzu: Diese werden nicht sogleich, sondern erst nach 12 Monaten wieder heraufsteigen und können dieselben sich auch schon in diesem Leben durch Reue von der Strafe befreien. Es ist nicht leicht, die Ansichten der Rabbiner über die Dauer der Strafe mit einander in Einklang zu bringen, obschon diese Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist. Leon von Modena meint, dass die Höllenqualen ewig dauern, weil auch die Seelen ewig (unsterblich) sind. Me na ss eh b. Israel, obschon er auch an die Unsterblichkeit der Seele glaubt, will eine ewige Strafe nicht zugeben, während Maimonides, Abar* banel und Kimchi meinen, dass die Seelender Bösewichter mit ihren Leibern untergehen werden. Zerstreut im Talmud finden wir auch Beschreibungen von gewissen Personen, welche der Hölle verfallen, die Bibeltexten entnommen sind oder sich doch an solche anlehnen. Zu diesen werden die Menschen gezählt, welche von den Irrthüineru der verstorbenen Ge-