Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- N° 4. (26.1.894)
- Date
- 1894-01-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 4. Das XXIlLJahrg J üdischeLiteraturblatt Zur Btleuchtung aller Judenthum und Juden betreffenden literarischen Ersehe!-!Hingen aut dem Gebiete der Philosophie, Geschichte, Ethnographie, Theologie, Orientalia, Exagesse, Homiletik, Liturgik und Pldagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. Magdeburg, den 26. Januar 1894. BOcher der einschlägigen Literatur, welche der Redaktion zugesandt werden, linden In diesem Blatte;eingehende Besprechung. Bei Einsendung «on zwei Recensions- Exemplaren erfolgt einmalige kurze Gratis-Insertion. Das ״Jüdische Literatur-Blatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen. Preis bei allen Buohhandlungen (in Leipzig bei Robert F riese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift,“ die vierteljährlich bei allen Postanstalten nnd Buchhandlungen 8 Mark zahlen, erhalten das ״Jüdische Literatur-Blatt“ grati[s. Inserate werden mit 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark berechnet und sind an die ״Expedition dieses Blattes“ zu senden. Buchhändler und Lehrer, welche direkt oder durch Robert Friese Inserate einsenden, erhalten 25 0/0 Rabatt. XnlicLlt: Wissenschaftliche Aufsätze: Ein ansterbender jüdischer Volksstamm. — Die Hölle in der hebräischen Literatur. Von James Uev, HI. Artikel. Recensionen: Kleopatra. Von Georg Ebers. Besprochen von B, R. — Jüdische Moral nnd christlicher Staat Von Dr. Edmund Friedemann. Besprochen von Dr. S in ge r-Coblenz. — Wie begegnen wir den Antisemitismus? Ein Wort an meine jüdischen Volksgenossen von Ed. G. Gedalins. Besprochen von Dr. Singer-Coblenz. Literaris che Notizen: Hebr.Grabschriften. VonCaro-Lemberg. Unbefugter Nachdruck au« diesen Blatte nicht gestattet. Ein aussterbender jüdischer Yolkstamm. Kaum drei Stunden Bahnfahrt von Lemberg entfemt liegt die altertümliche Stadt Halicz, die einstige Haupt- und Residenzstadt der kleiurussischen Fürsten. Duich Jahrhunderte war Halicz der Schauplatz blutiger Kümpfe zwischen den zahlreichen Thronprätendenten. Im zwölften Jahrhundert wurde ein Fürst von Halicz Namens Wladimir Taroslawicz von dem ungarischen Königssohne Andreas vertrieben und wandte sich an den Polenkönig Kasimir II. um Hilfe. Sie wurde ihm gewährt aber seit dieser Zeit blieb das Fürstentum Halicz mit kurzer Unterbrechung den Polen lehnspflichtig, bis es unter Kasimir dem Grossen zu einer polnischen Provinz wurde. Im Jahre 1240 wurde die Stadt von einer Tatarenhorde zerstört und darauf an einer anderen Stelle aufgebaut. Eine uralte Schlossruine, welche sich über der Stadt erhebt, und zahlreiche archäologische Funde geben Zeugniss von der bewegten Vergangenheit der ehemaligen Hauptstadt des ruthenischen Reiches. Die historisch und archäologisch merkwürdige Stadt, welche heute zu einen Marktflecken von 4000 lierabgesunken ist, birgt aber als grösste Merkwürdigkeit, als ein lebendiges redendes Denkmal der Vergangenheit, die Ueberreste eines Volksstammes, welcher von Jahr zu Jahr zusammenschmelzend heute auf etwa 140 Köpfe herabgesunken ist Dieser Volksstamm welcher sich Karaiten oder Karaimen nennt, bildet einen Zweig des jüdischen Stammes, eine religiöse Sekte, welche sich m Vlll. Jahrhundert in Babylon vom Judentum losgelöst hatte. Der Begründer dieser Sekte, Anan ben David, hat seine Religion auf dem reinen Text der heiligen Schrift aufgebaut und den Talmud sowie alle späteren Commentare und Schriften verworfen. Von den Rabbaniten verfolgt und bedrängt, flüchteten sich die Karaiten nach Europa, bildeten zuerst Colonien auf der Balkanhalbinsel und kamen später nach Russland und Polen. Heute existieren nur noch die Kolonie in Halicz und einzelne Familien in Odessa, Lack und Elisawethgrad; eine zweite Colonie in Kukizow bei Lemberg ist bereits ausgestorben. Ich hatte im vorigen Jahre anlässlich einer Studienreise Gelegenheit, die Sitten und Gebräuche dieses merkwürdigen Volkes zu beobachten. Die Religion der Karaiten ist die einfachste, aber auch unbequemste von der Welt. Sie halten sich blos an die heilige Schrift, aber so buchstäblich, dass sie z. B. am Samstag durch 24 Stunden auch bei der grössten Kälte ihre Wohnungen nicht beheizen, und auch nicht beleuchten. Das einzige Speisegesetz, welches sie anerkennen, verbietet ihnen den Genuss von Fleisch, welches einem kalbigen Thier entstammt; da die Juden aber zu gering an Zahl und zu arm sind, um ein eigenes Schlachthaus zu erhalten, so essen sie überhaupt kein Fleisch und nnr an hohen Feiertagen ein Huhn, das nach ruthenischer Sitte in Milch gekocht wird. Die Karaiten sind ein ruhiges, arbeitsames Volk, dass sich ausschliesslich vom Ackerbau erhält, es scheint sogar, dass ein ungeschriebenes Gesetz ihnen den Handel verbietet. In der Tracht unterscheiden sie sich fast gar nicht von den ruthenischen Kleinbürgern, mit denen sie auch im besten Einvernehmen leben. Unter der christlichen Bevölkerung sowohl von Halicz wie von der Umgegend erfreuen sich die Karaiten der grössten Beliebtheit, während sie von den jüd. Mitbewohnern mit einem fast wilden Hasse verfolgt werden. Nach aussen sprechen sie vollkommen correct ruthenisch und polnisch, unter einander eine Sprache, welche sie als ״Karaitisch“ bezeichnen, die aber von Philologen als ein corrumpirtes Tatarisch bezeichnet wird. Alfred Brehrn erzählt nach Alexander von Humboldt eine rührende Legende von einem alten Papagei. Forscher kamen einst in eine ganz entlegene Landschaft Südamerikas und fanden Ueberreste menschlicher Cultur. Auf einem Felsen aber sass ein alter Papagei, der unausgesetzt gewisse Worte wiederholte, die Niemand verstand. Das Volk, das sie ihn sprechen gelehrt batte, war ansgestorben, de!• Papagei aber hlieb und plapperte Worte, deren Sinn Niemand mehr begriff. Um wie viel rührender noch ist der Anblick dieses Volkes, das mitten im fremden Laude seine Gebräuche treu bewahrt hat und an seiner Sprache festhält, die Niemand mehr versteht Kein Mensch erinnert sich je an einen Glaubenswechsel bei den Karaiten; sie sterben einfach aus, weil sie nur unter einander Ehen schliessen, und die Paare sich immer schwerer zusammenfinden lassen. Eine gewisse priesterliche Weihe liegt über diesem Volke; sie lassen Alles über sich ergehen, ohne zu murren: arbeiten schwer, leben in grosser Armut und