Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 23 (1894)
- Issue
- N° 1. (5.1.1894)
- Date
- 1894-01-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 4er Dichtung den deutschen Geist befruchtet hätte, während er in Wirklichkeit durch geschäftsmännische Ausbeutung seines Talents versandet ist. Auf der Höhe der Humanität und einer klaren Politik steht das zweite Kapitel das uns eine warmblätige Diatribe Theodor Barth’s bringt; schon um dieser paar Seiten willen verdiente das Buch die weiteste Verbreitung. Nicht immer hat Barth gegen Richter recht, abar wenn er es einen groben taktischen Fehler nennt,das Richter neuerdings gegen die Socialisten gesprochen hat, so hat er einen wunden Punkt getroffen; freilichbleibt es fraglich, ob hier nicht Bahr bei seinen sozialistischeu Neigungen Barth besser gehört hat, als dieser gesprochen. Wir können unmöglich alle die interessanten Aufschlösse auch nur andeuten, die das Bach bietet Nutzen and Ergötzen bietet der Autor in Fülle. Besonders der französische Antisemitismus wird scharf beleuchtet; es ist nun einmal nicht wegzuleugnen, das Drumont, der Vater des französischen Antisemitismus, ein hervorragender Schiftsteller ist, während die deutschen Antisemiten, Dü bring abgerechnet, alle kleine Schreier sind. Das Buch Bahr’s wird zweifellos einen grossen literarischen Erfolg haben, möge auch der sittliche Erfolg, der dem menschenfreundlichen Autor sicherlich noch wichtiger ist, ein mächtiger und tiefgehender sein. B. R. Die Hölle in der hebräischen Litteratur. Von James Mew.*) Isaac Barrow stellt in seinen ״Predigten über den Glauben“ bei Erklärung des Satzes ״Er stieg hinab in die Hölle“ folgende Fragen auf: ״Ist die Hölle ein Zustand oder ein Ort?“ Wenn letzteres, ist sie der Ort, wo die Körper ausruhen, oder der Aufenthalt der Seelen? Wenn letzteres, ist sie der Aufenthalt der frommen und glücklichen, oder der lasterhaften und unglücklichen Seelen, oder gar ohne Unterschied der Aufenthalt für beide? Solche Worte haben nämlich einen derartigen Doppelsinn oder lassen doch einen solchen zu; für jede dieser Ansichten finden sich Anhänger, die ihre Richtigkeit mit Beweisen belegen wollen.“ In diesem Vor trage nun soll eine Lösung dieser und ähnlicher Fragen alB über die Beschaffenheit der Hölle, ihre Namen, ihren Ort, ihre Schöpfhng, ihren Zweck, ihre Grösse, ihre Herrscher, ihre Opfer, ihre Qualen und ihre Dauer vom rabbinischen Standpunkte aus versucht werden. Die vom menschlichen Körper losgelöste Seele scheint nach den ältesten Vorstellungen ein zartes und feines Etwas zu sein, welches sich einen sicheren Ruheplatz sucht, um dort Ersatz zu finden für die irdische Heimath, der es entrissen wurde. Als Örtlichkeit nahm man zn allererst wahrscheinlich das Grab an, späterhin ein ausgedehntes unsichtbares Reich und endlich einen Ort der Bestrafung für die Bösen. Diese unterschiedenen Bedeutungen hatte das hebräische Wort für Hölle im Alten Testament Es scheint, dass die alten Hebräer keine Idee von der modernen Hölle als Ort der Bestrafung hatten. So lange die majestätische Einfachheit und ursprüngliche Kunstlosigkeit der hebräischen Theologie noch unberührt war von den Beimischungen einer fremden Glaubensansicht, war die שאול oder Hölle ihnen ein Ort, wohin Alle gehen, wo die Todten weilen, *) Aus dem ״Niuteenth Century“, deutsch von L. Cohen. welche nichts mehr wissen, wo der Mensch keinen Vorzag hat vor dem Thiere, wo man sich hinlegt, ohne wieder aufzustehen — das stille Dunkel, in welchem Keiner Gott mehr preisen kann — die G r u f t Sie war der Aufenthalt jener kraftlosen Schattengemeinde, der Bewohner des Landes der Ruhe. Dort ruhten sie wie in Winterschlaf versunkenes Gethier, welches keinen Sommer sieht Dort endlich fanden sie den Frieden. ״Warum“, fragte der Geist Samuels den Saul, ״warum hast du mich beunruhigt, mich herauf zu bringen?“ Das war seine erste Frage, gleichsam als ob der entschwundene Geist durch eine Rückkehr nach der Oberweit aus diesem Hafen der Ruhe, wo die Gottlosen uns nicht mehr quälen und die Müden ausruhen, sich gekränkt fühlte. Der spätere Glaube an einen Ort der Bestrafung scheint aus einer Reflexion über das Wohlergehen der Frevler hervorgegangen zu sein. Ein gewisses Gefühl poetischer Gerechtigkeit und einstiger Vergeltung hat wahrscheinlich die Lehre von einer strafenden Hölle ins Leben gerufen. Die Frage, ob die Juden nach der babylonischen Gefangenschaft ihre Hölle von den Griechen oder Persern entlehnt haben, ist bereits vielfach discutirt worden. Es scheint indessen kein hinreichender Grund vorzuliegen, welcher zu der Vermuthung berechtigt, dass sie ihre Ansicht den einen oder den anderen entlehnt haben. Wenn Job und die Verfasser einiger Psalmen sich mit dem Gedanken trösten, dass der Triumph und das Glück der Gottlosen nur von kurzer Dauer sei, dass diese endlich dahinschwinden würden wie ein Traum, zu Grunde gerichtet für immer, dass, wenn auch ausgebrqitet wie grünender Lorbeerbäum und sprossend und treibend wie das Gras, sie doch endlich für immer vernichtet sein würden, so beschritten sie hiermit doch den Weg, welcher zu dem Terminus einer strafenden Hölle führte. Das Wort ״Hölle“ wurde in den alten Versionen als Uebersetzung für das hebräische שאול gebraucht Die LXX haben für das 65 Mal vorkommende Wort 61 Mal ״Hades,“ die alten Versionen aber halb so oft das Wort ״Hölle“. Diese Uebersetzung ist ungeeignet, weil Hölle im gewöhnlichen einen Ort der Bestrafung bezeichnet Die neue Version hat desshalb an manchen Stellen das ursprüngliche Wort unübersetzt gelassen oder eine Umschreibung gebraucht (So z. B. II Samuel, 22, 6 giebt sie חבי שאול mit ״Fesseln der Scheol.“) Das Wort wird auf 2 Stämme zürückgeführt, nämlich auf שאל,fragen und hohl sein. Für die erste Bedeutung finden wir eine Stütze in den Proverbien, in welchen von vier Dingen die Rede ist, welche nie genug haben: das Grab (Orcus rapax des Gatullus) fragt oder verlangt immer nach mehr (Prov. 30,15); oder auch in dem Sinne, dass diejenigen, welche sich in שאול befinden, der p ein liehen Frage-״F01ter“ unterliegen, in welcher Bedeutung es von Ayliffe gebraucht wird; oder auch, weil der Zustand nach dem Tode der Gegenstand allgemeiner Nachforschung und Erfragung ist, Etwas, was alle Menschen zu erfahren begierig sind. — Die letztere Bedeutung, welche besonders Gesenius unter Anführung anderer Ableitungen, welche kaum der Erwähnung werth sind, zu begünstigen scheint, findet ihre Stütze in der Ansicht eines seiner Nachbeter, welcher das Wort mit dem deutschen ״Holis“-Hohl und Höhle in Verbindung bringt, aus welchen später das Wort Hölle oder engl. Hell abgeleitet wurde. (Hebr. שעל — hohl) Etymologisch wird das Wort ״Hell“ aber vielleicht besser mit ״bedeckter Ort“ wiedergegeben ״locus visibus nostris subtractus“, wie Grotius sie nennt, also ״die Unsichtbare,“ der griechische ״Hades“. Ihre ver־■