Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1894-01-05 · N° 1. (5.1.1894) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
23 (1894)
Issue
N° 1. (5.1.1894)
Date
1894-01-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/5367336-6582189-5991441--2393-5369242
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

M 1. Das XXIII. Jahrg. JüdischeLiteraturblatt Zur Balwchtuiig all« ludenthum und Juden betretenden Uteraritchen Ertcheinungenjaut dem Bebiete der Philoaopliie, Geschieht•, Ethnograph», Theelegie Orientalia, Exsgeue, Homiletik,. Liturgik und Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. Magdeburg, den 5. Januar 1894. BOcher d« einacMlgigen Literatur, «etebe der Redaktien rugeeandt werden, Enden in dleeem Batte eingehende Besprechung. Bei Einsendung *on!«ei Recensiens- Exemplaren erfolgt einmalige kurte ßratis-lnsertion. Das ״Jfldische Literatur-Blatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen. Preis bei allen Buohhandlunffen (in Leipzig bei Robert F riese) pro Jahrgang 8 Mark. Abbonennten der ״Israelitischen Wochenschrift,“ die vierteljährUhh bei allen Postanstalten and Buchhandlnngen 3 Mark zahlen, erhalten das ״Jüdische Literatur-Blatt" gratis. Inserate werden mit 26 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark berechnet nnd sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buohkandier und Lehrer, welche direkt oder dnreh Robert Fri ese Inserate einsenden, erhalten 25 0/0 Rabatt. Inl1a.lt: Wissenschaftliche Aufsätze: Ein Rundschreiben über Antisemiten nnd Philosemiten. — Die Hölle in der hebräischen Literatur. Von James Me w, I. Artikel. Recensionen: Einiges Christentum. Herausg. Prof. Lehmann- Hohenberg.in Kiel. Besprochen yon Dr. Singer-Coblenz. — חשוון Magazin für jüdische Geschichte, Literatur und Wissen- Schaft Herausgeg. von Gnstav fB ader-Lemberg und Manuel Mailes-Piriatyn. Von Dr. Immanuel Deutsch-Sorau, — Kolja’s Braut. Roman von Emmy Tuerk. — Liter. Notiz. Unbeftigter Nachdruok aus diesen Blatte nicht gestattet Eine Rundschau Uber Antisemiten u. Philosemiten*). Es ist ein sonderbares Metier, den Leuten auf die Bude zu rücken und ihnen gleichsam die Pistole auf die Brust zu setzen, dass sie den Schrein ihres Herzens öffnen und uns, wenigstens für einen bestimmten Fall, ihre Meinung enthüllen. Die Amerikaner mit der edlen Dreistigkeit, die sie im Verkehr mit halb- und uncivilisierten Völkern sich angeeignet haben, haben zuerst jenes Ausfragespiel erfunden, durch das sie jeder interessanten Persönlichkeit lästig, aber den Lesern der Zeitungen höchst interessant werden, und wie denn böse Beispiele am raschesten Nachahmung finden, so ist jene schöne Sitte rasch zu uns übers Meer gekommen und man interviewt jetzt in Europa so gut und so keck, wie drüben in Amerika. Neuerdings lassen sich sogar Diplomaten ihre Deheimnisse ahfragen, ja sie bestellen sich die Journalisten, 11m auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege Stirnmung zu machen, Sand in die Augen zu streuen und ihre Ansichten um so sichrer zu — verbergen. Jüngst hat nun ein ausgezeichneter und auf vielen Gebieten bewährter Schriftsteller den Plan gefasst und ausgeführt, Europa über den Antisemitismus zu interpelliren. Nur ein viel gewandter und ein vielgewandertei• Mann, der die mannigfaltigsten Beziehungen hat, konnte diesen Plan gut ausführen. Herr Bahr hat ein prächtiges Buch geliefert, das weit mehr noch leistet, als der Titel verspricht, denn wir lernen auch diese ganze Gallerie euro- •päischer Berühmtheiten etwas intimer kennen in der Beleuchtung, in der der Antisemitismus sie uns zeigt. Herr Bahr führt uns nicht unvorbereitet in die Räume der Notablen, die er ausfragen will. Vielleicht legt er nach der Weise der Naturalisten zuviel Werth auf die Aeusserlichkeiten der Ausstattung des Raumes, in dem sich der Befragte aufhält, oder auf das Aussehen dieser ..•lauehten Gesellschaft. Wie es in einer Stube, und sei es selbst die Studierstube, aussieht, hat oft nur Der Antisemitismus ein internationales Interview. Von Herrn. Bahr. Berlin. Fischer (216: S.) einen losen Zusammenhang mit der Persönlichkeit. Aber auch den Kern der Persönlichkeit eröffnet uns Bahr znweilen in einer überraschenden Weise. Natürlich geht es nicht ohne Wiederholungen, denn was können selbst geistreiche Leute über eine Frage, die eigentlich gar keine Frage ist, Bedeutsames Vorbringen? Jude sein das ist doch nicht genug, um einen Menschen zum Verbrecher zu stempeln; also man muss sich um die Sache herumdrücken, um irgend etwas zu entdecken, das wie ein vernünftiger Grund vielleicht anssehen könnte. Bei weitem die meisten unserer Gegner verwechseln Judentum nnd Börse. Vor Zeiten hat man die Juden bestraft, weil ihre entlegenen Vorfahren Jesus weh gethan haben sollen; jetzt straft man mich, weil Rothschild Geld verdient, viel Geld verdient; was kann ich dafür; er hat mich bei seinen Geschäften noch nie um Rat gefragt; das Verhältnis des deutschen Bürgers zu ausländischen Staatspapieren ist für die umgeheure Mehrzahl der Juden rein theoretisch, und die Argentinier und Rumänier und ^riechen nnd Mexikaner und wie die ganze Schaar interessanter Völkerschäften immer heissen mögen, die sich von den trotz schwerer Militärlasten nicht vöשg ausgepowerten Earopäern etwas borgen, sind in ihren Kreditverhältnissen der Judenheit völlig gleichgültig. Es stellt sich nach dieser Generalenquete immer deutlicher heraus: es ist nichts weiter als die Lust am Hasse, als die Neigung, einen Sündenbock heranszusuchen und dem die Schuld aufzuhürden. Manchen tiefem Einblick gewinnen wir sogleich in dem ersten Kapitel, wo Spielhagen sein Herz entdeckt; ein Antisemit, der sich schämt es zu sein; er sagt, alles Reden gegen den Antisemitismus helfe nichts und enthebt sich dadurch der Pflicht seine Stimme gegen ihn zu erheben; man hört aus jedem Worte den Ingrimm des alternden Schriftstellers, der es fühlt, dass sein Ruhm noch früher dahinwelkt als er selbst ״Heine ist nur eine geringe Höhe neben Gipfeln wie Schiller und Göthe“; aber welch ein Bergriese ist Heine gegenüber einer Sanddürre wie Spielhagen! ״Das Höchste in den Künsten der Wissenschaften bleibt ihnen freilich versagt“ dekretiert Spielhagen: wie lange stehen wir Jaden denn in Wettbewerb um die höchsten Ziele in Künsten und Wissenschaften? noch kein Jahrhundert; wie viel Jahrhunderte haben sich die Deutschen ohne einen Göthe und Schiller behelfen müssen? Uns Juden in Deutschland ist diese ganze Erwägung durchaus zuwider. Wir freuen uns über jeden Triumph deutschen Geistes und hätten sicherlich nichts dagegen gehabt, wenn der Dichter der ״problematischen Naturen“ den Erwartungen entsprochen und mit einem vollen Strom

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.