Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 51. (22.12.1893)
- Date
- 1893-12-22
- Page
- Seite 21 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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־and als religiöse Frau das Walten Gottes in der Geschichte kennt, aus diesem Fingerzeig göttlicher Vorsehnug eher einen ziemlich deutlichen Schluss ziehen müssen, mindestens den, dass Gott, der uns allein von den alten Völkern bei aller Zerstreunng und Unterdriickuug trotz Mangels eines selbstständigen• Staates nur durch die Kraft seines Wortes und die Stärke unseres Vertrauens erhalten, uns zu etwas Grösserem aufbewahrt hat. Unser Dasein beweist, dass das Werk Moses das grösste und göttlichste war, für die Ewigkeit geschaffen, das Fundament, auf dem alle späteren religiösen Gebäude aufgeführt sind. Es liegt im Interesse der Tochterreligion des Judentums, dafür zu sorgen, dass dieses Fundament nicht erschüttert werde; dass sie den Ast nicht absäge, auf dem sie sitzt. Gewiss hat das Christentum seine Mission — wir verkennen es nicht und freuen uns seiner Erfolge, wie eine Mutter über die ihres Kindes — aber auch wir haben die unsere. Die Kinder können, zur Macht gelangt, das greise Haupt der Mutter kränken und beschimpfen, aber ihr nicht das Recht des Daseins nehmen. Wir warten auf die Erfüllung der Prophezeiung Ezechiels Cap. 34 bis ״Gott sich selbst seiner Heerde annimmt, das Verlorene wiedersucht und das Verirrte wiederbringt, das Verwundete verbindet“. Und sie wird sich erfüllen, ebenso wie das Verlorenwerden und das Verwundetwerden eingetroffen ist, wofür der allgütige Gott allerdings eher der Menschenhilfe bedurfte, als zu der Erlösung aus dem Uebel. Wir nahmen mit beispielloser Unterwerfung unter den Willen und den unerforschlichen Ratschluss unseres himmlischen Vaters seine Züchtigung entgegen, ״wir hielten unseren Rücken denen hin, die uns schlugen, unsere Wangen denen, die uns verletzten, aber Gott der Herr hilft uns, darum werden wir nicht zu Schanden.“ Wenn ich noch anfüge, dass auch die Erhebung zum Himmel sich wohl an den in der Bibel gleichfalls geschilderten Vorgang bei den Propheten Elias anlehnt, kann ich auf eine Widerlegung der von der Fürstin angezogenen Stellen aus Jesaias und den Psalmen verzichten. Die 1 <>11e Verfasserin hat es verabsäumt, die Psalmen, welcl von David herrühren, von ‘denen anseinauderzuhalten, welche nicht ihm ihr Dasein verdanken, sondern zum Teil späteren Ursprungs sind, sowie zu berücksichtigen, dass es einen Deutero-Jesaias gegeben hat, der in späterer Zeit lebte und weniger Beachtung (?)verdient. Ebensowenig wie alles prophezeit wurde — z. B. Kreuzzüge, schwarzer Tod, dreissigjähriger Krieg etc. — ebensowenig ist uns alles heilig und unumstösslich, was wie eine Prophezeiung aussieht, mag es auch scheinbar sich erfüllt haben. Aber die meisten von ihnen harren auch noch auf ihr Eintreffen, so z. B. die ptece de resistence aller Missions- Schriften, Jesaias LV, 11—14, dass alle Könige ihn — sc il. Gott nach unserer Auffassung — anbeten und alle Heiden ihm dienen werden. Und wäre diese Prophezeiung ein Hinweis auf das Christentum, wo bleibt ihre Erfüllung? Noch schmachtet der grösste Teil der Welt in den Fesseln des Heidentums, noch giebt es Mohammedaner, noch ist die Christenheit in hellem Aufrühr, welche Konfession derselben im Besitze d8s wahren Christentums ist Warum wird von uns, den ältesten Bekennern des einzigen Gottes, des unverfälschten Monotheismus, immer wieder verlangt, dass wir den Quell aufgeben, der uns Jahrtausende lang erfrischte, um aus einem Brunnen zu schöpfen, der bis jetzt für uns und seine Bekenner — im bittersten Kampfe gegeneinander — nur Krankheitskeime an die Oberfläche trieb? Warum erwartet man von uns, die wir seit Jahrtausenden national getrennt, wenn das Vaterland uns rief, einander ebenso gegenüberstanden, wie protestantische Preussen gegen ebensolche Dänen und katholische Oesterreicher gegen katholische Italiener, ebenso aber wie diese und jene einem gemeinschaftlichen Glaubensverband angehören, dass wir diese Einheitlichkeit aufgeben und in der Zersplitterung der Christenheit aufgehen? Diese Forderung durfte an uns am allerwenigsten von einer erlauchten und anerkannt milden Fürstin gestellt werden, welche die hochherzige Landesmutter all er Unterthanen verschiedenen Glaubens ist und als solche nicht verkennen konnte, dass jene nicht die schlechtesten Landeskinder sind, welche in anderer Weise denselben Gott anbeten, dieselben Pflichten der Wohlthätigkeit und Menschenliebe desselben Gottes treu ausüben, aber Thron und Altar nicht zusammenrücken, sondern in jedem Augenblicke bereit sind, für diese beiden heiligsten Gegenstände ihr Herzblut hinzuopfern.— Dr. Singer-Coblem. Erklärung unklarer Bibelstellen. Von Dr. Herne 1-Brody. n. 2. B. Samuel, Cap. 7, V. 23 u. 24. Ganz besondere Schwierigkeiten bietet der Vers 23 im Grossen und Ganzen, besonders sind es die zwei letzten Worte נדים ואלהיו, mit denen man nichts anzufangen weiss und von denen wir nicht sagen können, was sie an dieser Stelle bedeuten? Vielleicht gelingt es uns, aus dem Inhalte heraus ihren Sinn und ihre Bedeutung zu erfassen. Das Kapitel 7 erzählt uns mit breiter Ausführlichkeit, dass König David zu einer Zeit, wo die Kriege nach aussen ihn nicht mehr beschäftigten, und er sich mehr mit inneren Angelegenheiten, mit sogenannten Friedenswerken abgeben konnte, es zunächst für passend erachtete, eine entsprechende, würdevolle Stätte der Andacht zu Ehren Gottes, dem Retter und Beschützer Israels, zu erbauen. Er selbst hatte bereits ein prachtvolles Wohnhaus sich erbauen lassen, nunmehr sollte ein Heiligtum entstehen, das dem Namen Gottes geweiht sein und dem Volke, von dessen Gunst und Gnade die Königswahl abhing, keine Gelegenheit zu Lästerungen und spöttischen Bemerkungen gegeben werden sollte. König David wusste sehr wohl, wie wankend und schwankend Volksgunst und Volksgnade sind, er nahm daher darauf Bedacht, dem Volke jeden Vorwand zu benehmen, der eventuell bei der Wahl des Thronfolgers zum Nachteile seiner Dynastie angewandt werden könnte. Selbstverständlich war es sein Wunsch und sein Streben, den in Israel befestigten Königsthron seinen Kindern zu erhalten und seinen Nachkommen zu vererben. Er sagt dies ganz deutlich in V. 19 ״ וזאת תורת האדםDas ist ja des Menschen Streben.“ Man könnte sagen, König David betrieb nebenbei mit dem geplanten Baue des Gotteshauses ein wenig Friedenspolitik, denn wenn nur Pietät und Dankbarkeit das leitende Motiv gewesen wären, so musste zunächst, nachdem die Grenzen des Landes gesichert waren, an den Bau einer würdigen Andachtsstätte geschritten und dann erst ein der Königswürde angemessenes Königshaus erbaut werden. Diese Bemerkungen wollen durchaus nicht den hohen Charakter, die edle, ritterliche Persönlichkeit und den frommen gottergebenen Sinn des heldenmütigen Königs in Israel herabmindem. Sie sollen nur als Illustration der politischen Bestrebung des Königs dienen, der gern die herrschende Sitte der Wahl monarchie abgeschafft hätte, um an ihre Stelle die befestigte, von der Laune des Volkes unabhängige Erbmonarchie zu setzen. Wusste er doch gar zu gut, welcher Kunstgriffe es bedurfte, um zunächst in dem ihm verwandten Stamme Juda zur