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Das jüdische Literaturblatt · 1893-12-22 · N° 51. (22.12.1893) · p. Seite 20

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 51. (22.12.1893)
Date
1893-12-22
Page
Seite 20 (sequence 2)
Language
German
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— 200 — Dass die hohe Frau uns (S. 10) in ein and demselben Atemzuge, ja in ein und derselben Zeile ״liebe Israeliten“ und ״abtrünnige Kinder“ nennt, war gewiss nicht böse gemeint und entsprang der irrigen Voraus- Setzung, dass wir auf einen unbekannten Messias harren. Nein, Hoheit, auf eine solche Person harren wir nicht mehr, und dieser Irrtum unserer Vorfahren war für uns sehr verhängnisvoll. Längst schon haben wir einsehen gelernt, dass ein Mensch es nicht fertig bringen kann, all die seit Jahrtausenden angehäuften und seit ca. zwei Jahrtausenden vermehrten und verstärkten Uebel in der Menschheit zu bannen. Aber das erhoffen wir, das einst eine messianische Zeit kommen wird, eine Zeit, in der nicht mehr der Eine den Andern um seiner Ansichten und seines Glaubens willen befehden, in der, wie die Propheten uns als sicher verkünden, ״ein Volk gegen das andere nicht mehr das Schwert erheben und man den Krieg nicht mehr lehren wird.“ Hat das Christentum seinen Bekennern diesen schönen Frieden schon gebracht? Haben Neid, Habgier, Rach- und Herrschsucht in der Menschheit, ja auch in der Christenheit, bereits aufgehört? Einen bis an die Zähne bewaffneten, von der gegenseitigen Furcht in Schranken gehaltenen, auf Ueberbietung in Ersinnung von Massenmordwerkzeugen erzwungenen Frieden können wir als Erfüllung der Messiasidee nicht anselien. Auch die diesbezügliche Verheissung Maleachi c. 3 harrt noch ihrer Verwirklichung. Die Thatsache, dass Jesus gelebt hat und ein durch Lauterkeit und Sittenreinheit hervorragender, von Menschenliebe im Sinne des Judentums durchdrungener Mann war, ist im Judentume niemals bestritten worden. Ebenso zweifellos ist es aber auch und von der Wissenschaft bereits zur Genüge festgestellt, dass die — für eine angeblich auch für jene Zeit so hochbedeutsame Thatsache eigentlich nur wenigen — Zeilen im Josephus, die sich auf Leben und Kreuzigung Christi beziehen, eine Fälschung späterer Zeit seien. Aber das ist ja auch belanglos, da doch kein ernster Mensch das Vorkommnis anzweifelt; der Streit beginnt erst bei der Aufstellung der Cousequenzen desselben. Wo der Eifer des für eine Sache eingenommenen weiblichen Herzens die Fürstin veranlasst hat, Prophezeiungen auf das Christentum in dem Pentateuch bis hinauf zur Sünde des Paradieses herauszulesen, da will ich mich bescheiden, weil ich sie nicht verstehe, weder die Anwendung der Stelle: ״Er soll Dir den Kopf zertreten und Du wirst ihn in die Ferse stechen“ auf den Kreuzigungstod, noch auch des Segens Gottes an den ersten Verkünder des einzigen unsichtbaren Gottes, Abraham: ״in Dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde“ auf den christlichen Messias. Viel einfacher wäre doch hier die Erklärung, dass der Segen, welcher in der Erkenntnis Gottes liegt, vom Judentum oder sagen wir vom Sinai ausgegangen ist. Dass Jesus nur in diesem Volke geboren, nur in dieser Religion das werden konnte, was er werden wollte, das ist natürlich, wenn auch eine Bibelstelle, welche ״das Gesetz als den Zuchtmeister auf Christus" hinstellt, im A. T. uns ganz und gar unbekannt, das N. T. jedoch und seine bisherige Anwendung in der Christenheit uns noch nicht ganz mundgerecht ist Angenehm berührt uns hier die Hervorhebung der Vorzüge des A. T., wenn es auch in der Absicht geschiebt, es als ״eine Vorfeier des Christentums“ zu bezeichnen, während es für uns etwas in sich Abgerundetes ist. Dieses angenehme Gefühl ist uns so neu, da vor nur wenigen Jahren ein christlicher Professor Abraham mit ״hosenverkaufenden Jünglingen“ in Parallele brachte. Der Hinweis auf die von Moses errichtete kupferne Schlange, welche später Gegenstand des Aberglaubens wurde und von König Chirkijah zermalmt worden war, die ein Vorbild auf Chr. sein soll, war für eine Missionsschrift nicht glücklich gewählt, weil wir von dieser Schlange weiter nichts als den Biss empfunden haben. — Und da die anderen angeführten Prophezeiungen aus dem Pentateuch auf gleicher Höhe stehen, gehen wir an ihnen vorüber und gleich über zu denen der Propheten und Hagiographen, von denen einige unsere berondere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen: Nach S. 16 sollen die Stellen Samuel 2 Cap. 7 und Chron. 1. Cap. 28,4: ״DeinHaus und Dein Königreich. soll ewiglich bestehen“ nicht auf den irdischen Thron Davids gemünzt sein. Warüm denn nicht? Ganz abgesehen davon, dass nach dem Geiste aller dieser Prophezeiungen auch diese den Wandel in Gottes Wegen zur Voraussetzung haben, ist der hohen Verfasserin der Sinn des hebr. Wortes ad-olam oder l’olam entgangen. Dieses Wort heisst nicht ״ewiglich“, sondern blos eine lange unbestimmte Dauer; so beispielsweise wünscht Regum I, 31 Bathseba dem todtkranken König: ״es lebe mein Herr, der König David ewiglich!“ Der Prophet Jeremias spricht allerdings etwas von einem König, der Recht und Gerechtigkeit auf Erden anrichten wird. Dieser König soll doch aber, falls ein Wesen von Fleisch und Blut gemeint ist, wohl erst geboren werden, denn in den mehr als 2000 Jahren seit jener Prophezeiung war von einem solchen König mit ausschliesslicher Gerechtigkeit gar nichts zu verspüren. Waren etwa Inquisition, Tortur und Scheiterhäufen, die wir überwunden und durch Glaubenstreue besiegt haben, die Vertreter göttlicher Gerechtigkeit auf Erden? Ai?-0 auch die Erfüllung dieser Weissagung steht wie viele andere noch aus, oder sie ist uns in ihrer Bedeutung verhüllt geblieben. Das hätte ebenso wenig geschehen, wie ein neuer Bund achtlos an uns vorüberziehen können, wenn dem Gottes Wille entgegengestanden wäre. Wozu sollte uns auch ein neuer Bund, da der alte noch zu Recht besteht und selbst Jesus ihn nicht auflösen wollte? Die Verlegung des Sabbates auf den Sonntag und des christlichen Passahfestes auf dem Concil zu Nicäa (325) war doch nicht etwa auch der Ausfluss eines göttlichen Willens? Die unbestechliehe Geschichte belehrt uns eines andern, nämlich, dass diese willkürliche Massregel, für die es weder im A. T. noch im N. T. einen Anhaltspunkt gab, dem Antagonismus gegen die Judenheit und der Rücksichtslosigkeit gegen die Bibel ihr Dasein verdankt — wir aber fühlen uns nicht berechtigt, eine solche Willkür mitzumachen. Ebensowenig können wir die Gottheit dreiteilen. Auf die unbestreitbaren Worte Zachar. VIII, 13 gestatte ich mir die ehrfurchtsvolle Entgegnung, dass von Sendboten (Aposteln) dort nicht eine Silbe steht, wohl aber die Ermahnung, wir sollten bei aller Not, die uns trifft, nichts fürchten und unsere Hände stärken! Mit Traumdeutereien aus Daniel wollen wir uns lieber nicht abgeben, weil Träume das Schicksal haben, verschiedentlich gedeutet werden zu können und die hohe Verfasserin giebt ja selbst auf S. 24 zu, dass die katholische Kirche dem eine andere Deutung giebt, weil die Gewalt ihres obersten Bischofs ״leider dem Sinn des Christentums entgegen, später zum herrschenden Papsttum ausartete“! Wir fügen hinzu, dass dieser Papst von protestantischen Monarchen anerkannt und besucht wird und dass wir nicht den Beruf in uns fühlen, dass wenn der höchste Kirchenfürst ״dem Sinne des Christentums entgegenstrebt“, unsererseits diese Scharte auszuwetzen. Die Fürstin staunt, dass es noch 19 Jahrhunderte nach der Geb. Chr. Juden geben könne. Ja, anstatt zu staunen, hätte die hohe Frau, die als regierende Fürstin

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