Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 51. (22.12.1893)
- Date
- 1893-12-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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.*2 51. Da« XXII. Jahrg. JüdischeLiteraturblatt Zur B«(«uchtung aller ludenthum und Juden betreffenden literarischen Ersehe!• nungen auf dem Gebiete der Philosophie, Geschichte, Ethnographie, Theologie Orien• talia, Exegesse, Homiletik, Liturgik und Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. Magdeburg, den 22. Dezember 1893. Bücher der •intchllglgen Literetur, mich• der Redaktion zugeeandt werden, linden in diesem Batte eingehende Besprechung Bei Eineendung von t w I Recensions- Exemplaren erfolgt einmalige kurze Gratis-Insertion. Das ״jüdische Literatur-Blatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen. Preis bei allen Buohhandlungen f in Leipzig bei Robert F ries8) pro Jahrgang 8 Hark. Abbonennten der ״Israelitischen Wocheuschrift,“ die vierteljährlihh bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mark zahlen, erhalten das ״Jüdische Literatur-Blatt“ grätig. Inserate werden mit 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Hark berechnst and sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler und Lehrer, welche direkt oder durch Robert Friese Inserate einsenden, erhalten 25 »/0 Rabatt. Inhalt: Wissensch aftliohe Auf Sätze : Ein Wort an Israel ron Agnes, Herzogin von Sachsen-Altenburg. VonDr. Singer-Coblenz> ’_ Erklärung unklarer Bibelstellen. Von Prof, Dr. Herzel-Brody. (Fortsetzung.) Recensionen: Wünsche, Prof. Dr. Aug. Midrasch Tehillim. Besprochen von Rabbiner Dr. C 0 h n-Burgkunstadt. Berichtigung: Unbefugter Nachdruck aus diesen Blatte nicht gestattet. Ein Wort Wort an Israel von Agnes Herzogin von Sachsen-Altenbarg. Wenn Fürsten reden, soll man nur respektvoll zahören und schweigen. Diese Loyalität hat aber ihre Grenze, wenn ein erhabener Mand Irrtümer ansspricht und sie durch den Druck verbreitet; nach Mendelssohn muss der Kegeljunge auch dem fürstlichen Kegelschieber melden, w i e er geschoben hat. Das ist hier umso notwendiger, als diese Missionsschrift der erlauchten Yerfasserin von ausgezeichneter Belesenheit Zeugnis giebt, welche allerdings durch Vermittlung einer vorurteilsvollen Brille getrübt, durch angeborene resp. anerzogene Voreingenommenheit beeinträchtigt wird. Notwendig ist die bescheidene Stimme der Kritik auch deswegen, weil die beiden Herren — ein Geistlicher und der Verleger — welche der frommen Schrift empfehlende Worte vorausschicken, von der Partei der hohen Verfasserin sind, der es gewiss angenehm sein wird, von einer gegenteiligen Auffassung Kenntnis zu nehmen. Zuerst einige Worte an die Verfasser der beiden Vorworte. Der erste — der bereits verstorbene D. Friedrieh Ahlfeld — nimmt auf einen Vorfall Rücksicht, der vor mehr als zwei Jahrhunderten sich ereignet haben soll und von einem zum Christentum übergetretenen gelehrten ״Rabbiner“ Herschel berichtet, welcher das Missionswerk in Anhalt gleichsam eingeleitet hat. Ja, was beweisen alle seine Ausführungen, deren Authenticität vorausgesetzt, anders, als dass ein für das Christentum gewonnener Mann gleich vielen seinesgleichen, sich bemüht hat, auch andere auf den bequemem Weg hinüberzuziehen, um nicht isoliert dazustehen, oder um die innere Stimme durch ein grosses Geräusch zu betäuben? Aber, es war doch ein Rabbiner? Ueber den Begriff ״Rabbiner“ wollen wir nicht streiten. Diesen Titel verleihen die Staatsbehörden nicht und bestraften niemals dessen Führung; auch lehrt die Geschichte, dass unsere wohlwollenden oder missgünstigen Gegner bis zum heutigen Tage einem übergetretenen Talmudjünger — cf. Aron Brimann und Paulus Meyer u. a.— gern dieses epitheton ornans verliehen, um seinen Weiterbekehrungsversuchen ein grösseres Gewicht, beizulegen. Jedoch selbst zugegeben, dass der qu. Herschel tnatsächlich Rabbiner einer Gemeinde gewesen, dann hätten seine Auseinandersetzungen für uns genau denselben Wert, als für die protestantische Kirche, wenn, was aucli häufig vorkam, ein evangelischer Geistlicher zum Katholicismus übertrat und hinterher gegen seine früheren Glaubensgenossen eiferte. Wenn aber derselbe Vorredner bemerkt, dass dies Büchlein dazu dienen soll, in den Christen die Liebe zu Israel anzufachen, so wollen wir zunächst die Wirkung dieser Aufgabe abwarten; bis jetzt hat diese seit 19 Jahrhunderden von den christlichen Geistliehen im Munde geführte Liebe uns tiefere Wunden geschlagen, als der grimmigste Hass gegen das Judentu m, an dem das Christentum seine Fackel angezündet, es jemals vermocht hätte. — Gegen den Verleger, — Herrn Fab er in Leipz g — kann ich mich noch kürzer fassen. Er nennt d >1 verstorbenen Delitzsch einen grossen Freund Israel.; Das war er genau in demselben Sinne, wie einst die Römer Freunde so vieler Länder waren, die sie sich gern einverleiben wollten. Er war gerecht gegen die Lehre Israels, diese verteidigte er gegen schmähliche Angriffe, nicht nur weil er den Ursprungsbrunnen des Christentums rein wissen wollte, sondern auch, weil er ein wissenschaftlich unparteiischer Gelehrter war. Das hinderte ihn aber nicht, es immer wieder zu betonen, dass er für die Besitzer der reinen Gottesidee trotzdem den Uebergang ins christliche Lager merkwürdiger Weise sehnlichst herbeiwünschte. Herr Faber bleibt uns auch den Beweis für seine Behauptung schuldig, dass die asiatischen and rassischen Juden leichter zu ״bekehren“ seien, als die Juden in Europa. Hat er denn wirklich nichts davon vernommen, dass in den letzten Jahren Hunderttausende von rassischen Jaden das bittere Brot des Elends und der Verbannung lieber essen wollten, ihre Weiber und ihre Säuglinge, gleich unseren Vorfahren im Mittelalter, in unsäglichem Jammer verkommen za sehen, vorzogen dem Abfall von ihrer Religion? Hat ihn dies nicht mit Achtung und Respekt erfüllt für jene bedauernswerten Verstossenen der Gesellschaft, deren abgezehrte Wangen und hohle Augen bei ihrem Durchzuge durch Deutschland ihm auf allen Strassenecken aufstossen mussten, die jedes noch nicht ganz verhärtete Menschenherz mit Wehmut und Mitleid erfüllten? Und nun gestatte ich mir, der fürstlichen Verfasserin zu folgen und mich an ihre Fersen zu heften; es geschehe nur bei einem Teil ihrer Ausführungen, weil die meisten derselben auch in anderen Missionsbüchern ihren Platz und auch bereits ihre Widerlegung gefunden haben