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Das jüdische Literaturblatt · 1893-12-01 · N° 49. (1.12.1893) · p. Seite 193

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 49. (1.12.1893)
Date
1893-12-01
Page
Seite 193 (sequence 3)
Language
German
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— 193 — \ einen Mann: Da kommt ein Nasiräer vorbei (in einer grammatisch weiblichen Form, נזירה statt יזיר). Kann ferner eine Frau ein Nasiräertum auf sich nehmen in dev grammatischen Sprachform eines Mannes? Da sagte R. Jose: dieses desto gewisser. Ist doch der ganze Abschnitt dieses Nasiräertunis in der heiligen Schrift in der grammatisch männlichen Form gehalten (obgleich dortselbst ebenso von dem Weibe die Rede ist), denn es heisst in der Schrift: Ein Mann oder ein Weib, wenn er sich durch ein Nasiräergelübde wird hervorthnn wollen.“ Ist es nun nicht etwas Auffallendes? Wie kommt der jerus. Talmud überhaupt darauf, eine solche Frage aufzu werfen? Warum gerade zu dieser Mischna? Warum ist feiner im babyl. Talmud hier nicht die geringste Spur von einem derartigen Disput anzutreffen? Allein «lies hängt mit der verschiedenen Auffassung der Mischna eng zusammen. Der jerus. Talmud hat eben die Auffassung gehabt, dass אמר אמרח in der Mischna die Bedeutung hat; Wenn ein Mann oder ein Weib gesagt hat (nicht אמרה פרה): ich werde eine Nasiriierin (נזירה), in Bezug auf diese Kuh, wenn sie sich erheben wild. Betrachtet man nun die Sprachform in dieser Mischna, so stellt es sich heraus, dass, während sie den Satz mit den Worten ״ אמר אמרהWenn ein Mann oder ein Weib gesagt hat“ einleitet, sie ihn dann nur in der gramniat. weiblichen Form הריני אני נזירה weiter ausfülirt. Man würde demnach sich gezwungen fühlen, liier eine Ergäuzung sich hinzuzudenken in einer grammat. niännliehen Form für das andere Subjekt des Satzes אמר und zwar הריני נזיר אני. Das aber wollte der jerus. Talmud beseitigen und stellte deswegen die so naheliegende, aus dem Ideengange einem von selbst sich aufdrängende Frage: ״Wie steht es denn damit eigentlich, könnte nicht etwa ein Mann ein Nasiräergelübde auf sich liehmen auch in dem Falle, wenn er das Gelübde in einer grammat. Form des weiblichen Geschlechtes ausspriclit?“ Darauf die Antwort: ״Dort wird ja eben die Redensart so gebraucht, dass man auch auf einen Mann sagt, da geht ja גזירה vorbei, statt zu sagen: הא נזיר איעבר in der richtigen grammat. männlichen Form.“ Demnach ist ein Mann verpflichtet, ein Nasiräergelübde aufrecht zu halten, auch wenn er das Gelübde unrichtig in einer grammatisch weiblichen Form ausgesprochen hat. Ist dem aber so, so hat man nicht mehr nötig, die Mischna als eine defekte zu halten, wo man sich erst die Worte הרני נזיר אני für das Subjekt אמר zur Vervollständigung ergänzen muss, vielmehr lassen sich selbst die Worte פרה זו הריני נזירה אני so gut für אמר wie für אמרה verwenden. Der jerus. Talmud spinnt aber die Diskussion weiter fort und stellt die Frage auf: ״Kann aber auch eine Frau einem nasiräischen Gelübde sich unterziehen, wenn sie sich dabei unrichtig der grammat. männlichen Form bedient?“ Diese Frage hängt wieder mit der vom Talmud Jerusch, im Gegensätze zu der Gemara in Babli verschiedenen Auffassung der Mischna zusammen. Es war nämlich dem jerus Talmud in dem zweiten Falle der Mischna mit dem angeführten Beispiele von דלת, der dem ersten Falle parallel sein müsste, auffällig, warum es nicht da ebenso, wie im ersten Falle bei dem Beispiele mit der Kuh heisst: אמר אמרה, הדלת הזה הריני נזיר אני. ״Wenn ein Maun sagt oder ein Weib sagt u. s. w.?“ Warum heisst es hier blos אמר (so nach der wohl riehtigen L.-A. der jerusalem. Mischna)? Sollte man etwa daraus den Schluss ziehen dürfen, dass dieses אמר ganz strikt zu nehmen sei und somit nur wenn ein Mann sagt: הדרת הזה הריני אני נזיר (d. h. in dieser richtig gramm. männlichen!form) ist dies ein Streitpunkt zwischen dem Lehrhäus SchamaTs und dem Hillel’s. Spricht aber ein Weib in dieser gramm. männlichen Form das Gelübde aus, so herrscht überhaupt kein Zweifel darüber, dass dieses unrichtig ausgesprochene Gelübde nach Uebereinstimmung beider Lehrhäuser überhaupt nicht Platz greifen kann? Darauf giebt R. Jose die Antwort: Daran sei überhaupt nicht zu denken, das hat ja die Schrift selbst schon entschieden, dass ein derartig ausgesprochenes Gelübde selbst für ein Weib rechtskräftig bleibt. Hat sie doch den Inhalt des Nasiräerabschnittes in der männliehen Form zur Darstellung gebracht, obgleich sie gleich zu Anfang diesen Abschnitt mit den Worten איש או אשה ein leitet In der Mischna ist daher auch im zweiten Falle bei דלת das אמרה aus dem ersten Falle zu ergänzen, auf welches הדלת הזה הריני נזיר אני sich ebenfalls beziehen kann, obgleich es in der gramm. männl. Form steht Diese beiden Fragen mit den ihnen folgenden Ant- Worten konnten nach der Auffassung und Erklärung der Mischna im babyl. Talmud (nämlich ״ אמרח פרהes sagt die Kuh“,״ אומר הדלתes sagt die Thür“), keineswegs hier stattfinden. Es wären solche unerwartete Fragen, ohne irgend welche innere noch äussere Veranlassung dazu zu haben, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. (Schluss folgt.) Beiträge zur Erklärung unklarer Biuelsteüen. Vo\Dr Leopold Herzel-Brody. Es giebt eine Menge Bibelstellen, die wir nicht voll und ganz verstehen können, weil sich dieselben auf Zeit- Verhältnisse beziehen, die wir nicht kennen; oder weil in denselben Worte Vorkommen, deren Grundbedeutung uns unbekannt ist Wir behelfen uns damit, diese Stellen aus dem Zusammenhänge zu deuten, und so entstehen verschiedenartige Deutungen und Erklärungen. In (len nachfolgenden Beiträgen will ich versuchen, eine Reihe von Stellen zu erklären, deren Undeutlichkeit weder in dem einen, noch in dem anderen Umstande zu suchen ist; sie beziehen sich weder auf unbekannte Thatsachen, noch sind es fremde, vereinzelt dastehende Wortform״n, und doch — muss sich jeder, der dieselben studiert und zu verstehen bemüht ist, sagen : ich verstehe sie nicht. Die Schwierigkeit liegt meines Erachtens im Satz bau« Es gehört nur eine gute Dosis Verständnis und Kenntnis des Sprachgeistes dazu, um sich den Satzbau oder die Satzkonstruktion zurechtzulegen und so gelangen wir auch dann zum besseren Verständnisse des Satzin halt es. Als Bestätigung dessen, washier gesagt wurde, erlaube ich mir nachstehende Proben zu geben. 1. V. Buch Mosis Cap. 32 V. 5. Dieser Vers wurde von den geistreichsten unserer allen Bibelerklärer, Raschi, Ramban, Storno, Ibn Esra, Raschbam, und auch von neueren Exegeten zu erklären versucht, und was das Merkwürdigste ist, jeder giebt eine andere Erklärung — Beweis genug, dass das Richtige nicht getroffen wurde. Am merkwürdigsten ist die des geraddenkenden Raschi! Es würde zu weit führen, alle diese Deutungen näher zu beleuchten. Ich bitte, die betreffenden Commentare nachzusehen. Zur Erklürung des 5. Verses müssen wir aber zuvor uns darau erinnern, was der vorhergehende 4. Satz uns erzählt. Er schildert Gott den Herrn als d e n G erechten, dessen Walten und Wirken auf den Gesetzen der Gerechtigkeit beruht; er duldet kein Unrecht, übt heine Gewalt, sondern belohnt das Gute und bestraft das Böse früher oder später genau nach Verdienst. Satz 5 dient — oder besser, soll als Beleg dienen — für die im Satze 4 behauptete Wahrheit, und er sagt: ״Das bethörte

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