Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 45. (10.11.1893)
- Date
- 1893-11-10
- Page
- Seite 177 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ueber die frührere und jetzige jüdische Bevölkerung Irlands. (Schloss.) . Dass um das Jahr 1787 eine beträchtliche und beachtenswerte Anzahl von Juden in Irland vorhanden gewesen sein musste, geht aus der geschichtlichen Thatsache hervor, dass nämlich im besagten Jahre das irische Parlament in Dublin ein Gesetz passieren liess, welches allen in Irland wohnenden Juden das Bürgerrecht erteilte. Die damalige irische Regierung zeigte sich demnach viel liberaler gesinnt den Juden gegenüber als jede andere Regierung, die englische inbegriffen, welch’ letztere ihren jüdischen Unterthanen erst mehrere Dezennien später eine vollständige Emanzipation angedeihen liess. Dei־ moderne Irländer spricht daher mit einem gewissen Stolze von der den irischen Juden seitens der irischen Regierung im vorigen Jahrhundert erwiesenen Liberalität, und weist zugleich auch auf die merkwürdige Thatsache hin, dass die Juden in Irland niemals denselben Verfolgungen ausgesetzt waren, wie in England und in den meisten anderen Staaten Europa’s. Obschon seit dem Jahre 1750 verschiedene Bethäuser oder Synagogen in Dublin vorhanden waren, so ist dessenungeachtet jede Spur von deren einstiger Existenz vollständig verschwunden. Die erste permanente Synagoge daselbst, deren Ursprung und Geschichte vollauf bekannt ist. wurde erst im Jahre 1834 in Marys Abbey eröffnet, und zwar war das betreffende Gebäude ursprünglieh eine irische Bank, nachher eine christliche Kirche und endlich wurde es zum besagten Zwecke umgebaut und mit den nötigen Einrichtungen versehen. Während der letzten zehn Jahre ist die Anzahl der jüdi sehen Bewohner von Dublin, namentlich durch den Zuzug von vielen Emigranten aus Russland derart gewachsen, dass der Bau einer andern weit grössern Synagoge notwendig wurde. Eine solche wurde auch wirklich in der Adelaide Road erbaut, und im vorigen J alire (1892) vom Chief-Rabbi Dr. Adler im Beisein von mehreren christlichen Notabein eingeweiht. Zu gleicher Zeit wurde auch eine Schule für den jüdischen Religionsunterricht eröffnet, die von sehr vielen jüdischen Kindern besucht wird. Mit wenigen Ausnahmen betreiben die Juden in Dublin den Weinhandel und scheinen sie sich daselbst anständig zu ernähren. Die nächst grösste jüd. Gemeinde in Irland ist die zu Belfast, einer Stadt, die etwa 300000 Einwohner hat, und eine der bedeutendsten Hafenstädte im britischen Reiche ist. Dieselbe hat sich erst vor etwa zwanzig Jahren als solche constituiert und besitzt eine niedliche Synagoge, welche der erste Präsident derselben, der selige Daniel .Taffe, auf eigene Kosten erbauen liess. Seinem Sohne, dem jetzigen Präsidenten der Gemeinde, Herrn Otto Jaffe, der deutscher Konsul und Stadtverordneter war, hat letztere die Existenz einer Religionsscliule und anderer nützlicher Einrichtungen zu verdanken. Ein Beerdigungsplatz wurde ihr von der Belfaster Korporation bereitwilligst zugewiesen, indem sie einen Teil des allgemeinen städtischen Friedhofs zum fraglichen Zwecke bestimmte. Zu erwähnen wäre noch, dass der lokale Binnenhandel durch einige bedeutende jüdische Firmen eine beträchtliche Ausdehnung nach allen Weltgegenden erlangt hat, welcher Umstand natürlieber Weise zum jetzigen Wohlstand der Stadt und des Nordens von Irland viel beigetragen hat. Da der Zuwachs der jüdischen Bevölkerung in Dublin sowohl als in Belfast erst neueren Datums ist und dieser ausserdem stets im Zunehmen begriffen ist, so ist es kaum möglich, die Seelenzahl derselben genau anzugeben, Diese kann jedoch, ohne exact zu sein, nach Tausenden gezählt werden. Auch in Cork und Limerick, wo vor etwa zehn Jahren kaum noch ein Jude zu fihden War, existieren jetzt jüdische Gemeinden, deren Mitglieder meist aus russischen Emigranten bestehen. Es wäre zu wünschen, dass letztere manche ihrer Sitten oder vielmehr Unsitten, die sie aus ihrer früheren Heimat mitgebracht, ablegten und sich in Sprache und Lebensweise mit der allgemeinen Bevölkerung des Landes so schnell als thunlich verallgemeinerten. Im entgegengesetzten Falle würden sie nicht allein sich selbst, sondern auch dem gesammten englischen Judentum moralisch schaden und einen Geist der Absonderung oder gar des Hasses heraufbeschwören, der nicht wenig Unheil verursachen kann. Belfast, im October 1893, Dr. Chotzner. Recensionen. Happel, Jul tun. Der Eid im Alten Testament. Vom Standpunkte der vergleichenden Religionsgeschickte aus betrachtet Leipzig, Wilhelm Friedrich. 72 S, 8°. Die Studie des gelehrten Verfassers hält nicht alles» was sie in der Aufschrift verkündigt. Davon, dass der Eid im alten Testamente mit der Auffassung des Eides bei den heidnischen Kulturvölkern der Vorzeit verglichen wird, ist in der Schrift nicht viel zu merken. Wohl zielen einige Randbemerkungen auf den ersten Seiten dieser Abhandlung auf eine Vergleichung des Eides nach Auffassung der altheidnischen Völker ab; allein diese Bemerkungen sind durchaus nicht belangreich und stehen mit dem Thema des Verfassers in einem ganz äusserlichen und losen Zusammenhänge. Das gereicht aber der Schrift durchaus nieht zum Vorwurfe oder gar zum Nachteile. Sie gewinnt im Gegenteile und wird inhaltlich vertieft dadurch, dass der Verfasser im Grunde nur auf den Eid nach Auffassung des A. T. sich beschränkt. Logisch gegliedert zerfällt die Arbeit in drei Teile. Der erste Teil verbreitet sich über das Fundament des Eides. Dem Eide dient zur Voraussetzung und Grundlage der Glaube an d/e Wahrheit und Gerechtigkeit. Der Verf. spricht sich des Weiteren aus über Fluch und Segen, über Formen und Formeln des Eides, über den Eid des Herrn und den Eid mit dem Namen des Herrn. Der zweite Teil giebt näheren Aufschltiss über den Eid als das Fundament der sittlichen Institutionen, speziell als Grundlage der Ehe, des Staates, der Kirche, der obrigkeitlichen Aemter, der Rechtsordnung, der Stammes- und Völkerbündnisse und Verträge, der internationalenVerträge und Bündnisse. Der dritte Teil beschäftigt sich mit dem Verfall und der Verjüngung des Eides und weist hin auf die Propheten im Kampfe wider den abgöttischen Eid, dem Lügeneid, dem Plappereid (?). Diesen Teil schliesst ab eine kurzgefasste Abhandlung über die Reinigung des Eides und über die Wiederaufrichtung des Eides des Herrn. Wenn wir auch aus leicht, begreiflichen Gründen die dogmatische Anschauung des Verfassers nicht teilen, wenn wir uns auch seine bibel-exegetische Auffassung nicht aneiguen können, so zollen wir ihm doch gern die Anerkennung, dass seine Auffassung des alttestamentliclien Eides im Ganzen und Grossen zutrifft. Es ist wahr, dass die Heilige Stfhrif't in den Büchern des sogenannten alten Bundes den Eid als eine Aussage von denkbar höchster sittlicher und von heiligster, tief religiöser Bedeutung würdigt. Es ist auch wahr, dass der Eid, wie die Hl. Schrift ihn auffasst, sich mit der uns geläufigen Anschauung vom Schwure nicht deckt, ihr wohl gar diametral entgegengesetzt ist. Dies ergiebt sich schon aus