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Das jüdische Literaturblatt · 1893-11-10 · N° 45. (10.11.1893) · p. Seite 176

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 45. (10.11.1893)
Date
1893-11-10
Page
Seite 176 (sequence 2)
Language
German
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176 — derung im Buche Hiob geht von der Vorstellung eines Streitrosses aus. (Hiob. 39, 21 bis 25.) Maultiere und Esel spielen hier eine im Abendland unbekannte Rolle. Wer ein Maultier reitet, ist für einen Esel zu schwer oder zu stolz. Würdige Scheichs sieht man ebensowohl auf Maultieren, wie die ägyptischen Soldaten und Ordonanzreiter. In der Bibel erscheint das Maultier zu noch Höherem bestimmt Niemals wird man heute, höhere Militärs oder gar Fürstlichkeiten auf dem Maultiere sehen, wenngleich der Prophet sich desselben bedient hat. In der Bibel lesen wir dagegen, dass nicht nur reitende Boten, sondein auch z. B. die ganze Familie des Königs David auf Maultieren ritten. (Esther 8, 10, 2. Samuel 13, 29.) Auch Absalom zog auf einem solchen in seinen letzten Kampf (2, Samuel 18, 9) und Salomo wurde auf seines Vaters Maultier gesetzt, um zum König ausgerufen zu werden. (1. König 1, 38) Ein weniger vornehmes Tier ist der Esel; den schlechten Ruf, den er im Abendlande geniesst, verdient er jedoch ganz und gar nicht. Er ist ein ausser- 01 deutlich starkes, behendes und munteres, aucli durchaus nicht unschönes Tier. Der Orientale mutet ihm nicht nur unglaubliche Leistungen im Lastentragen zu, sondern gebraucht ihn, wie auch der Tourist, als ein geschwindes und auf schwierigem Boden trotz des Pferdes sehr brauchbares Reittier. Wenn nun schon der auf dem Esel ruhende würdige Scheich mit weissem Bart und grünem Turban unserem Auge ein befremd■ liches Bild bietet, so erscheint die reitende Frau noch wunderlicher. Sie sitzt in kauernder Stellung, die Knie hinaufgezogen, die Steigbügel so kurz als irgend denkbar, rittlinks auf dem Esel und hält sich bei scharfer Gangart an dem sehr hohen Sattelpolster fest Stets ist sie von einem Knaben begleitet, der den Esel treibt. So also müssen wir uns die Sunamitin vorstellen, die, um ihr Kind zu retten, eilends den Propheten Elise aufsuchen wollte und ihren ״Knaben“ ermahnte, ileissig zu treiben (2, Könige 4, 24.) Auch Abigail, welche David zum Weibe nahm, ritt ihm auf einem Esel entgegen. (1. Samuel 25. 20 u. s w.) Der Knabe Ziba brachte demselben Könige Esel mit Broten, Rosinen, Feigen und Wein beladen, und gab an, die Esel seien für das Gesinde als Reittiere bestimmt. (1. Samuel 25, 18) Denn schon damals ritten •lie Grossen der Erde nicht auf Eseln. Dagegen lesen wir mehrfach, dass Propheten sich des Tieres bedienten. Bileams wunderbare Eselin ist bekannt. (4. Mos. 22, 21 u. s. w.) Audi der namenlose Prophet, der im 13. Kapitel des ersten Buchs der Könige eine etwas unverständliche V erfüll ruugsrolle spielt, bediente sich eines Esels, um dem ״ManneGottes“ nachzujagen. (l.Kön. 13,13). Die älteste Erwähnung des Esels ist wohl die in der Genesis, dass Jakobs Söhne das Getreide aus Aegypten auf Eseln holten. (1. Mos. 42. 26.) Steht somit der Esel als Haustier dem Menschen im ()rient weit näher als bei uns, so ist das Umgekehrte der Fall beim Bunde. Dieser treueste und intimste Freund des Abendländer* führt hier ein herrenloses verachtetes Dasein Scheu und hungrig, bei zu grosser Annäherung mit einem Fusstritt verstossen, schleicht der Hund durch die Strassen und lebt von den Abfällen, die ohne weiteres auf die Strasse geworfen werden. So ersetzt der Hund gemeinschattlich mit einer Art Adler alle diejenigen Einrichtungen, die wir in unseren Städten zur Abfuhr der Abfallstoffe getroll'enhaben. ״Wer von Jerobeam stirbt ir. der Stadt, den solh־n die Humle fressen“ (1. Kön. 14, 11.) und״dieHunde sollen lsebel fressen an der Mauer Jesreels“ (1. Kön. 21, 13). Das sind biblische Aussprüche, die unverständlich wären, wom die orientalischen Hunde die Lebensgewohnheiten der unseligen hätten. Die Engländer vergiften neuerdings in seltsamer Verkennung ׳Jer Bedeutung dieser Tiere von Zeit zu Zeit die wilden Hunde, ohne ihr Wirken durch bessere Einrichtungen zu ersetzen. Ein Grund für diese Handlungsweise ist unerfindlich. Wie schon angedeutet, werden die Hunde in ihrer nützlichen Thätigkeit unterstützt durch eine Art grosser adlerähnlicher Vögel. Sie schweben in Kairo zu Hunderten über den Strassen, sitzen auf allen Bäumen und Minarets und spähen nach Beute. Man ist erstaunt, mitten in der Grossstadt den schrillen Schrei des Raubvogels zu vernehmen und beim Spaziergang plötzlich einen Adler neben sich zur Erde schiessen und eine Beute erhaschen zu sehen. Bisweilen holt er sich seine Beute auch von den Köpfen der Menschen. Der Orientale tragt nämlich alles auf dem Kopfe. Ich war eines Tages Zeuge davon, dass ein Adler von einem Minaret herabstiess und von den kleinen flachen Broten, die ein Bäcker auf dem Kopfe trug, eines mit sich in die Lüfte nahm. Der Vorgang erinnerte mich lebhaft an jenen Traum des ägyptischen Hoibäckers: ״Die Vögel assen aus dem Korbe auf meinem Haupt“ (1. Mos. 40, 16 u. s. w.). Wahrscheinlich sind diese Raubvögel gemeint, denn Joseph deutet sie als Aasvögel. ״Wo ein Aas ist, sammeln sich die Adler.“ (Matth. 24, 28.) Dem oben angeführten Fluche gegen Jerobeams Sippe wird hinzugefügt : ״Wer aber auf dem Felde stirbt, den sollen die Vögel des Himmels fressen.“ (1. Könige 14,11.) Auf freiem Felde theilen sich die Geier mit dem Adler in die Beute. Vor den Thoren Kairo’s hat man Gelegenheit, das zu sehen. Man könnte ohne Zweifel, besonders bei näherem Eingehen auf orientalische Sitten und Gebräuche, diese biblischen Erinnerungen, die wir sozusagen auf einem blossen Spaziergange gesammelt haben, beträchtlich vermehren. Das Angeführte genügt jednch zum Beweise für eine möglichst vollständige Uebereinstimmung heutiger orientalischer Zustände mit denen der biblischen Zeiten. Die Thatsache. dass jene Uebereinstimmung wirklich vorhanden ist, genügt, um alle diejenigen, denen das Studium der Bibel in kulturgeschichtlicher Beziehung am Herzen liegen muss, zu überzeugen, dass nichts dieses Studium so sehr fördert, als ein Besuch den Orients. Das gilt meiner Ansicht nach nicht am wenigsten den Malern, für welche hier das Feld ist zu Studien für religiöse Bilder, ln Aegypten bei den Beduinen!. deren Uebergang zur Ansässigkeit sich noch in der Gegenwart unvollständig vollzogen hat, dürften die Dar- Stellungen aus der Zeit der Erzväter die besten Vorbilder finden. Es ist ein ebenso grosser Mangel an wahrem Realismus, den die historische Treue nicht übergehen kann, biblische Personen wie Hellenen zu malen, als sie in die Kleidung der Zeitgenossen zu stecken und ihnen die Physiognomie unserer Landleute zu geben. Jenes geschieht in der Absicht, die dargestellten Personen zu idealisiren, sie historischer Betrach tun״ zu entrücken, dieses soll sie unserem Herzen näher bringen, unsere Theilnahme zu der Innigkeit steigern, die wir Vorgängen entgegenbringen, die unser eigenes Lebeu berühren. Für mich stört in jedem Falle der Mangel an innerer Wahrscheinlichkeit die beabsichtigte Wirkung. Nicht bei den holländischen Fischern, sondern bei den Juden im Orient sind z. B. die Vorbilder der Apostel zu suchen. Die historische Treue bei biblischen Darstellungen würde deren Wirkung um so mehr erhöhen, als sie dartliun würde, dass es nicht wesentlich Legende, sondern Geschichte, und zwar eine grosse Epoche der Geschichte ist, was die Kunst darstellen will.

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