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Das jüdische Literaturblatt · 1893-11-03 · N° 44. (3.11.1893) · p. Seite 172

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 44. (3.11.1893)
Date
1893-11-03
Page
Seite 172 (sequence 2)
Language
German
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172 — so wie einst unseren Vätern offenbart. In der Stunde, in welcher ein modernes jüdisches Lehrhaus seine Pforten öffnet, öffnet sich für uns nicht allein der Ausblick in eine herrliche, verheissungsreiche Zukunft, sondern es erschliesst sich auch vor uns das Reich der Ewigkeit; denn an unserem Geistesauge zieht eine vieltausendjährige Vergangenheit vorüber; wir sehen die tausend und tausend Wandlungen, durch welche das jüdische Lehrhaus mit seiner unwandelbaren Lehre gegangen und wir gewahren mit beseligendem Entzücken, dass der Geist, den Gott am flammenden Sinai unseren Ahnen eingeptlauzt, uns Juden zu einem עם עולם zu einem ״Volk der Ewigkeit“ gemacht, dass dieser Gottesgeist ein schöpferisch waltender ist dass ihm die Kraft innewolmt immer wieder und wieder in neuen Formen sich auszugestalten, in Formen, welche Zeugnis dafür ablegen, dass Israels heiliger Glaube nicht blos keinen Fortschritt fürchtet, sondern mit allen Mächten, die das Menschengeschlecht aufwärts führen, gleichen Schritt hält. Die unendlich hohe Bedeutung, welche das Lehrhaus im Judentum zu allen Zeiten gehabt, sie wurzelt in der weltgeschichtlichen Aufgabe, welche zu lösen Israel von der Vorsehung berufen wurde. Israels weitgeschichtlicher Beruf ist ein Lehrberu f, und wer diese Thatsache in Abrede zu stellen wagt, der vergisst es, der weiss nichts davon, dass unser heiligstes Schriftwerk Thora ״Lehre“ heisst, dass uns am Sinai die Lehre und nicht, wie man noch immer sich u. auch uns mit aller Gewalt einreden will, das G esetz gegeben wurde. Doch um lehren zu können, muss man nicht allein gelernt haben, sondern ununterbrochen weiter zu lernen die Fähigkeit besitzen. Es ist in hohem Grade charakteristisch, dass der jüdische Volksmund von einem Gelehrten, der für ganz und voll gelten soll, nichts Besseres zu sagen weiss, als: er kann 1 erneu. Das ״ למדLehren“, setzt eben ״ למודLernen“ voraus; wir müssen demnach sagen, der Beruf unseres Stammes besteht in einem Gedoppelten, im Lernen und im Lehren zugleich. Wir Juden müssen lernen, unbekümmert darum, ob es uns vergönnt ist, Andere zu belehren; wir müssen lernen, damit wir stets gewatfnet und gewappnet, damit wir stets in der Lage seien, Andere belehren zu können; wir müssen lernen, damit das Judentum vor und bei aller Welt im Besitze des facultas docendi erscheine. Dem jüdischenLehrhause kann und muss es gleichgiltig sein, ob ihm die Ehre zu Teil wird als Facultät betrachtet und behaudelt zu werden, oder nicht, es muss sich mit seiner facultas docendi begnügen, es hat blos darauf zu achten, dass in ilinf gelernt und gelehrt werde, und zwar gelehrt in einer Weise, dass die Jünger etwas Gründliches und Tüchtiges lernen, und gelernt in einer Weise, dass die Lernenden das ihnen gesteckte Ziel, Lehrer zu werden, unverrückt im Auge behalten. Das ist die Aufgabe des jüdischen Lehrhauses seit J a 11 r t a u - senden; ich betone es, seit Jahrtausenden, denn es ist ein weit verbreiteter Irrtum, R. Jochanau ben S a k k a i sei der Begründer des jüdischen Lehrhauses; nein das Lehrhaus in Israel ist uralt, das Lehrhaus in Israel ist so alt wie die Lehre Israels, welche von vornherein bestimmt war. zuerst Gemeingut des israelitischen Stammes und durch diesen das des ganzen Menschengeschlechtes zu werden. Aber gerade deshalb, weil zu allen Zeiten diese Aufgabe unwandelbar dieselbe geblieben, musste bei deren Lösung das jüdische Lehrhaus den veränderten Zeitverhältnissen Rechnung tragen, und das dies thätsächlich sehr, sehr lange der Fall gewesen, bezeugt am schlagendsten die Geschichte unserer Tradition, oder kürzer der Talmud. Ja, gerade der von unseren Feinden so vielfach geschmähte und von unseren Stammesgenossen so wenig gewürdigte Talmud ist der bewährteste Zeuge dafür, dass wir Juden nicht an den Buchstaben uns klammern, sondern von dem in unserer Thora waltenden Gottesgeiste uns leiten und führen lassen. Dem Talmud, oder was dasselbe ist, dem Entwicklungsprinzip der geoffenbarten Gotteslehre, ihm allein verdanken wir es, dass das geoffenbarte Gotteswort in unserer Mitte nicht erstarrt, sondern ein lebendiges geblieben ist. Die erleuchteten Geister in Israel haben denn auch stets diesen Talmud als blos formell abgeschlossen angesehen, in Wirklichkeit jedoch als etwas im ewigen Fluss Begriffenes, als einen nimmer versiegenden Quell betrachtet, aus welchem jede Generation von Neuem schöpfen und trinken müsse, um das Judentum in seiner Jugendkraft und in seiner Jugendfrische zu erhalten. Freilich ist diese Auffassung im finstern Mittelalter und ganz besonders in dessen zweiter Hälfte bei gar Vielen getrübt und verdunkelt worden, aber mit dem Wiedererwachen des wissenschaftlichen Geistes in unserer Mitte ist auch wieder die Ueberzeugung zum Durchbruch gelangt, dass das jüdische Lehrhaus, wenn es auf der Höhe seiner weltgeschichtlichen Aufgabe stehen soll, den gebieterischen Forderungen der Zeit Rechnung tragen müsse, und dass vor allem die Rabbiner als die berufenen Volkslehrer, wenn sie die Führer der Gemeinde sein wollen, auch modern gebildete Männer sein müssen, Männer, von denen mau wohl sagen kann, sie wissen Alles, was im Talmud steht, nicht aber Alles, was sie wissen, steht im Talmud. So sind die modeinen Rabbiner-Seminare entstanden, jene Pflanz- und Bildungsstätten, welche berufen sind zur Wahrheit zu machen das jesaianische Wort: ״Die von Dir bauen uralte Trümmer auf, Grundlagen früherer Geschlechter stellst Du her, man nennt Dich Rissevermaurer, Wiederhersteller der Pfade zum Wohnsitz.“ Das moderne jüdische Lehrhaus muss den zerrissenen und zerklüfteten Gemeinden Israels so die schmerzlich vermisste Einheit und den längst ersehnten Frieden wiederbringen. Die vorwiegend von den jüdischen Hochschulen gepflegte Wissenschaft des Judentums, sie muss in einem gottgeweihten Tempel auf- und ausgebaut werden, und in diesem Tempel wird auch wieder, wie einst in Jerusalem, eine Lischkath hagasith, eine Quaderhalle ihren Platz finden, jene Quaderhalle, in welcher wieder alle Gemeinden ohne Unterschied und Ausnähme in religiösen Fragen sich Raths erholen werdeu. Die Quaderhalle, von der ich rede, sie wird erst dann vollendet sein, wenn es uns gelungen, dass heute noch in den Anfangsstadien befindliche wissenschaftliche Talmudstudium im engsten Anschluss an die classischen Vorbilder der Rischonim zu einer echten Wissenschaft zu erheben. Und damit habe ich die Sendung des auf der Höhe unserer Zeit stehenden jüdischen Lehrhauses zur Genüge gekennzeichnet. Das moderne und doch zugleich altjüdisclie Lehrhaus muss seine modern gebildeteu Jünger ausstatten mit der Fähigkeit, aus den Schachten der talmudisclien und rabbinischen Literatur die Quadersteine heraufzuholen, welche, ohne erst mit dem Hammer des Pilpuls bearbeitet worden zu sein, blos auf einandergelegt zu werden brauchen, um den architektonischen Bau unserer Tradition in seiner ganzen Herrlichkeit erstehen zu lassen. Ein solch modernes und zugleich altjüdisches Lehrhaus soll mit Gottes gnädigem Beistand unsere israel.-theol. Lehranstalt werden. Dazu bedarf es jedoch nicht blos des guten Willens und des ausreichenden Könnens seitens der Lehrer, sondern auch der äussersten Kraftanstrengung seitens, der Hörer. Und eben deshalb wende ich mich gleich in dieser feierlichen Stunde an Sie, meine jungen Fremde

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