Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 42. (20.10.1893)
- Date
- 1893-10-20
- Page
- Seite 165 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 165 — \ Die Diskussionen darüber, welche der beiden Perikopen an dem Sckabbath Paraschath Schekalim zu lesen sei, haben auch noch die späteren Amoraim beschäftigt‘*). Erst in der Zeit der ersten Gaonim. als Babylon der Zentralpunkt des jüdischen geistigen Lebens geworden war und man hier anfing, die älteren palästinensischen Einrichtungen zu copieren15) und auch hier eine Art Patriarchen- und Hochschulensteuer eingeführt worden war, dürfte die Perikope von der Kopfsteuer zur alleinigen Norm bestimmt worden sein. Mindestens hat eine Agada, deren Composition1*) darauf hin weist, dass sie in der Zeit der Gaonim entstanden ist, es noch für notwendig erachtet, einen Dialog zwischen Gott und Moses zu Gunsten der Verlesung des Abschnittes von der Kopfsteuer am Schabbath Paraschath Schekalim zu erdichten. Im Tanchuma zur Perikope von der Kopf- Steuer17) findet sich nämlich eine Agada. welche mit Benutzung mehrerer Talmud- und Midraschstellen den Gedanken durch׳,uführen sucht, dass die Schüler die Erinnerung an den Lehrer stets wach erhalten und damit schliesst, dass auch die Israeliten in jeder Parascha ihres Lehrers Moses, welcher sie die Thora gelehrt, zur Uebung der Mizwoth angeleitet und ihnen die Sedarim der Thora (סדרי תורה) und die Paraschijoth für jeden Sabbat, jeden Neumond und jedes Fest eingerichtet hat. gedenken. Bei der Parascha Sshekalim jedoch habe Moses sich mit der Klage zu Gott gewendet: ״Herr der Welt, wenn ich einmal gestorben sein werde, wird mei- 11er nicht mehr gedacht werden.“ Daraufhin hätte Gott geschworen‘8): ״So wie Du jetzt stehst19) und ihnen Paraschath Schekalim vorträgst und Du ihr Haupt erhebst, (erhöhest), so soll es von Jahr zu Jahr, wenn sie, die Paraschath Schekalim lesen, so sein, als ob Du zu jener Zeit dort stehest, die Paraschath Schekalim vortrügest10) und ihr Haupt erhöhest. Denn es heisst nicht1־): Erhöhe das Haupt! sondern: Wenn Du erhöhen wirst“28). _ (Schluss folgt.) Recensionen. ״Jüdische Leiden“.*) Besprochen von Dr. Immanuel I)eutsch-Sohrau ü./S. Zum dritten Male im Verlaufe weniger Monate ergreift Pohlmann das Wort den hartbedrängten deutsehen Juden zum Schutze, den hasserfüllten, verfolgungseifrigen Antisemiten zum Trutze. Pohlmann’s Wort verhallt nicht in die leere Luft Pohlmann’s Wort dringt vom Ohre in’s Herz. Das beweist schon her äussere Erfolg seiner Veröffentlichungen. Im Laufe von etwa 8 Monaten ist sein ״Das Judenthum und sein Recht“ nicht weniger als 20 mal und nach Verlauf von vielleicht 4 Monaten sein ״Das Judenthum und seine “) 4. M. 14, 1. «») Vgl. Megilla 2»b. “) Vgl. das Gutachten des Gaon Amrain b. Scheschna Besp. der Gaonim Lyk 1864 58, S. 21b und meine Bemerkungen Litbl. 1893 S. 7a Aum. * u. 6. 17) Composition und Ausführungen der fraglichen Agada erinnem lebhaft an die Agada Uber die babylonischen Hochschulen im Tanchuma zu נח ed. Stettin 1804 § 3 S. 30—32. Vgl. über Letztere meine Bemerkung im Litbl. 1884 8. 88b Anm. ***). 18) ed. Stettin § 3, S. 301—302. Ich kann aus den Worten Bubcr s (״Einleitung“ zu «einer Ausgabe des Tanchuma pag, 119 ff.) nicht genau entnehmen, ob iu den Handschriften, welche mit den früheren Editionen des Tanchuma ttbereinstimmeu, das fragliche Stück sich finde? und wenn ja, ob sich Varianten hierzu finden. 19) חייך ist bekanntlich Euphemismus für: חי אני. *°) Moses wird als קורא, Thoravorleser, betrachtet, welcher aufrecht stehen muss; vgl. Megilla babyl. f. 21a; jeru* f. 74d. 21)ונותן להם פישת שקלים ist durch Irrtum der Copisten ausgefallen. 22j 2. M. 30, 12. *שא את ראש לא נאמר אלא כי תשא (י. *) Jüdische Leiden. Von Prof. Dr. Walter Pohlmann, Oberlehrer am Königl. Gymnasium zu Neuwied. 1893. Neuwied und Berlin: 48 S. 8°. Feinde“ nicht weniger als 8 mal aufgelegt worden. Dieses günstige materielle Ergebniss kommt nach unserer Auffassung einer grossen moralischen Eroberung gleich. Nunmehr spricht sich Pohlmann wieder in seiner Weise über die Verhetzung von Menschenrassen und Menschenklassen m seiner neuesten Schrift ״Jüdische Leiden“ aus. Jüdische Leiden! Ein schier unendliches und unermessliches, tieftrauriges Kapitel! Und dabei hat P. nur die jüdischen Leiden, welche innerhalb der deutsehen Grenzpfähle vor unsern Augen und Ohren in unserer ganz unmittelbaren Gegenwart sich abspielen, im Sinne. ״Jüdische Leiden“ — wir halten diese Aufschrift nicht für ganz entsprechend gewählt Dem Inhalte der Schrift würde vielleicht der üoppeltitel: ״Arisch-teutonische Sünden und jüdische Leiden“ mehr Zusagen; denn die Schrift setzt sich aus diesen zwei Theilen, welche ein organisches Ganze bilden, zusammen. Zwei Kapitel führt der Verf. uns vor. Das erste verbreitet sich über die Zunahme und wahre Natur der antisemitischen Bewegung. Dem zweiten ist die Aufschrift gewidmet: Von der Wiege bis zum Grabe. Wer auf die Zeichen unserer trübseligen Zeit sich versteht, findet sofort die richtige Ergänzung: ״Jüdische Leiden von der Wiege bis zum Grabe “ Mit ergreifender Kraft und packender Natürlichkeit lässt der Verf.. der edle Menschenfreund ״und feinsinnige Menschenkenner, den Paroxysmus des Menschenhasses uns schauen, wie er in unserer hoch modernen Gegenwart, fin de siiscle, in unserem hoch entwickelten deutschen Vaterlande an dem Deutschen jüdischer Abkunft sich äussert ״von der Wiege bis zum Grabe.“ Was wir auf den letzten 20 Seiten dieser vortrefflichen, tapferen Schrift zu sehen und zu hören bekommen, muthet uns an, wie ein Märchen, wie eine unheimliche Sage aus längst verschollener Zeit. Den barbarischen Vandalismus des brutalen, beschränkten, verknöcherten, einseitigen, lichtscheuen Mittelalters legen wir uns allenfalls in unserer Phantasie auf ähnliehe Weise zurecht. Im unduldsamen, verfolgungssüchtigen, unwissenden Mittelalter — so meinen wir — hatten die der herrschenden Mehrheit angehörenden Deutschen christlichen Bekenntnisses den Judenhass schon mit der Muttermilch eingesogen. Es mochte ihnen ein grausam wohllüstiges Behagen gewähren, dem best gehassten und wenigst gekannten deutschen Juden seinen steilen, rauhen, dornenreichen, liebeleeren Lebenspfad so unwegsam wie nur möglich zu gestalten und durch die blutigen Nadelstiche der Verunglimpfung, der Verfolgung und Bedrückung ein schöpferisches Gebilde in die Erscheinung treten zu lassen, eine Krone, die dornenvolle Märtyrerkrone der überall und immer zu überstehenden Leiden, der Leiden, welche den unglücklichen und unschuldigen Juden geleiteten ״von der Wiege bis zum Grabe.“ Für den modern denkenden und human fühlenden Leser bpdarf es allerdings der ausdrücklichen, feierlichen Versicherung des Verfassers: ״Was nun im Folgenden dargestellt wird, stützt sich in allen Einzelheiten jedes Mal auf mehrere, meist sogar auf viele sich täglich wiederholende unanfechtbare Thatsachen.“ — ״Man ersieht daraus, wie der Mensch, den das Geschick als Kind jüdischer Eltern in diese Welt geworfen hat, von der Wiege bis zum Grabe unter seiner Abstammung zu leiden hat“ Nunmehr geleitet Pohlmann den jttdisehen Deutschen oder den deutschen Juden durch alle Stadien seiner Entwicklungsstufen, durch alle Stadien seiner Berufsarten, der gelehrten, wie der ungelehrten. Er gelangt zu dem traurigen Schlussergebnisse.• ״Die Sünde, die von den judenfeindlichen Deutschen täglich begangen wird, ist hoch wie ein Gebirge und roth wie Blut Wehe über unser Volk, wenn diese Sünde an uns heimgesucht werden sollte!“ Man lese und lese wieder