Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1893-10-20 · N° 42. (20.10.1893) · p. Seite 166

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 42. (20.10.1893)
Date
1893-10-20
Page
Seite 166 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/5367336-5990874-5991429--2336-5369199
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 166 — die dev nackten Wahrheit abgelauschten, ergreifenden traurigen Ausführungen des hochsiunigen, edlen, acht deutschen, wahrhaft christlichen Verfassers! Wie erklären sich diese bitterbösen, tieftraurigen, menschengehässigen, judenfeindlicheu Erscheinungen? Der Autwort dieser hochbedeutsamen Frage widmet der Verf. den ersten Theil seiner tapferen, gesinnungstüchtigen, überzeugungstreuen Schrift. Er spricht von der Zunähme und wahren Natur der antisemitischen Bewegung. Wir erblicken in diesen seinen Ausführungen eine muster- und meisterhafte Glanzleistung. Der Verfasser scheut sich nicht, mit seinen Glaubens- und Stammesgenossen, mit den unmittelbar und mittelbar Schuldigen an der Verhetzung von Menschenrassen und Menschenklassen streng in’s Gericht zu gehen und ihnen mit unbestechlieber Gewissenhaftigkeit und offenem Freimuthe bittere, unerbittliche Wahrheiten zu sagen. Mit monumentaler Kraft hält er seinen Zeitgenossen einen Spiegel vor die Augen, in welchem die Fehler derjenigen, welche durch ihre Reserve, durch ihr passives Verhalten, sowie derjenigen, welche durch ihr actives Eingreifen den Bacillus der Antisemitenseuche in Deutschland künstlich gezüchtet haben, mit plastischer Anschaulichkeit sich abheben. Arisch-teutonische Verirrungen und christlichgermanische Unterlassungssünden — dieses Thema, welches uns heute leider das actuellste Interesse bietet, behandelt der Verf. im ersten Theile seiner Schrift mit Herzenswärme, mit scharfer Beobachtung, mit rückhaltsloser Entschiedenheit und mit einer aufklärenden und abgeklärten Deutlichkeit, welche nichts zu wünschen übrig lässt.. Um unsere Aussage zu erhärten, wollen wir dem Verf. selbst das Wort ertheilen. W ir lassen daher folgenden längeren Passus aus dem ersten Theile seiner trefflichen Schrift hier folgen: ״Wir sprechen mit einer gewissen Selbstüberhebung vom finstern Mittelalter und ahnen nicht, dass wir in mancher Beziehung viel tiefer in geistiger Umnachtung befangen sind, als unsere Vorfahren. Wir reden so gerne von der Cultnr des 111. Jahrhunderts und von der christlichen Liebe, und doch sind diese beiden Begriffe so weit davon entfeint, mit der Wirklichkeit in Einklang zu stehen, dass der Philosoph sich eines schmerzlichen Lächelns nicht erwehren kann, sobald er diese Worte nennen hört. Es steckt in uns ein gut Theil unangenehmer Heuchelei und verderblich wirkender Selbstgerechtigkeit. Wäre unser 19. Jahrhundert wirklich eine Zeit wahrer Ouitur und christlicher Liebe, so wäre es nimmermehr möglich, dass die Leute, die sich nach Christus nennen, friedliehe Mitbürger verfolgen, weil sie anderes Glaubens und anderes Stammes sind. Wir sehen mit Gering- Schätzung auf das vorige Jahrhundert zurück; wir neunen die Zeit unserer Urgrossväter die Zopfzeit und halten uns für besser als die Zeitgenossen unserer grossen klassischen Dichter, an deren Spitze ein Lessing steht. Und doch lebten in der Seele dieser geschmähten Zopfträger hohe Ideale, die leider heute fast zu wesenlosen Schatten dahiugeschwunden sind. Unsere Urgross- Väter schwärmten für eine Verbrüderung aller Völker auf Erden und nannten sich mit Stolz Weltbürger. Heute ist das W eltbürgerthum leider sehr in Verruf gekommen. Das übertriebene Nationalitätsgefühl, das allenthalben immer schlimmere Formen annimmt, hat den Begriff des W'eltbürgerthums fast gänzlich in den Hintergrund gedrängt.“ — Pohlmann macht die leitenden Schichten und Führer des deutschen Volkes der antisemitischen Verseuchung der Massen des Volkes gegenüber unerschrocken auf die Unterlassungssünden aufmerksam und weist auf die sträfliche Frivolität hin, die Begehrlichkeit der Menge ungestraft reizen zu dürfen, wenn es sich um das Kapital der Juden handelt. Antisemitismus ist eben auch eine Abart des Socialismus in seiner bedrohlichsten Gestalt. Mit Recht ruft er seinen christlichen Brüdern die eindringlichen Worte zu: 0״ ihr kurzsichtigen Leute, die ihr euch Christi Anhänger nennt! Wenn ihr nicht ohne Falsch sein könnt, wie die Tauben so befolgt doch wenigstens die andere Vorschrift, die uns der Stifter unserer Religion gegeben hat, und seid wenigstens klug, wie die Schlangen.“ Welche verblüffende Aehnlichkeitspnnkte der Verf. zwischen der modernen Antisemiten hetze und dem mittelalterlichen Wahngebilde der alles mögliche und unmögliche Böse verschuldenden Hexen, die zu ungezählten Tausenden den Feuertod erleiden mussten, aufzufinden weiss, das muss man selbst nachlesen. Wir würden den Eindruck dieser verdienstlichen Schrift nur abschwächen, wenn wir sporadisch Einzelnes aus ihren bemerkenswerthell Ausführungen herausgreifen wollten. Das Schriftchen wird voraussichtlich seinen Weg finden. Mag es das Seinige dazu beitragen, deutsche Ideale und wahrhaft christlich ethische Forderungen, deutsche Treue und christliche Liebe bei unsern andersglaubenden Brüdern zu rehabilitiren! Die Zaghaften unter unsern Stammesgenossen, zumal diejenigen, welche sich zu den oberen Zehntausenden zählen und sich als Geld- oder Geistesaristokraten ihres Judenthums verschämt oder nicht verschämt schämen, mögen sich an unserem Verl ein Beispiel und leuchtendes Vorbild nehmen! Er bekennt offen und beherzt in unserer antisemitisch inficirten Zeit: ״Ich stehe nicht an zu erklären, dass ich mich mit Stolz einen Juden nennen würde, wenn das Schicksal mich zum Gliede dieses uralten imd doch immer noch jugendfrisehen Zweiges der menschlichen Familie gemacht hätte.“ Dieses Bekenntniss ehrt den Verf. und uns. Es soll ihm stet« unvergessen bleiben. אח י אסף hebr&isclier Volkskalender f. d ■1 im Verlage des .,Achiasaf“ Warschau. G93. Ein hübsch ausgestatteter Kalender mit reichem Inhalte, Gedichten und Erzählungen und vielem Anderen in schöner hebräischer Sprache, dem Münz-, Maass und Gerichtstahelleu iu erschöpfenden Zusammenstellungen als Auhaugsbeigabeu sind. Wenn auch die allgemeine politische Stellung des russischen Reiches, die in einem Liebäugeln mit Frankreich und besonders Paris — das die ״.Metropole der Welt" genannt wiTd — schüchternen Ausdruck lindet, und iu der grossen Anzahl von Nekrologen Deutschland nur mit den beiden Xanten David Vassel und Kämpf vertreten ist, so wird doch der dentche Leser Befriedigung genug finden und für seine Bereicherung der hebräischen Sprachkenntniss ans dem Volkskalender grossen Nutzen ziehen können. Dies ist auch der in der Vorrede zum Ausdruck gebrachte Zweck des Herausgebers. Dem noch nicht weit genug fortgeschrittenen Forscher der hebr. Sprache wird ein Hilfsmittel geboten durch Schilderung von Städten und Anstalten aus dem hl. Lande, die durch Abbildungen verauschaulicht und mehr oder weniger Uebersetzuagen aus d n Alliance- Berichten sind. _ S. Al Isert Weil!’s S y n a g 0 g e 11 g e s ä. n g e für Cantor nnd 11 ä n 11 e r c b 0 r verdienen in jeder Hinsicht die vollste Auerkennuug. Im Vorwort erläutert der bisher unbekannte Cantor und Componist die Xothwendigkeit seines Unternehmens. Wir können der Begründung nur vollständig beistimmeu. Durch das ganze Heft geht ein so frischer und dennoch andachtsvoller Zng, dass uns die Bekanntschaft mit diesen Gesängen herzlich gefreut hat. Die Chöre sind im Allgemeinen nicht schwer anszuführen nnd werden entschieden immer Wirkung ausüben. Die Solostellen für den Cantor müssen wir ohne jede l’ebertreibung als Meisterstellen bezeichnen, Wir finden hier stets eine schöne und dennoch nicht überladene Coloratur, die immer sehr melodiös ist. — Wir unterlassen es die einzelnen Chöre und Solostellen eingehender zn besprechen, da wohl jeder musikalische Cantor das Heft auschaffen wird. — Die schön ausgestatteten Synagogengesänge (für den Mergengottesdienst) sisd im Verlage von A. J. H ofm ann in Frankfurt a. Main erschienen. I Berlin. Rudolf Eisenherg. Verantwort,I. Redacteur Dr. Rahmer, Magdeburg. Druck Friedrich Rasche & Co. Magdeburg. Verlag Hob. Friese, Leipzig

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.