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Das jüdische Literaturblatt · 1893-10-05 · N° 40. (5.10.1893) · p. Seite 157

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 40. (5.10.1893)
Date
1893-10-05
Page
Seite 157 (sequence 3)
Language
German
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— 157 -— ז Die ״Patriarchensteuer“* * * * * * 7) wurde wahrscheinlich nach Massgabe der kaiserlich römischen Censuslisten ausgeworfen, andererseits wieder wurde die Judensteuer, der Fiscus judaicus, an die römischen Steuerpächter verpachtet. Die Schekalim, die Tempelsteuer, mussten an die ״kaiserliche Kasse“ bezw. an die ״Pächter der kaiserliehen Kasse“ eingezahlt werden und die Juden waren den Chicanen, den Plackereien und der Willkühr der Pächter preisgegeben. Die Juden empfanden diesen gewaltigen Steuerdruck um so drückender, weil sie darüber betrübt waren, dass die für den jerusalemischen Tempel bestimmten Beiträge durch die römischen Kaiser profaniert wurden, weil sie, die Juden, sich darüber Gewissensbisse bereiteten, dass die dem Tempel in Jerusalem geweihten Beiträge nun zu Götzenopfern verwendet wurden. Diesem schmerzlichen Gefühle giebt bereits R. Jochanan8) b. Sakkai einen tiefempfundenen Ausdruck: ,.Ihr wolltet Gott nicht dienstbar sein, nun seid Ihr den Völkern ״dienstbar“; Ihr wolltet Gott nicht bezahlen ein Beka für den Kopf, nun müsst Ihr der Regierung Euerer Feinde 15 Schekel zahlen“. Hieran knüpfte R. Simon b. Lakisch an, um dem Schabbath Paraschat Schekalim“ eine neue Bedeutung zu vindizieren und zugleich damit die Patriarchensteuer im milderen Lichte erscheinen zu lassen9). Nicht nur der Schabbath Paraschatli Sachor, sondern auch der dem letzteren vorangehend^ ״Schabbath Paraschath Schekalim“ steht in engster Beziehung zu der Verlesung der Esterrolle an den Purimtagen. In der Anordnung über die Kopfsteuer10) liegt eine pentateuchische Andeutung auf die Esterrolle; denn Gott habe vorausgeselien, dass Haman an den königlichen Staatsschatz für Israel Geld zahlen werde11), darum sagte er, (Gott:) Es sei besser, dass das Geld meiner Kinder, die Schekalim der Israeliten, dem Gelde, den Schekalim jenes Frevlers, zuvorkomme, um das böse Verhängnis abzuwehren, darum geht der Schabbath Paraschath Schekalim dem der Paraschath Sachor voraus12 * * *). Indem Angebote Hamaus, an den königlichen Schatz 10 000 Kikkar Silber für die Juden zu geben, liegt wieder ein Prototypon der Pachtungen des ״Fiscus judaicus“, der Juden- Steuer, der speziellen Kopfsteuer; dieser gegenüber müsse die jüdische Kopfsteuer, die Patriarchensteuer zur Erhaltung der Bet- und Lehrhäuser, gesetzt werden, um dem bösen Verhängnisse, der Vernichtung des Judentums, vorzubeugen und um die Bedenken wegen der Einzahlung der ursprünglichen Tempelsteuer an den kaiserlich römischen Staatsschatz zu beheben. Der ent¬ ') Wie ich nachträglich finde, hat der selige Grätz selbst (Monatsschrift Jhrg, 34, 1885, 8. 450—453) seine frühere Meinung, Juda III. habe die Patriarchensteuer eingetührt. (Gesell. IV’ 8. 305,) zuriiekgenommen und auch die Einführung der Patriarchensteuer Juda II vindiziert, •) Hechilta zu 2. M. 19, l ed. Friedmann pag. 61b. Bacher, Agada der Tannaiten I, S. 46, Anm. 1, hat richtig erkannt, dass in der Erzählung von dem Weibe, welches Gerstenkörner aus dem Miste des Araberrosses auflas, die Schmerz- und die Trauerempfindüngen Uber die Denkmüuze, welche die Börner znr Erinnerung an die Besiegung der Juden schlagen liesien (Grätz III‘ S. 408) zum Ausdrucke komme. (Vgl. ferner Grätz Monatsschrift, Jahrg. 30, 1881, S. 495.) f) Geschwärmt hat auch R. Simon ben Lakisch nicht für die Patriarchensteuer. Anspielend auf die letztere sagte er dem Patriarchen, der sich über den grossen Steuerdruck der P.ömer beklagte (Genesis Rabba cod. 78 § 12): ״Nimm nichts, so wird Dir nichts genommen werden." 9 (״. M. 30, 11—16. 11) Ester 3, 9. '*) Megilla, jerus. 70d; 74a! babyl. f. 13b_Bacher, Agada der paläst. Amoräer I S, 402 ist nach Obigem zu berichtigen. Bacher hat übersehen, dass nicht nur der babyl. 1. c. sondern auch der jerus. Talmud 74* den Ausspruch des R, S. b. L. auf die Mischna III, 4 (III, 5) bezieht. — sprechendste Bibelabschnitt dafür ,sei daher der Abschnitt18) von der ״Kopfsteuer“, welche das Gotteswort selbst ein ״Sühngeld“ nenne. (Fortsetzung folgt.) Recensionen. (x&demann Dr. M. Was bedeutet das Hebräische für den israelitischen Religionsunterrieht? Sonderabzug aus dem Kalender für Israeliten Wien 1893. Waizner & Sohn. . Die vorstehende Frage ist noch in mancher andern Hinsicht eine Zeitfrage, als der Herr Verf. in den einleitenden Worten halb scherzhaft sie begründet. Wir sehen die Bestrebungen erstarken, die deutsche Sprache in weiterem Umfange in unsern Gottesdienst einzuführen, also die hebräische hier zu verkürzen. Diese Bestrebungen sind in ihrem guten Recht. Aber wie es zu gehn pflegt, man schüttet das Kind mit dem Bade aus. Ein anderes ist es, ob man hebräisch beten, ein andres, ob Juden diese Sprache verstehen sollen. Eine andre Frage ist es: was bedeutet das Hebr. für den Gottesdienst, eine andere, was bedeutet es für den Religionsunterricht. Wir sehen einen weisen Bedacht darin, dass der Herr. Verf. stillschweigend diese Unterscheidung machend die erste vielumstrittene Frage beiseite lässt und die zweite ,um so nachdrücklicher erhebt und überzeugend beantwortet. Denn wäre der Aufsatz nur mit der Wärme geschrieben, in der der Theologe hier eher des Guten zu viel thun kann, so würde er nur Gleichgesinnte erfreuen. Aber es wird an den einleuchtendsten Beispielen überzeugend nachgewiesen, dass die hebr. Sprache in der Tliat eine ״heilige“ sei, ״weil die Prägungen religiöser Begriffe, die nur in dem Metall dieser Sprache ursprünglich, rein und unverfälscht sind und bleiben, das teuerste und heiligste Inventar des menschlichen Geistes und Herzens bilden. Dies wird z. B. an dem Tetragrammaton, an Tliorah, Zedakah, Ohochmah u. a. gezeigt. Besonders Thora ist ein schlagendes Beispiel, wie eine falsche oder einseitig ntiancierende Uebersetzung von den verhängnisvollsten Wirkungen sein kann. Die ganze christliche Polemik gegen das Judentum von Paulus bis Harnack beruht auf der völlig verkehrten Uebersetzung: ״Gesetz.“ Hier, so können wir hinzufügen, ist Israels wahre und einzige Grösse: in der Erzeugung religiöser Goldmünze. Ref. musste einmal von einem antisem. Redner den Vorwurf hören, dass wir keine grossen Künstler, Maler, Bildliauer, Philosophen, Feldherrn u. s. w. hervorgebracht hätten, worauf er ihm kaltblütig erwiederte, dass er darin ganz Recht habe und ihm selbst Spinoza als Ausgetretener überlassen bleiben sollte. Aber ich habe gar nicht die gesetzliche Verpflichtung ein grosser Mann zu sein, oder einen zu erzeugen nur in dem Gebiet, auf welchem gross zu sein wir unbestritten den göttlicheu Beruf haben, der Religion, haben wir allerdings grosse Männer — die Propheten, und wenn ihr wollt, auch Jesus und die Apostel — hervorgebracht, welche wir selbst gegen einen Phidias, Napoleon, Kant einzutauschen nicht gewillt sind. Die Propheten aber haben hebräisch gesprechen und niemand kann daher zu dem Kern des Judentums, zu dem wahren Zion der Menschheit und ihrem Allerheiligsten gelangen, der nicht die hebräische Sprache, die eben dieser Kern ist, kennt. Niemand kann es ferner ohne diese Kenntnis gegen feindselige Angriffe verteidigen und wir hören also auch von dieser berufenen Seite des Verlangen, dass unsere Kinder besser ausgerüstet werden für den Geisteskampf des späteren ’*) 2. if. 30, 11-16.

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