Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 39. (24.9.1893)
- Date
- 1893-09-24
- Page
- Seite 153 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/5367336-5990874-5991425--2320-5369186- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
153 — Machthaber, dass die Juden mit kriegerischen Gedanken umgehen, erwecken könnte. Es waren dabei auch Stfmmen laut geworden, der synagogale Gebrauch de9 kanonischen Buches Ester sei aufzuheben, um nicht den Argwohn eventuell das Uebelwollen der nicht israelitischen Umgebung zu erregen8). Gegen solche Zumutungen entschied, dass der synagogale Gebrauch des Buches durch einejahrhunderte alte Ueberliefe rung s ank ti 0ni e 1t w a 1•2 3). Diesem Machtspruche der durch uralte Ueberlieferung erfolgten Sanktion musste sich auch ca. um ein Jahrhundert später, in der Mitte des dritten Jahrhunderts ü. Z., der babylonische (persische) Amora Samuel ergeben und als er aus Hyperloyalität gegenüber seinem Freunde, dem neupersischen König Schabur I, die Kanonizität des Buches Ester aufheben wollte; die uralte synagogale Ueberlieferung, welche den liturgischen Gebrauch sanktioniert, sagt er resigniert, sei der beste, evidenteste Beweis, dass das Buch Ester vom heiligen Geiste inspiriert sei, dessen Gebrauch daher kanonisch nicht angetastet werden kann4). Die Synagoge begnügte sich aber nicht mit der Sanktion des pietätvollen Festhaltens an dem überlieferten religiösen Gebrauche der Altvordern allein; sie, die Synagoge, suchte, um das religiöse Empfinden zu stärken, das Getiihi der Pietät gegenüber dem überkommenen altväterlichen Gebrauche wach zu erhalten, nach Andeutungen, nach Anhaltspunkten im Pentateuche, damit der später eingefuhrte Gebrauch den am Sinai übernommenen Verpflichtungen gleichgestellt werde5), damit das ca. tausend Jahre später geschriebene Buch Ester den Büchern Mosis beigeordnet w׳erde6). Nach langer Diskussion, nach vielem Disserieren7), fand die Synagoge endlich die gesuchte Andeutung, den gewünschten Anhaltspunkt im Pentateuche in dem Befehle Gottes an Moses: ״Schreibe dieses zum Andenken in ein Buch“®). Dieses bezieht sich auf die beiden Paraschijoth im Pentateuche, im zweiten9) und im fünften10) Buche Moses: ״zum And enken“, damit ist die Piska in den Propheten, die Erzählung vom Kampfe gegen Amalek im Buche Samuel“)gemeint; ״in ein Buch“ deutet hin auf die Ester-Rolle in den Hagiographen12). Im Anschlüsse an diese Deutung wurde dann aus der Anwendung der beiden synonymen Ausdrücke13) ״Gedenke“ und ״Vergiss es nicht“ in der zweiten Paraschath Amalek, im fünften Buche Mose’s gefolgert), dass es nicht genüge, durch schriftliche Aufzeichnung das Andenken an Amalek vor dem Vergessen zu bewahren, sondern dass durch das wie¬ 2) Babli Megilla 7a; Jerua. Megilla 70<1, 3) קיימו למעלה מה שקבר1 ו למטה sagt ein späterer Amora Josua b. Levi, Makkuth 23b und Midrasch zu den Psalmen >>7, 8 (cd. Buber §2 Seite 296, wo in Anm. 3 u. 11 die Parall, verzeichnet sind). 4) Babli Megilla 7a. So glaube ich, die zwei sich einander widersprechenden Lehrsätze Samaels, welcher Widerspruch schon dem Talmud und noch mehr den späteren Commentatoren viele vergebliche Mühe bereitet hatte, historisch miteinander ausgeglichen zu haben. “ ■ ־־w“ s) Schebuoth babli 39a: מקרא מגילה קיימו מה שקבל* ו כבר. Mit בבר wird stets ein längst vergangenes Ereignis bezeichnet, ln diesem Sinne erscheint נבר Berachoth 12: נבר בטלום und Berachoth jer. 8a בבר קבעו, wie ich dies in einem Schreibet an Dr. D. Hof mann in Berlin 1687 bereits nachgewiesen habe. *) Megilla 70d המגירה הזאת נאמרה למשה מסיני אלא שאין מוקדם ומואחר תורה — .בתורה zur Bezeichnung sämtlicher 24 Bücher der Bibel findet sich oft: AbodaSara bab. 17a, Moed Katan 5a (wo תורה von תורתמשה unterschieden wird); Synhedrin bab. 910-92a; Midrasch Rabba zu 1. Mos. 44, 8, eap. 92 § 7 ed. Wilna 1878. Vgl. dagegen Raschi Chollin 137 a s. v. תורת משה. ’) Jerusch 1. c, נושאים ונותנין; vergl. hierüber meine Bemerk. Ltbl. 1, J, 11b Anm. 4.) ») 2. Mos. 17, 14. »)17, 8—18, ■17-19 ,25 (״. ") I, 15, 2 ff. '*) Mechilta zu I. Moses 17, 14; Megilla, Jerusch. 70d; Babli 7a. *זנור (י und 1 •לא תשנה c. d er h 011 e V0 r 1 es en der betreffend׳ n Abschnitte bezw der EvSterrolle die Erinnerung an Amalek <md an den Abkömmlung Amalek’s, Haman, stets wachgemfeu werde14). Des grösseren Nachdruckes wegen wurde sodann bestimmt, dass am Sabbat vor Purim Paraschath Sachor im fünften Buche Mose’s verlesen weide, um auf die Bedeutung und Wichtigkeit der Vorlesung der Esterrolle hinzuweisen, und zur Haftara aus den Propheten wurde die Piska aus dem ersten Buche Samuel bestimmt. Paraschath Amalek im zweiten Buche Moses mit dem andeutungsvollen Verse wurde für Purim selbst vor der Vorlesung der Esterrolle bestimmt15). Ausser dieser normativen Deutung finden sich in den beiden Talmuden und in den Midraschim noch mehrere Agadoth, welche die Pflicht, die Esterrolle vorzulesen, erhärten wollen bezw. Andeutungen im Pentateuche hierfür nachzuweisen suchen, Ueberreste alter gottesdienstlicher Vorträge für ״Schabbath Paraschath Sachör.“ Ich möchte bei dieser Gelegenheit z /ei hierher gehörige Agadoth, deren Sinn, meines Wissens, bisher noch nicht erkannt bezw. verkannt wurde, kurz besprechen. R. Samuel b. Nachman erüffnete seinen Vortrag über die Fortdauer der Vorlesung der Esterrolle und der Purimtage mit dem Schlussverse des 55. Kap. des Propheten Jesaja, welchen Vers er, R. S. b. N.״in homiletisch freie!■ Weise wie folgt deutet: ״Anstatt des Aergernisses“, das ist Haman, der sich abgöttisch verehren liess, ״steigt auf Wohlduft“, das ist Mordechai, nach der Bedeutung dieses Wortes im Targum; ״anstatt der Mordbrennerei“, d. i. Waschti, die Enkelin Nebukadnezars, welcher die Gotteswohnung verbrannt hat, ״steigt auf die Myrilie“, d. i. Ester, deren Name auch Hadassa war; ״es wird dem Ewigen zum Ruhme sein“, d. i. die Vorlesung der Megilla; ״zum ewigen Zeichen, das nicht verwischt wird“, das sind die Purimtage1*). (Fortsetzung fogt.) “) Sifre zu 5. M. 25, 17, § 296. Sifra zu 3. Moses 26, 3 ed. Weis?, olio 110©; Mgilla bab. 18a; Nachmanides zu Deuter. 26, 17 שונה בפיך im Sifra ist gleich שינו im Sifre zu Deuter 6, 7 § 33. '■') Vgl. Magen, Abraham zum Orach Chajjim cap. «e5 uud Auerbach zum האשכול ed. Halberstadt. 1868 Th. 2 Seite 33 Anm. I, welch letzterer aus dem Buche מא׳א (?) die treffliche Bemerkung anführt, es hätte in dem Tosaphot gestanden פ'ם d. i. פרשם פורים, unwissend« Copiaten aber hätten die Abbreviatur falsch iu פרשת פרה aufgelöst. Hiermit fallt die Bemerkung des Magen-Abr, hinsichtlich Parschath Amalek weg, '*) Megilla 10 b; Bacher ״Agada der paläst. Amoräer533 ,1 ‘׳ Anm. 3) Anstatt: הנעצוץ liesst R. S. b. N.: הנאצוץ und Jcs, 7,19 anstatt: הנעצוצים wieder: הנאצוצים von גאץ• Er deutet ferner: הללים gleich dem Targum a. 1. בתי תושנחתא u:.d fasst letzteres entweder als Appotition zu הנאצוצים oder aber, was mir richtiger :■eheint, fasst beide Ausdrücke zu einem Begriffe, Heudiaduoin, zusanimen : ״die Ruhme.-.hallender. Aergernisse, der Gotteslästernng״, was bisher, soviel ich weis, roch Niemand erkannt bat, Bacher irrt ferner, iudem er der verkehrten Leseart des עין יעקב folgt, während doch schon Rabbiuovicz a. 1. Anm. 40 nacligewi sen hat, dass die Leseart unserer Talmud-Ausgaben die richtigere sei, dass R.S.b.V. לא ינרת, (Jesaia 55, 13) לא יעבדו, (Ester, 9,28), deutet. Ich habe dem noch hiuzuzufiigen, dass, meinet Erachtens, R. S b. N. dan.rn: והיה לד לשם (Je8 1. c) auf die Fortilauer der Vorlesung der Megilla bezieht, weil er die Verpflichtung zur Vorlesung der Megilla gleich R. J׳ sua b Karcha (Megilla 14a) damit begründet, dass die Megilla eiuDauklied (שירה) sei, oder mit R Nachman (1. c.) aunimmt, die .M'gilla sei ein Loblied:הלל=הלילא Bacher״Agadader Tannaiteu‘• II, S. 312 Anm. 7) irrt, indem er behauptet, R. Josua b. Karcha leite die Verpflichtung am Purim die EsierroIIe zu lesen aus der des llallal-Lesens ab.-Ddass beider Umdeutung von הנעצוץ in הנאצוין der Wechsel der Laute nicht besonders betont wird, ist eine häutige Erscheinung in der Agada: Sabbat folio 31a. deutet R. Simon b. Lakisch auf die sechs Ordnungen der Miscbua Jesaja, 83. 6. uud bezieht das Wert: pn auf die vierte Ordnung: נשים, ohne dass besonders betont wäre, dass diese Deutung auf dem Wechsel des Lautes נ in ת beruht, R. 3. b. L. demnach חנן gleich