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Das jüdische Literaturblatt · 1893-09-24 · N° 39. (24.9.1893) · p. Seite 154

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 39. (24.9.1893)
Date
1893-09-24
Page
Seite 154 (sequence 4)
Language
German
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— 164 Zur Geschichte des Juden in Temesvar. Nach Archivacten von S. Schweinburg-Eibenschütx. Noch immer hören wir von dem fab eihaften Reichtum der Juden! Lesen wir aber die Acten der Behörden, so finden wir stets, dass der angebliche jüdiche Reichtum in die Mythenwelt gehört In Temesvar hatte die sogenannte Banatische Einrichtungscommission das Recht, 35 jüdischen Familien das Incolat zu bewilligen. Da kam mit einem Male der Kaiserin Maria Theresia ein sonderbarer Vorschlag zu. Ein höchst pfiffiger Anonymus beantragte, in Temesvar ein Judenghetto zu errichten und stellten gleichzeitig an die Kaiserin die Bitte, den Juden zu diesem Behufe einen Aerarialvorschuss von 16 Tausend Gulden zu bewilligen. Als Hypothek hierfür waren mehrere Häuser und 2 Synagogen der Juden in Temesvar dafür ausersehen. Maria Theresia war ohnedies keine besondere Judenfreundin und begrüsste allerdings den ersten Theil des anonymen Vorschlages mit grosser Freude; denn sie hoffte, durch diese ״Absonderung der christlichen von den jüdischen Haushaltungen“ einen grossen Vortheil für die angeblieh bedrolite Kirche zu erringen. Auf den zweiten Theil des Vorschlages wollte sie sich jedoch nicht einlassen und meinte in einer Resolution de dato 5. Jänner 1775, dass die Juden gegen solche Hypothekarsicherheit auch auderweitig sich Credit verschalten werden. Mau wollte jedoch etwas für die materielle Sicherheit des neuen Judenghetto veranlassen. Die Hofkanzelei befürwortete deshalb das Gutachten der Temesvarer Administrat on de dato 25. August 1777 und die Kaiserin decretierte auf Grund desselben eine neue leichtere Toleranzgebühr für die Temesvarer Judenschaft. Es sollte von nun an ein verheirateter Jude 4 fi. jährlich, ein lediger oder eine Witwe 2 11. bezahlen, wobei jedoch die Kopfsteuer nach der ersten Klasse und die Gewerbesteuer nebst anderen Gebühren auf dem Status quo ante belassen werde. Die Temesvarer Juden haben aber dem Steuerinspector selten Anlass zu klagen gegeben, Sie entrichteten regelmässig die vorgeschriebenen Steuerquoten, die jährlich mehrere Tausend Gulden betragen haben. Nur einmal ging es den Temesvarer» schlecht, das war im Jahre 1772. Aus dieser Zeit verzeichnet der Steuer• beamte einen Rückstand von 45 Steuerzahlern, der noch bis zum Jahre 1776 nicht ganz abgestattet worden war. Wir verdanken diesem Umstande eine Liste der in Temesvar ansässigen Juden. Es wohnten demzufolge daselbst 45 Judenfamilien, die jährlich 2533 fl. 41 Kr. Toleranz- und Gewerbe- Steuer entrichteten. Die Namen derselben sind: Elias Jacob, Schnster, Mayer Amigo & Söhne. Jacob Kohr. GebrUder Liebmann, Röser Zacharias & Söhne, Jacob 18ak. Rabbiner, (der 53 fl. 45 Kr. j&hrl.Erwerbssteuer zahlte! Veronica Kepisch, Lazar Benjamin, Benjamin Maczoro Hirschl Jacob, Sarah die Wittwe, Abraham Haim, Josef Kalvo, Schulsinger, Moses Quarschen. Berl Gerstl, Moses Jacob, ״ Confino, ״ Macsora, Jacob Rüben. Nachmau Samuel, Israel Taitatack, Josef Israel Taitasack, Josua Salomou, Nissitn David, Simon Josef, Lea Witwe, )Guttmann Wolf, Abraham Simon, Giitl Wittwe. Lebl May-Geday Levy, Marens Macz Politzer, Perl Cohn, Jacob Gerstl, Mayer Josef, Wolf Schlesinger, Jacob Abraham, Abraham Baro, Eva Winklerin, Philipp Salomou, Marcus Eisentätter Abraham Koin, Abraham Berl, Beer Schächter, Recensionen. Helirlng, Franz. Die Lessinglegende. Eine Rettung. Stuttgart, Verlag von J. H. W, Dietz. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich, wie Franz Mehring geschickt nachzuweisen sucht, in die Beurteilung Lessings, namentlich bezüglich seines Verhältnisses zu Friedrich dem Grossen und dem preussischen Staat, so viele Irrtümer eingeschlichen, dass in unsrer Literaturgeschichte statt des ״wahren Lessingbildes“ nur noch ein ״Lessing-Zerrbild“ zu fiuden ist und sich der Verfasser des zu besprechenden Buches für berechtigt hält, von einer ״Lessiuglegende’“ zu sprechen. Deshalb bietet uns Mehring eine ״Rettung“ des grossen Mannes in Lessings eigenem Sinn: ״Ich kann mir keine angenehmere Beschäftigung machen, als die Namen berühmter Männer zu mustern, ihr Recht auf die Ewigkeit zu un-!ersuchen, unverdiente Flecken ihnen abznwischen, die falschen Verkleisterungen ihrer Schwächen aufzulösen, kurz, alles das im moralischen Verstände zu thun, was derjenige, dem die Aufsicht über eineu Bildersaal anvertraut tst, physisch verrichtet.“ Auch wenn man mit dem Verfasser den materialistischen Standpunkt nicht gemein hat, muss man ihm zugeben, dass das Buch mit grosser Liebe zur Sache geschrieben ist und manche Anregungen bietet. — Was wir über die Berliner Judenschaft zur Zeit Lessings und über die Toleranz Friedrichs des Grossen erfahren, ist grösstenteils neu und für die Leser des ״Literaturblattes“ doppelt interessant. Alles in allem: Die ״Lessinglegende׳‘ ist ein braves tapferes Buch. L. Fr. חתן fasst, wie ick schon im ,,Litbl.“ der ״Menorah“ No, 6. S. 36a Aum. 9 nachgewiesen habe. Die Benennung Nebukadnezars mit 1״ ננסא דבביder Zwerg von Babel“ (Pesikta dr. Kanana ed. Buber 112a) bemht im Anschlüsse an ושנוי1 אנשים (Daniel 4, 14) auf der Identifizierung von ננצ der üblichen Abbreviatur von נבובדנצר mit (vivo;) ננס, wie auch im ״Ltbl.“ der ״Jild. Presse“. 1870 Nr. 4 Seite 15 ausgeftthrt habe. Zu demselben Resultate kommt Dr. Perles in dem neuesten Hefte (Mai 1. J.) der Brann-Kaufmannschen Monatsheft S. 537. Dr. Perles, der mir das betreffend( Heft freuudliehst zugeseudet hatte, schrieb mir am 11./fi, 1. J., dass ihm die ״Jüdische Presse“ nie zu Gesichte gekommen war, darum war ihm meine Erklärung unbekannt. Gelegentlich bemerke ich noch, dass nicht נשח בקו^תא zu lesen und ״er hauchte in den Knie' mit Perles .Mnndschfs. 1. 1. zu übersetzen sei, sondern נשח נקוליתא (vgl. Daniel 3, 1« חתנלי־י חנלא und Midrasch zu Ps. 8, § 2 ed. Buber; Tanchnma 1. M. 8, 15, $ lö ed. Buber nebst l’arall.) ist zu lesen und zu übersetzen ״er blies sich auf wie ein Schlauch.“ — Ich komme übrigens auf diesen Gegenstand noch iu einem besonderen Artikel zurück. Literarische Notiz. Zu den in Nr. 37 aufgeführten jüdischen Kalendern ist — als nachträglich uns zngegangeu - noch hinzuzufiigeu: Kalender für Israeliten für das Jahr 5654 (1893/4) (zugleich Führer durch die Wiener isr. Cultusgemeinde), herausgegeben von der üsterr.-isr.-L’nion. II. Jahrg. Mit literarischen Beiträgen von Jellinek. Güuemann, Keyserling, J. Jaeger L. A Frank 1, Birnbaum (Königsberg) — Verlag von Moritz Waitzner & Sohn. Wien IX Koliugasse 11. (Preis eltg. gcb. 50 Kr.) Dieser sehr praktisch eingerichtete, reichhaltige und durch die gediegenen literatischen Beiträge — auf die wir zum Theil noch zurückkommen - werthvolle Kalender ist tun dieser letztem willen nicht blos den Glaubeusbrüdem in Oesterreich, für die er ja ei״ besonderes Interesse hat, sondern allen für jüdische Literatur sicy, ] nteressireiulcn bestens zu empfehlen. r. Verantwort!, liedacteur Dr. Rahmer,Magdeburg. Druck Friedrich Rasche & t'o . Magdeburg. Verlag Rob. Friese. Leipzig.

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