Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1893-09-15 · N° 38. (15.9.1893) · p. Seite 148

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 38. (15.9.1893)
Date
1893-09-15
Page
Seite 148 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5367336-5990874-5991424--2314-5369181
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 148 Diejenige Stufe der Vollkommenheit aber, die wir bei Gott antreffen, vermag kein sterbliches Wesen zu erklimmen. Dieses kann lediglich darnach streben. Gott, als seinem höchsten Ideale, ähnlich, nicht gleich, zu werden, d. h. alle göttlichen Tugenden in dem Maasse sich zu eigen zu r.r'chen, als sie dem schwachen Staubgeborenen eben erreichbar sind, und zwar auf dem Wege der sogenannten ״Heiligung“, indem es all sein Fählen und Denken, sein Wirken und Schaffet), sein geistiges und körperliches ״Ich“, höchsten, göttlichen Zwecken weiht und widmet. Der Begriff der Heiligkeit bezüglich Gottes wird daher unter allen Umständen ganz andere Momente in sich schliessen, als derjenige hinsichtlich an sich unvollkommener Wesen, wenn bei solchen von wahrer ״Heiligkeit“ überhaupt die Rede sein kann. Gott ist hoch erhaben über all diejenigen Einwirkungen, die ihn je dem Zustande der Heiligkeit entrücken könnten. Der Mensch aber kann von der uns Sterblichen erreichbaren Stufe dev Vollkommenheit durch mannigfache Ein- Wirkungen jäh herabsinken. Der glühende Eifer kann erkalten, die Kräfte können erlahmen, bisher niedergedrückte Leidenschaften plötzlich emporlodern, die seinem Fühlen und Denken eine andere Richtung geben, sein Wirken und Streben in andere Bahnen leiten, welche die Weihe der Lauterkeit und Reinheit verflüchtigen lassen. Gottes ist die wahre Heiligkeit, da er heilig war, ist und bleibt von Ewigkeit bis in Ewigkeit. Des Menschen sogenannte Heiligkeit aber ist lediglich eine ״Weilte“, die den Grundstein der eigentlichen ״Heiligung“ bildet, welch’ letztere sich erst durch die unbedingte Unterwerfung unter den Willen des Allheiligen, speziell in der Enthaltsamkeit nach den verschiedensten Richtungen hin manifestieren soll. Wenn demnach der Herr sein Volk kadosch nennt, so will er es gewiss nicht auf dieselbe Stufe mit sich selbst stellen, sondern durch diese Bezeichnung bekunden, dass er es vor allen anderen Völkern auserwählt und hohen Zwecken ״geweiht“ hat. Um diese hohen Zwecke erreichen zu können, hat er ihm gewisse Fesseln auferlegt, mit deren Abschütteln es sich dieser Weihe be• geben würde. Und wie das ganze Volk durch Gott geweiht werden kann, der höchsten Stufe ״menschlicher Heiligkeit“ durch Erfüllung gewisser Bedingungen zuzustreben, so kann auch ein Einzelwesen aus eigenem, innersten Herzensdrange sich diese Weihe zueignen, indem es nach Ueberwindung aller menschlichen Schwächen und Leidenschaften seinen ganzen Lebenszweck in dem Nachstreben nach dem göttlichen Ideale erblickt und seinen mannigfaltigen Trieben, deren Aufkeimen kein Sterblicher zu verhindern vermag, die engsten Fesseln anlegt. Einen solchen Sterblichen hat man im Laufe späterer Zeiten einen ״Kadosch“ genannt, eine Bezeichnung, die in diesem Sinne der Bibel ganz fremd ist und ihren eigentliehen Ursprung in der christlichen, speziell katholischen Kirche hat. Namentlich ward diese Bezeichnung, die die höchste Verehrung ausdrücken 8011, in späteren Jahrhunderten, insbesondere im Mittelalter, für diejenigen typisch, welche zur Krönung ihres Strebens eiu Martyrium auf sich nahmen und ihr Blut um des Glaubens willen hingaben, ihren sterblichen Teil der Verherrlichung der Ewig-Einzigen weihten. — Der ״Kadosch“ ist von dem in der Bibel (IV. Buch Moses, Kap. 6) genannten ״Nasir“ wohl zu unterscheiden. Während dieser seine Lebensweise nach bestimmten Vorschriften für eine von ihm festzusetzende Frist einzurichten hatte, lag die Lebensweise des Kadosch in seinem eigenen Ermessen. Das W ort kadosch schliesst aber nicht minder den Begriff der ״einfachen, äusserlichen Weihe“ in sich und zwar sobald es auf Knltuszwecken dienstbare Personen und Gegenstände zur Zeit des Tempelhestandes Anwendung findet. Dass wesentlich unterscheidende Merkmale zwischen demjenigen Epitheton kadosch. das Gott seinem Volke beilegt und demjenigen, wie es hier Anwendung findet, vorhanden sind, tritt am klarsten in der Erzählung von der Empörung Korah's zu Tage. Wenn einerseits Korali zunächst betont, dass ״die ganze Gemeinde kadosch und in ihrer Mitte der Herr sei“, andererseits ihm Mose erwidert, dass ״morgen der Herr bekannt geben werde, wer kadosch sei, dass er ihm nahe trete־‘, so legen beide diesem Begriffe offenbar einen anderen Sinn bei. der sich aus ihren verschiedenen subjektiven Anschauungen ergiebt Korah fasst den Begriff allgemeiner auf. indem er sich auf Gottes eigen e Aussprüche beruft: ״kedoschim tihju‘־ u. ״weattem tihju li.w’goj kadosch!“ ״und ihr sollt mir ein Reich von Priestern und ein .,heiliges Volk“ sein!“ Korah und sein Anhang vindizieren sich auf Grund dieser Ausspräche die priesterliche Weihe, die sie zum Priesterdienste befähigt. Mose tritt diesem mit Entschiedenheit entgegen, wodurch er bekundet, dass er dem Begriffe kadosch viel engere Grenzen steckt und ihm ganz besondere Momente zuspricht, indem er nur diejenigen als kadosch gelten lassen will, die Gott besonders auserwählt. Als solche lässt er einzig und allein die Priesterschaft gelten, indem sich die Spitze seines gegen Korah geschleuderten Vorwurfs dahin richtet, dass dieser nebst seinem Anhänge nach dem Priestertum trachte, nachdem ihn der Herr als Levite bereits vor allen anderen Volksangehörigen bevorzugt habe. Korah war der Meinung, dass die einfache Weihe, die Gott über das gesamte Volk ausgesprochen und die nur bezweckte, dasselbe zu verpflichten, sich stets seiner überkommenen Mission bewusst zu bleiben ihr gemäss zu leben und sich die Bezeichnung ״kadosch“ erst durch seine Lebensführung zu verdienen, hinreichend sei, jeglichen Volksangehörigen ohne weiteres zu befähigen, als Priester im inneren Tempeldienste zu fungieren. Mose dagegen vertrat die Ansicht, dass neben dieser von Gott ausgesprochenen Weihe auch noch eine ausserliehe, durch besondere Akte zu erfolgende Weihe erforderlich sei, um als Priester dem Herrn in seinem Hause zu dienen. Und in der Tliat wird, wie wir im 2. Buche Moses, Kap. 40 lesen, Mose von Gott der Befehl erteilt, er solle Aron und seine Söhne bei der Einführung in ihr Priesteramt waschen, sie nächstdem dem Eingänge des Stiftszeltes nähern, ihnen alsdann die geweihten Kleider anlegen und sie endlich salben. Nach diesen Akten erst besassen sie die Priesterweihe, waren sie ״kadosch“. Auch die dem Tempeldienste geweihten Gegenstände waren erst ״kodesch“, nachdem sie gesalbt worden und die Weihe über sie ausgesprochen war. Derartig geweihte Gegenstände werden in der Regel ״kodesch“, nicht ״kadosch“ genannt was wohl zu beachten ist. Auch der Schekel, der im Tempeldienste galt, wurde ״kodesch“ genannt, obwohl er an sich doch nicht geweiht war. Dasjenige unter dem schon Geweihten, das ganz besonderen Zwecken diente, wurde mit ״kodescli-ködoschin“, d. h. ״Hochgeweihtes“ bezeichnet. Die dem Herrn geweihte Bet- und Opferstätte ward ״mikdasch Adonaj“ genannt. Möge hier der Ausdruck ״kidduschim“ nicht unerwähnt bleiben, mit welchem man die religiöse Weihe der Ehe bezeichnen will. Erst nach dieser erfolgten ״religiösen Weihe“ wird uns die Ehe ״heilig“ sein, das heisst ״hohen Zwecken gewidmet“. Wir sprechen nicht gemeinhin von einer ״Heiligung“ der Ehe, sondern von einer ״Heilighaltung“ derselben. Desgleichen sollen wir nicht den Sabbat ״heiligen“, sondern ihn ״heilig halten“. Im vierten Gebote tritt uns der Begriff ״kadosch“ sowohl bezüglich Gottes, als auch des israelitischen Volkes

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.