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Das jüdische Literaturblatt · 1893-09-15 · N° 38. (15.9.1893) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 38. (15.9.1893)
Date
1893-09-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jl» 38. Das XXII.Jahrg. Zur Buteuohtung alter Judenthum und Juden betreuenden Ntterariechen Ersehe!• nungen auf dem Gebiete der Philosophie. Geschichte. Ethnographie. Theologie. Orien• talia. Exegesse, Homiletik. Liturgik, und Pldagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahnier. Magdeburg, den 15. September 1893. Bacher der einschllgigen Litteratur. welche der Redaktion zupetandt werden, flnden in diesem Blatte eingehende Besprechung. Bei Einsendung von zwei Recensiens• Exemplaren erfolgt einmalige kurze Gratis •Insertion. Das ״Jttdiscbe Literatur-Blatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen. Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese1» pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“, die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen Mark zahlen, erhalten das ״Jüdische Literatur-Blatt“ gratis. Inserate werden mit 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark berechnet und sind an die Kijiedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler und Lehrer, welche direct oder durch Robert Friese Inserate einsenden, erhalten 2.> "/״ Kabair,. IrOialt: Wissenschaftliche Aufsätze: Der Begriff ״kadosch“ und seine Gegensätze. Von J. Herzberg-Bromberg. — Eine alte Synagogenordnung (Fortsetzung.) Von Rabb.| Dr. G 0 1 d f ahn. Becensionen: Brann, Dr. M. Jüdischer Volks- und Hauskalender für das Jahr 1894. — Deutsche Schreib-Lese-Fibel und ״Erstes Lesebuch“ von Kaphael Cohn. Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte ist nicht gestattet. Der BegrifT ״kadosch“ und seine Gegensätze. Von J. Herzberg-Bromberg. Der deutsche Sprachschatz bietet uns ein Wort, das das Wort ״kadosch“ (קדוש) in seiner hohen Bedeutung annähernd wiedergiebt, mit dem es sielt jedocli nicht vollkommen deckt, es lautet ״heilig“. Dieser deutsche Begriff ist jedoch in seiner Bedeutung und Anwendung viel umfassender als der hebräische Begriff ״kadosch“. Letzteres schliesst Momente in sich, die jenem unter Umständen, je nach seiner Anwendung, fehlen können. Nicht alles ist schou ״kadosch“, was Dir ״heilig“ ist. Auch kann Dir etwas ״heilig“ sein, das Deinem Nächsten als mit keinen besonderen Vorzügen behaftet erscheint, das ihm gleichgültig ist. Ein geliebtes Wesen nennst Du Dein, zu dem Du voll Verehrung emporblickst, dieweil es Dir als die personifizierte Liebe, Milde und Güte, als das Muster und Vorbild eines Frommen, als der Inbegriff aller menschlichen Tugenden gilt, — es ist Dir ein Heiliger, — aber auch Anderen? — Der traute Raum, in welchem ein Geliebter Deines Herzens gelebt und geliebt, gelitten und gekämpft und in welchem er dann den letzten Seufzer verhauchen liess, um einem besseren Jenseits zuzustreben, — er ist Dir ״heilig“; aber ist er auch ״kadosch“? Nein! Der Ring, den Du dem Sterbenden, der von Todes- Zuckungen schon erfasst ist, dem bleichen hagern Finger abgestreift, — Du nennst ihn ״heilig־‘ und er bleibt es für Dich, so lange Dein Herz schlägt. Ist dies Kleinod auch kadosch? Gewiss nicht! Denn nur für Dich allein hat es diesen ideellen hohem Wert! Was aber ״kadosch“ ist, soll und muss Allen ״heilig“ sein!- Gott allein ist kadosdh in des Wortes ureigenster Bedeutung. Da wir nun einmal keinen anderen, diesem hebräischen Begriffe vollkommen entsprechenden deutschen Begriff besitzen, so nennen wir auch ihn ״heilig“. Wahrhaft heilig kann nur Gott, als das ewige, allgegenwärtige und rein geistige Wesen, genannt werden, entsprechend der triplierten Bezeichnung der göttlichen Heiligkeit, wie es seitens des Propheten Jesaias (6,3) geschieht, dessen ,,Dreimalheilig“ in unser tägliches Gebet übergegangen ist. Er nur vermag ewig ir dem Zustande der dreifachen Heiligkeit zu verharren. Wenn die Schrift an vielen Stellen Gott kadosch nennt so will sie gerade auf diesen permanenten Zustand seiner Heiligkeit hindeuten. Es ist gewiss nicht ein blosser Zufall, dass erstim 3. B Mos.. Kap. 11, V. 44׳ u. 45, der Herr sich selbst קדוש ״kadosch“ nennt und wenige Seiten vorher mit den Worten ״bikrowaj ekadesch“ fordert als ״kadosch“ anerkannt und verehrt zu werden. Weder den Erzvätern offenbart er sich in dieser Eigenschaft, noch findet dieses Epitheton hinsichtlich Gottes bei der Offenbarung am Sinai Erwähnung. Es muss wohl angenommen werden, dass erst nach diesem grossen Ereignisse das Volk diejenige Reife erlangt hatte, die erforderlich war, um Gott wahrhaft in seiner erhabenen Grösse und Heiligkeit zu erkennen, ihn in seiner Eigenschaft als ״kadosch“ gebührend zu erfassen. Der Vorwurf, den Gott Mose und Aron machte, dass sie es unterlassen, ihn bei den ״Haderwassern“ vor den Augen des Volkes ״zu heiligen“, giebt gewissermassen hierfür eine Erklärung. Der Herr rechnete es ihnen als eine schwere, durch nichts zu sühnende Unterlassungssünde an, dass sie die sich ihnen darbietende Gelegenheit, das immer wankelmütiger gewordene Volk, dessen Vertrauen zu Gott und dessen Glauben an ihn noch in geringem Maasse gefestigt wareu, durch neue Beweise seiner unbegreiflichen Allmacht, Allweisheit und Allgüte zur Ueberzeugung von der Heiligkeit seines göttlichen Wohlthäters zu führen und die Erkenntnis bei den Wankelmütigen zu begründen, dass der Herr allein in göttliche Weihe gehüllt sei, die za zerstören ein sträfliches Unterfangen wäre. — Gott nennt aber auch sein Volk Israel, ein ״Am kadosch“, ״ עם קדושein heiliges Volk.“ Hier hat das Wort kadosch offenbar eine ganz andere Bedeutung. Denn sobald es auf Wesen und Gegenstände ausser Gott Anwendung findet, muss ihm ein ganz anderer Sinn beigemessen werden. Den schlagendsten Beweis hierfür liefert die Thatsaehe, dass wir für das Wort kadosch, auf Gott angewendet, vergebens in der Schrift nach einem gegenteiligen Begriff suchen, während wir für dasselbe Wort, auf Wesen und Gegenstände ausser Gott angewendet, mehrere solcher gegenteiliger Begriffe antreffen, wie später gezeigt werdeu soll. Es liegt diese Thatsaehe in der Natur der Sache begründet, da wir das höchstvollkommene Wesen dem Zustande der Heiligkeit entrückt uns niemals vorstellen sollen und können. Eine solche Vorstellung wäre süudhaft, weil Blasphemie. Die Schrift konnte daher für eine nicht vorhandene Vorstellung einen Begriff nicht darbieten.

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