Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 37. (8.9.1893)
- Date
- 1893-09-08
- Page
- Seite 145 (sequence 3)
- Language
- German
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145 — Kunde des Hebräischen besitzt, und Synagoge und Gebetbuch sind doch in erster Reihe für die Betenden da. Frau Remy weist auf die Einrichtung der katholischen Kirche hin, die die Gotteshäuser während des ganzen Tages den Betenden offen hält. Nun Rf. weiss aus eigener Erfahrung von viel besseren Einrichtungen des Judenthums, nicht der Tempel, aber das ״Bet hamidrasch“, das Lehrhaus, war während des ganzen Tages geöffnet; während der Winterszeit waren die Räume schon um drei Uhr Morgens erwärmt und erleuchtet. Bücher zum Studium gab es in Menge, so dass z. B. ein Gymnasiast, der den Tag über mit weltlicher Wissenschaft sich beschiiftigte, den frühen Morgen oder den späten Abend für diese religiösen Studien verwenden konnte, ohne seine Angehörigen in der Ruhe zu stören; am Morgen, am Mittag, am Abend gab es Vorträge für jedes Bedürfniss, für die talmudisch Geschulten, für die nur in der Bibel Bewanderten und für die grosse Menge, die weder von der Bibel, noch vom Talmud viel wusste, aber erbaut sein wollte, und immer noch blieben Räume den Privatstudien Vorbehalten. Nirgendwo in der Welt giebt es eine solche liberale auf Tag und Nacht sich erstreckende Benutzung öffentlicher Bibliotheken als in den altjüdischen Gemeinden ermöglicht wurde. Damit ist es nun an den meisten Orten vorüber, aber wir halten die Anregung der Frau Remy, die Synagogen den ganzen Tag hindurch den Betenden offen zu halten für sehr beaclitenswerth. Frau Remy ist eine Frau von einer Vorurtheilslosigkeit, von einer Freiheit der Anschauung, wie sie selten zu finden sind. Ihr Buch ist ein leuchtendes Zeugniss für das lautere Gold unseres Glaubens. Es könnte keinem deutschen .luden, er gehöre nun zur kleinen Schaar der Wissenden oder zu de)׳ leider übergrossen Schaar der Unwissenden, etwas schaden, das Buch zu lesen. Was das letzte Kapitel, das dreizehnte, ״ein Blick in christliche Gebetbücher“ anbetrifft, so halten wir in diesem speciellen Falle die Zahl dreizehn für eine Unglückszahl; die zwölf Kapitel hätten uns besser gefallen ohne das dreizehnte. Israel ist nicht verwaist, so lange solch selbstlose, warme, edle und verständige Menschen die Herolde unseres Glaubens sind. Die Verfasserin begehrt sicherlieh keinen anderen Dank, als dass ihr Werk weithin unter Juden und Nichtjuden Ehrfurcht und Begeisterung für die altjüdischen Traditionen wecke. B. R. Eine alte Synagogenordnung. Von Kabbiner l)r. G 01!1 f a h n. III. Die Parascliijoth .Seliekalim und Sacher; Piska Dirschu. Gegen meine Behauptung1), dass, wo die Be neun u n g eines Buches oder eines Abschnittes einem Ausdrucke oder einem Worte des fraglichen Buches oder Abschnittes entnommen sei, die fraglichen Benennungen und die Stichworte sich genau decken müssen, wendet Herr Dr. Pli. Kroner־) ein, dass demnach Paraschath Schekalim eigentlich ״Paraschat Schekel“ heissen müsse11). Herr Dr. K. scheint demnach der Ansicht zu 1) Inuieineni Artikel :שגת הנדול im ״Ltbl.“ Jahrg. 188öS. 157a. sl In «einen ..Itandbemerkuugen“ a. a. 0. יי) Sollte wohl richtiger "1השדר“ heissen; denu die Form ״Sptr“ kommt in dem fraglichen Abschnitte gar nicht vor Herr Dr. K. Iiiitte sogar einwenden können, es sollte heissen: .,8פרשת מחצית השק“, vgl. hierüber Kachiuauides a, 1. und Jomtobh Lipiuau Heller in den Toss.iphoth zur Mischna, Schekalim 1, (j. Eine Erwiderung auf die Kandbemerkungen Dr. K.:s kouute ich seiner Zeit, durch Familienumstände verhindert, erst einige Monate nachher für den darauftolgemlen Jahrgaug einscadeu; dieselbe ist aber nicht veröffentlicht worden. sein, dass man stets von Alters her mit /״Paraschat Schekalim“ den Bibelabschnitt 2. Buch Mosis Kap. 30 Vers 11—16 bezeichnet habe, dass diesbezüglich nie eine Meinungsverschiedenheit geherrscht habe; dass am Schabbath Paraschath Schekalim von vomherein immer nur der bezeichnete Bibelabschnitt verlesen worden war, wie dies jetzt noch bei uns synagogaler Brauch sei. Wenn dem so ist, so kennt Herr Dr. K. nicht die Geschichte der Einsetzung und Entwickelung des ״Sabbath Paraschat Schekalim“. Die Bezeichnung ״Paraschat Schekalim׳‘ findet sich zu allereist in der Mischna, Mgilla III, 4, in der die Perikopenorduung für die in den Monat ״Adar“ (bezw. Weadar) fallenden Sabbate resp. für den unmittelbar vor oder unmitteibar nach Adar fallenden Sabbat, für die ״arba Parascliijoth“ enthalten ist. Die Einsetzung des ״Sch. P. Sch.“ ist jedoch sehr alt, um drittehalb Jahrhunderte älter als die letzte Redaktion der Mischna; die Einsetzung des Sch. P. Sch reicht zurück in die Mitte des zweiten Jahrhunderts vor der Zer- Störung Jer 11 salem5, in die Zeit der Reorganisation des pharisäischen Synhedriums durch Simon ben Schetach und Juda ben Tabbai4). Im Gesetze Mosis ist keine bestimmte Tempelsteuer vorgeschrieben. Drei Mal des Jahres, an den drei Wohlfahrtsfesten, müssen alle Männliehen vor Gott im Tempel erscheinen mit irgend einer Opfergabe, ein jeder nach den Verhältnissen seines Ver• mögens■*). Diese Gaben erhielten die Priester, welche für die Bedürfnisse des Altars und die Instandhaltung des Tempels Sorge tragen mussten'׳). Als aber unter der Missherrschaft der Königin Athalia, der götzendienerischen Schwester Achabs, der fanatischen Anhängerin des Baal- Kultus, der Besuch des Tempels vernachlässigt und das Einkommen der Priester sehr geschmälert worden war, hatten dis Priester die Tempelabgaben zur Bestreitung ihrer eigenen Bedürfnisse verwendet und um die Scliäden und Risse am Tempelgebäude sich nicht gekümmert7). König Joasch, der Nachfolger Athalia’s, beliess es anfangs dabei, dass die Priester sämmtliche Tempelabgaben an sich nahmen, verlangte aber auch, dass die Priester die Risse und Schäden am Tempel ausbessern lassen sollen. Nachdem aber im 23. Regierungsjahre des Joasch die Tempelrisse noch immer nicht ausgebessert worden waren, beschränkte Joasch die Priester auf ihre Pflichtantheile und bestimmte die sonstigen zumeist freiwilligen1׳) Tempelabgaben zum Bau- und Instandhaitungsfonds des Tempels. Darein fügten sich die Priester gutwillig; denn nachdem der grössere Teil des Volkes noch immer nicht von dem Höhendienste lassen konnte, war die Zahl ihrer ״Verehrer“״} und ״Bekenner“ wohl nicht überaus gross, weshalb sie (die Priester) lieber auf das Einkommen verzichtet, als dass sie eine Verpflichtung übernommen hätten, der sie in Ermangelung der nüligeu Mittel nicht Genüge leisten können würden. Jojada, der Hohepriester, stellte neben den Altar einen Geldkasten, in dessen Tliüre er, der Hohediiester, ein Loch gebohrt hatte, damit die Priester eines Jeden Tempelabgabe dort hineinwerfen sollen. So lautet *) Grätz, Geschichte 1112 S. 118 11. ‘) 5. M. lti, lii—17; 2. M. 23, 15-1«; :14. 20-23. “) 2. Könige 12, 5- 7. ׳) Davon, •lass Athalia und ihre Anhänger den Moriatempel be• schädigt und die Teiupelgelder au sich gerissen, stellt iiu Huche der Könige‘• nichts Das Volk folgte wahrscheinlich dem Beispiele der Königin und ihrer Anhänger dienten dem Baal und veruachlässigteu den Moriatempel. Dafür spricht auch der Umstand, dass mau das Königskind Joasch iiu Tempel sechs Jahre laug verborgen halten konnte. *) vgl. Grätz, Gesell. Ila S. GO Ainn, 1. *) 2. Könige 12, 0; 8: מכרינש.