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Das jüdische Literaturblatt · 1893-09-01 · N° 36. (1.9.1893) · p. Seite 141

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 36. (1.9.1893)
Date
1893-09-01
Page
Seite 141 (sequence 3)
Language
German
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141 — und weist nach, dass manche Ideen zum Vorschein treten, die teils mit denen in der Bibel indentisch sind, teils aber auch das gerade Gegenteil ausdrücken. Wir lassen hier einige Beispiele folgen. Bekanntlich findet man die Ansicht in der griechischen Literatur häufig ausgedrückt, dass die Götter auf das Glück, oder gar die Unsterblichkeit gewisser menschlichen Heroen im höchsten Grade neidisch und eifersüchtig sind. Nun, obsclion der Hebräer des Altertums weniger Gottes Neid und Eifersucht als vielmehr dessen Zorn fürchtete, so finden sich dennoch einige Stellen in der Bibel, wo Ideen in Betreff solcher Gemütsstimmungen Gottes vorkommen, die mit den griechischen einige Aehnlichkeit haben. Dies ist namentlich aus der Erzählung des Sündenfalls im Paradiese und des Turmbaus zu Babel in den ersten Kapiteln der Genesis ersichtlich, wo Gott dargestellt wird, als fürchtete er, der Mensch könnte durch den Genuss der Frucht vom Baume des Lebens unsterblich, ja göttlich werden. Adam wurde daher aus dem Paradiese vertrieben, und der Turmbau zu Babel in einer späteren Periode durch das Dazwischentreten Gottes unterbrochen, und dies Alles geschah, um den Menschen zu verhindern, das Höchste zu erreichen. (Vergl. Gen. XI. 6). Eine frappante Aehnlichkeit nach derselben Richtung hin, meint der Verf., finde siqh im Ausspruche des Diog. Laertius (I. 3. 2) über Zeus mit einem Vers in den Psalmen (75. 8.) Jener lautet: xa pev uijirjXä xaravöv xa St xarcetvä G’jjwv, und in letzterem heisst es: ״Gott ist ein Richter, den Einen macht er niedrig, den Andern erhebt er.“ Als interessanten Gegensatz im Charakter der alten Griechen und der alten Hebräer führt Mr. M. folgenden Umstand an. Die Griechen, sagt er, seien, trotz ihrer scheinbaren Lebenslustigkeit, stets ernster und melancholischer gewesen als die Hebräer, und zwar aus dem Grunde, weil diese öfters von ihren geistigen Führern ermahnt und angewiesen wurden, hoffnungsvoll in die dunkle Zukunft zu blicken, selbst wenn sie, von den grössten Gefahren umgeben und von allerhand Leid und Trübsal heimgesucht waren. Der zweite gediegene Aufsatz ist ״The Emperor Julian and the Jews“ betitelt und hat Rev. Mr. Michael Adler zum Verfasser. <)bschon dieser Kaiser im ganzen kaum zwei Jahre regierte, so ist er dennoch eine der interessantesten Persönlichkeiten, die in den Annalen der Geschichte der Juden zu finden sind, denn er war einer der wenigen römischen Herrscher, die letztem gegenüber eine überaus freundliche Gesinnung durch Wort und That an den Tag legten. In einem seiner Briefe drückt der Kaiser Julian seine Ansicht über das Zusammenleben seiner verschiedenartigen Untertanen in den Worten aus: ״Ihr seid Alle Brüder untereinander; Gott ist unser gemeinsamer Vater“, Worte, die lebhaft an Malachi (II, 10) erinnern: ״Haben wir nicht Alle einen Vater und hat nicht ein Gott uns Alle geschaffen?“ Ueber Kaiser Julians Plan, den Tempel in Jerusalem wieder aufbauen zu lassen, ist von Seiten jiid. und christlicher Gelehrten recht viel pro und contra geschrieben worden. Der selige Prof. Graetz meinte, dass ein Versuch nach der besagten Richtung hin wirklieh gemacht worden sei, unser Verf. aber behauptet, dass der fragliche Plan wohl existiert habe, dass es jedoch zum wirklichen Bau niemals gekommen sei. Im Grossen und Ganzen zeigt die Arbeit viel Fleiss und grosse Belesenheit seitens des Mr. A. und verdient sie mit Aufmerksamkeit gelesen zu werden. Unter denen, die in der vorliegenden Review literarische und kritische Notizen liefern, finden sich auch die alten bewährten und gelehrten Mitarbeiter Neubauer und Bacher, von denen man ifamer Neues hören und lernen kann. Belfast, August. Dr. Chotzner. Fischer Dr. Bernhard, Talmud und Schulchan Aruch. Selbstverlag Leipzig. Annenstrasse 43. Dieser ״Vortrag für den Leipziger Antisemitenverein“ steht hinter vielen anderen ähnlichen Schriften insofern im Nachteil, als er etwas zu schwerfällig geschrieben ist, um populär wirken zu können, hat aber den Vorteil, von wissenschaftlichem gediegenem Werte zu sein und deshalb einen dauernden Platz im Gedächtnis der Gebildeten beanspruchen zu dürfen. Es ist aber anch kein ״Vortrag“ im gewöhnlichen Sinne — und der Verfasser giebt mit dieser Bezeichnung seinem geistigen Kinde eine zu bescheidene Empfehlang für die Reise in die Welt mit —, sondern es ist eine Studie, welche, anstatt aus literarischen Quellen allein zu schöpfen, auf bittern Erlebnissen fusset. Diese Erfahrungen haben aber, mit Recht zwar, einen scharfen Stachel in der Brust des Verfassers zurückgelassen; Erbitterung hat seine Feder geführt und dieser Umstand wird leider seine Beweiskraft in den Augen seiner Gegner und vielleicht in dem Urteil seiner Freunde beeinträchtigen. Die Unbill, die er erfahren, trifft die Gesamtheit und hat Wenige verschont, die jüdische Nase ist heute ein ebenso ausgeprägtes Privilegium für den kleinsten Gassenjungen, den Juden — ohne Unterschied des Altes, der Stellung und des Bildungsgrades — zu beschimpfen, wie der gelbe Stern vor einem Jahrhundert, Ja, Verfasser kann es sich sogar nicht einmal versagen, in seiner Erregung uns aller Menschenpflichten gegen einen Antisemiten zu entbinden, so z. B. in den Worten.״hast du aber die Gewissheit, dass er ein Antisemit ist, dann hüte dich, ihm beizustehen, und wenn der Teufel ihn zerzaust und er unter Höllenquälen in die Hölle fährt und dir das Herz über seinen Zustand bricht, sondern lass den Teufel, was dem Teufel gehört, lass zur Hölle fahren, was ihr entsprungen“. Dieser so wenig stylgerechte Satz ist mit den Religionsgesetzen des Judentums nicht in Einklang zu bringen und wir müssen diesen ״Schulchan aruch des Verfassers“ verwerfen; ebensowenig können wir seine Uebersetzung von Akum mit Christ unterschreiben, denn diese Auffassung ist entschieden falsch und nur dem Bestreben des Verfassers entsprungen, den Hass der modernen Antisemiten selbst bei Voraussetzung der Richtigkeit ihrer Anklagen, als unhaltbar, grundlos und ungerecht hinzustellen. Wie aber, wenn die Hetzer das Büchlein lesen und wie gewöhnlich nur zu dem Zwecke, um jedes unbedachte Wort für ihre Zwecke zu benutzen? Dann käme die Reue des Verfassers zu spät. Dass der Verfasser auch sonst von der Defensive zum Angriff übergeht, ist sein gutes Recht, und seine Offensivmittel zeigen seine nicht alltägliche Gelehrsamkeit; ob aber in heutiger Zeit dieses Auf-die-Spitzetreiben der Abwehr klug ist, muss bezweifelt werden. Die Umwandlung des Hep-liep in ,,lieb-lieb“, mag nur ein Druckfehler und die 1878 von Marr verfassten Schriften hiessen ״der Sieg des Judentums über das Germanentum“ und ״Vae victis“, nicht aber ,.das verjüdelte Deutschland“. Es bleibt aber der kräftigen und gesunden Nahrung noch so viel in dem Buche, dass die Anschaffung desselben Niemand bereuen und dem Leser desselben sehr viel Belehrung zuführen wird. Dr. Siuger-Cotleuz.

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