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Das jüdische Literaturblatt · 1893-09-01 · N° 36. (1.9.1893) · p. Seite 140

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 36. (1.9.1893)
Date
1893-09-01
Page
Seite 140 (sequence 2)
Language
German
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— 140 — Bis zum .Jahre 1225 wurde AbraJiam von Glücke begünstigt. Wir begegnen ihm unterdessen öfter unter dem sonderbaren Namen Finch, was aber jedenfalls eine Abkürzung für פיגהב (Pinchas) ist und wahrscheiucicli liiess er אבדה:! ב׳ר פינהב. Im Jahre 1225 brach ein trauriges Verhängnis über die Juden Wincliester’s herein.. Benedict mit dem Barte und sein Schwiegersohn Samuel wurden beschuldigt, einen Christen ermordet zu haben, an welchem Verbrechen Abraham Pinch und andere beteiligt gewesen sein sollten. Die Hauptangeklagten, obschon schuldlos, retteten sich durch die Flucht; wesshalb hätten sie auch bleiben sollen, um sicli unschuldig verurteilen zu lassen? Die der Teilnahme beschuldigten wurden behufs Verhörs arretirt und zur Sicherheit in den ״Judenturm“ geworfen. Ihr Vermögen und ihre Geschäftsbücher wurden von der Krone mit Beschlag belegt und sollten contiscirt werden, wenn die Eigentümor strafbar befunden würden. Glücklicher Weise wurden sie von der Teilnahme an dem Verbrechen, wenn ein solches überhaupt begangen worden sein sollte, freigesprochen. Die Acten bewahren noch die Namen sowohl der jüdischen als der christlichen Mitglieder der Jury, welche an denVerhandlungen teilnalmien, die jüdischen Mitglieder waren die leitenden Glieder der Gemeinde zu Winchester und zwar: Lumbard, Deulebenya, Deusaia, Deulegard. Salomon aus Beverley, Milo aus Canterbury, Hamekin, Sohn des C'hera, Ursell, Jacob aus Canterburv, Aaron aus (!olchester, Simon, Sohn des Lumbard und Josce aus Wilton. Ich zweifle, ob man in irgend einer Stadt Englands auch nur ein Minjan aus dem vorigen Jahrhunderts wird aufzählen können, während wir hier in Winchester ein volles Dutzend Glaubensgenossen aus dem Jahre 1225 nahmhaft aufgeführt sehen. Mit Einschluss von Abraham Pinch und den übrigen Angeklagten, nämlich Samarias, Sohn des Lumbard, und Elias und Abraham, Sühnen des Chera, haben wir liier die 1(5 leitenden Persönlichkeiten, deren Händen das Heil der Juden Winchesters vor 668 Jahren anvertraut war. Pinch aus Wilton war dieses Mal der Gefahr entgangen, jedoch der neidische Blick Königs 11 i c h a 1• d III. blieb fortwährend auf ihn gerichtet. Dieser hoffte und erwartete nur, dassPinchdie Ungnade des Königs auf sich ziehen würde,damit dieserdessen angesammelte Reichtiimer in den Staatsschatz könne fliesen lassen. Das Schicksal ereilte ihn auch im Jahre 1235 entweder in Verbindüng mit der vor 10 Jahren gegen ihn erhobenen Beschuldigung der Teilnahme an dem Morde eines Christen, oder mit der neuerdings erdichteten Fabel von der Kreuzigung eines Christenkindes. Adralmm Finch machte wiederholt die Bekanntschaft mit den diistern Mauern des Judenturnies, in welchen er zur Vemehmung wegen Begehung eines Capital Verbrechens geworfen wurde. Seine Verurteilung war im Voraus beschlossen. Das Urteil lautete auf Tod durch den Strang und weder die Bitten seiner Frau und Familie, noch die Fürspräche seiner Freunde, noch das Gesuch seiner Gemeinde konnte den grausamen Sinn des Monarchen beugen. Jammer und Wehgeschrei wurden unter den Juden laut und ihr Flehen um die königliche Gnade blieb unerhört. ״Pinch muss an den Galgen!“ lautete die wiederholte Antwort. — ״So gestatte denn, dass wir seinen Leichnam nach unsern heiligen Gesetze begraben!“ schrien die Petenten und die jammernde Familie. — ״Nein!“ donnerte der König, ,.er soll in seinem eigenen Gehöft vor der Schul’ gehängt werden und dort könnt ihr ihn begraben!“ Die Gemeinde musste es sich gefallen lassen und der Leichnam des unglücklichen Abraharn musste in ungeweihtem Boden unter dem Galgen ruhen. Nach Abrahams Tode fielen seine Geschäftsbücher, Mo- und Immobilien, sowie all sein Hab und Gut in die Hände des Königs. Alles wurde zu Gelde gemacht, um die Raubgier des Königs zu befriedigen. Die jüdische Gemeinde zu Winchester petitionirte um die Erhaltung der Pinch-Synagoge und diese Bitte wurde ihr denn auch gewährt. Die anstossenden Grundstücke wurden Adam, dem königlichen Salter (Salzhändler oder Verkäufer eingepückelter Esswaren), als Entschädigung übergeben und wurden nach dem Rechte der Gütereinziehung sein Eigentum. Die Synagoge selbst blieb zum Glück unangetastet, musste aber an Adam, den neuen Besitzer, eine Jahresrente zahlen. Wir hören nichts Weiteres von diesem Ehrenmanne aus Winchester. Ein Dokument meldete gelegentlich, dass der König auf diese und jene Weise dem ״Pinch suspensus“ seine ihm aufgeladene Schuld vergibt und hiermit schwindet Abraham aus der Erinnerung. Seine Wittwe blieb, versunken in Schmerz über sein schreckliebes Loos in Winchester und wir hören von ihr nur noch ein Mal, nämlich als sie sich bei dem Scheriff der Grafschaft um die Erlaubnis bewarb, einige ihr gehörige Kleidungsstücke behalten zu dürfen. Diese waren der Vontiscation entgangen, durch welche sie ihres gerechte« und rechtmässigen Vermögens beraubt worden war. Recensionen. The Jewigh Qsarterly Review1, edited by J. Abraham und C. G. Montefiore, Vol. V. No. 26. London, D. Nutt. Die Zahl der in der vorliegenden Review enthaltenen literarischen Beiträge ist ausnahmsweise kleiner als wir sie sonst darin vorzufluden gewöhnt sind, doch entschädigt uns hier die Qualtität für die massige Quantität der Artikel .Das piece de resistance darin ist diesmal eine höchst interessante wissenschaftliche Abhandlung von Mr. U. G. Montefiore, die zur Aufschrift hat: ״Hebrewand Greek ideas of Providence and Retribution“ (Die hebräischen und griechischen Ideen hinsichtlich der Vorsehung und der Vergeltung). Aus dieser Aufschrift kann man sofort ersehen, dass der Verfasser ein Thema behandelt, dem bisher nur wenig Aufuierksamkeit von Seiten der gelehrten Welt zugewendet worden ist, obsclion dasselbe ein weites Feld für nutzreiche literarische Untersuchungen bietet. Mr. M. beschränkt sich in dieser Arbeit auf die biblische Periode, indem er nur solche Vergleiche zwischen hebr. und griechischen Ideen in Betreff gewisser religiöser Ansichten und Anschaumigen anstellt, die innerhalb dieser Zeitepoche in den beiden Literaturen vorherrschend waren. Aber er weist zugleich auch auf das vorhandene reiche Material hin, das mit Nutzen und Vorteil behandelt werden könnte, wenn auch die talmudische und mittelalterliche Zeitepoche ins Bereich der Untersuchung gezogen werden würde. Spuren von einer beabsichtigten liter. Thätigkeit auf diesem Gebiete, sagt der Verfasser, finden sich bereits in den nachgelassen enuugedruckten Handschriften des seligen Emanuel 1) e u t s c h, worin derselbe seinen einstigen Studiengang kurz berührt und dabei bemerkt: ״Als ich reifer an Jahren wurde, da standen in meinem Bücherschrank die Werke Homers und Virgil's mit der Mischnah und dem Midrasch gemeiniglich zusammen.“ Kommen wir nun auf den betreffenden Artikel zurück, so führt uns darin der Verfasser durch einen grossen Teil des klassischen Gebiets der alten Griechen

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