Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 36. (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- Seite 142 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 142 — Prague H. Annuaiie des Archives israelites pour Tan 5654. Paris, bureau des Arcliives. Der in literarischen Kreisen wohlbekannte Verfasset־ hat auch in diesem Jahre dem jüdischen Publikum in der Herausgabe seines Kalenders eine schöne Gabe gereicht. Derselbe enthält in prägnanter Kürze eine Zusammenstellung der Verhältnisse der Israeliten aller Länder, als literarische Beilage eine aus den Archiven der Bastille entnommene Geschichte: ״Gudchau und die Herzogin von Orleans“ (1752—1785),die indessund besonders in jetziger Zeit nicht nach unserem Geschmacke ist,, da der Held derselben ein abgefeimter Gauner ist. Der Ehrentafel entnehmen wir die freudige Thatsache, dass unsere westlichen Glaubensbrüder auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, in der Verwaltung und in der Rechtspflege, bei der Armee, in der Kunst. Wissenschaft, im Handel und in der Industrie sich ausgezeichnet und die entsprechenden Belohnungen erhalten haben. Schöner können die antisemitischen Hetzereien eines Drummont und Consorten nicht Lügen gestraft werden, als durch solche erfreuliche Thatsachen. Ferner enthält der Kalender aus der Feder Leon Kalin's ,.die Juden von Paris während der Revolution 1793“ und von Ben Mosche eine kleine Skizze über die jüdisehen Namen, die indess dem Kenner grösstenteils aus Zunz’ Schriften ״Namen der Juden“ bekannt ist. Es folgt hierauf das Preisverzeichnis der Hochzeiten, die Beerdigungen, des Gebrauches des rituellen Bades: eine Hochzeit in der Synagoge der nie de la Victoire kostet liors classe 4000 Franken, ein Begräbnis erster Klasse 400 Franken; wenn man bedenkt, dass in Frankreich die Zahlung der Knltussteuer nicht existiert, so sind diese Preise nicht zu hoch gegriffen. Wie in den früheren Ausgaben enthält auch die vorliegende das Verzeichnis der (’onsistorien. der Rabbiner. Vorsänger und Vorsteher der Gemeinden Frankreichs. Belgiens. Elsass-Lothringens und dev Scliwiiz, sowie die Institutionen der Pariser Gemeinde, die dieser ״Mutter in Israel“ wahrhaft würdig sind. Der Kalender wird ohne Zweifel allen Franzosen jüdischen Glaubens vorzügliche Dienste leisten. B. Literarische Notizen. 1. Zur Geschichte von Joseph mol <lcn sieben .lallten tler Hungersnot. l>er berühmte Aegyptnloge Heinrich Brttgsch brachte in der Y״ss. Ztg."1 einige bemerkenswert« Funde aus dem Koran, aus persischen die Gesrhichte Jiu-ophs und der Frau l’otiphar darstellenden Wandgemälden und ägyptischen Denkmal• rinschriften zur öffentlichen Kenntnis. Auf der umfangreichen Inschrift eitles neun Fttss hohen Felsldorkes der zwischen Svene und Elephantine liegenden iusel Sehcl wird von dem aegyptisrheu König übereinstimmend mit dem hihlischen Berichte über Mebenjährige Hungers- 110t geklagt. ״Es ist in Trauer versenkt meine Seele”, heisst es dort, ״wegen des übergrossen Unglücks, darum weil die Nilflut in meiner liegiorimgszeit sieben Jahre lang nicht eingetreten ist. Es herrscht Mangel an Getreide, es ftlileu die Kräuter unb es ist eine beere an allem, was zur Speise dient. Jedermann wird zu einem Itüuber an seinem Nächsten.“ Weiter erfahren wir, dass dev König sielt nach den vermeintlichen ()nelllüchern des Xiles im Kataraktenhtiide am den Brief des Statthalters Madiri von Kleplianfine hin hegiebt und dem Schutzgott des Flusses, Chnubis, zu Ehren einen Zehnten aussehreibt. Das davon bandelnde, auf dem besagteil Stein eingemeisselte Dekret mm ist von Hrugsch chronologisch bestimmt mtd mit der Genesiserzäblnng verglichen worden, zu der es .■ine merkwürdige Parallele bildet. 1. Die Kteiubriichc König Salomo s. Ganz Jerusalem ist bekanntlielt von gigantischen Felsbauten umrahmt und die Stadt selbst auf eilt solches Febplateau gelagert. Auch der Tempel Salomos stand auf einem solchen Riesen felsblock. Von dem berücken Prachtbau, der im Laufe der Zeit dreimal der Zerstörung anlieimfiel, ist jetzt nichts mehr vorhanden Wohl aber sind uoeb die Steinbrüche nachweisbar, aus denen die für den Bau notwendigen gewaltigen *) Sonntagsbeilage Nr. ,‘>(1 und öl. Dezember 1890 Quadern entnommen wurden. Sie befinden sich in einer 500 englische Fuss holten Höhle, die sich innerhalb jenes Steinblockes unter dem einst bebauten Boden in südlicher Richtnng bis zum Saiomotempel hinzieht. Ein kleiner, kaum bemerkbarer, verschütteter, halbvermauerter unscheinbarer Eingang, hart an der Stadtmauer, östlich vom Damaskusthor gegenüber der Jeremiasgrotte befindlich, führt noch heute zu dieser weiten geräumigen, auserordentlich unregelmässig gestalteten Unterwelt Anfänglich geht man gebückt in der stillen schauerliehen Tiefe, bald aber erweitert sich die Höhle und wölbt sich hoch über unsere Häupter. Das diese Riesenhöhle wirklich als Steinbrnch benutzt wurde, beweisen zahlreiche abgeschlagere Steinsplitter, die den Boden bedecken, ferner vollständig bearbeitete Steinblöcke und halb ansgehanene Steine vnn 1 bis 2 Mtr. Höhe. 1 Mtr. Breite und '.׳« bis 1 Mtr. Dicke, die am Kernfelsen sitzen, Steine wie man sie in der alten salomonischen Tentpelmauer and am Reste der Grundlage des Turmes noch häufig findet, endlich auch die überall an den Ecken heranstretendeu ausgehauenen Nischen, wo die Lampen der Steinbrecher und Steinhaner standen, da oberhalb derselben der Felseu vom Rauche geschwärzt ist. Noch sei bemerkt, dass man gegen Süden in dtr oberen Wölbung der Höhle Oeffnungen findet, welche jedoch jetzt bei Jerusalems mehrfachen Zerstörungen verschüttet sind. Durch diese Oeffmtrgen wurden die behauenen Steine wahrscheinlich zntu Tempelbau emporgezogen und ans Tageslicht befördert. 3. Die Zwiebel. Ln dem Lande, dessen Geschichte am früh - esten ftir uns durch schriftliche Denkmäler gesichert ist, in Aesypteil, finden wir die Zwiebel als wetentliclien Bestandteil der Volkslialirttng. Nicht nur die Bibel, die uns den mehrere Jahrhunderte währenden Aufenthalt der Israeliten in Aegypten erzählt, sondern auch die Inschriften auf den Pyramiden und den unterirdischen Gräbern lassen keilten Zweifel datübir bestehen, dass sie ein gewohnliches Nahrungsmittel gewesen ist. Fis gielo. hierfür wohl keilten bessern Beweis als die int zweiten Bit! 11c des Herodot erwähnte Thatsache. dass für Rettig, Zwiebeln und Knoblauch an die Arbeiter bei der Pyramide des Cheops, dev grössten der drei Pyramiden von Gizeli, nicht, weniger als lbOO Talente Silbers, d. i. über (> Millio! en .Mark veiausgabt wurdet. Wer weiss ferner nicht aus der israelitischen Geschichte, dass das aus arger Bedrückung heimkehrende Volk bei seinem vierzigjährigen Aufenthalt, in der Wüste, als es von Hunger geplagt wird und die Stunde verwünscht, wo es Moses gefolgt ist, sich znrjukselmt nicht nur zu der Fleischlialirmig in Aegypten, dem Lande der Kncchtscbatt, sondern auch nach dem Lauch, den Zwiebeln und dem Knoblauch des Landes 14. .Mos. 11, ä)ץ Im Tbale des Nils genoss die Zwiebel sogar eine gewisse Verehrungdie Bewohner dis Landes schwuren unter A11rutuug ilner Liebliiigsgewächse, der Zwiebel und des Knoblauchs; der Priester durfri' sie dagegen nicht ainühren. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Israeliten auch in dem nach langer Knechtschaft wiedereroberten Lande Zwiebeln gebaut und gegessen haben. Der Anbau der Zwiebelgewächse erfolgte namentlich im Südwesteii UaliistinaV. dort liegt die Stadt Askalon, von her eine bekannte Zwiebel (allittm ascalonicttm) ihren Namen erhalten hat. Es ist dieselbe, welche wir heute Schalotte nennen (französisch Tcchalotte. — Und weiter nach Oeten hin war namentlich auch im Reiche der P e r s e 1׳ die Zwiebel gar beliebt: es wird berichtet, dass inan für die persische Hofküche (für den König und das zahlreiche Hofgesinde), die überhaupt nicht wenig verbraucht haben muss, täglich ein Talent (SH Pfnndl Knoblauch und ein halb Talent Zwiebeln von der schärfsten Art bedurfte. ((eben wir vom Orient zum Occident herüber, so 11 at auch der Süden unseres Erdteiles, die griechische und italienische Halbinsel, schon in der allerältesten Zeit Zwiebeln zu seiner Nahrung gewählt. In den homerischen Gesängen, dttr lliade wie der Odyssee, werden Zwiebeln bereits als eilte Speise genannt, die man isst, um den Durst zu erwecken (״tnmkeinladeiide Zwiebeln“) Aus dem Morgenlaude wahrscheinlich durch Kreuzfahrer im Mittelalter eingeführt, hat sie die bemerkenswerte Eigenschaft, dass sie bei uns nur sehr selten blüht, weshalb sie mir durch die Früchte selbst, nicht durch Samen sich fortpflauzen lässt Ans dem spaslateiitischen ocpulla (stammverwandt mit dem hehr. Bozel) entstand das italienische cipolla lind aus diesem wieder unser Zwiebel, Zipolle, Bolle oder Zippel. Die Germanen mögen die Zwiebel aus Italien her kennen gelernt haben. I. aut erbt! cli, Sei lg. Minrhnh chudaschah 103 Seiten in Oktav. Die Pesachhagada (Text 11. ausführlicher Coinuientar) hehr. Verlag des Verfassers in Drohobycz. Der Autor ist auf den! Gebiete der hebräischen Literatur kein Neuling, er hat u. a. eine wertvolle Edition der Firke Aboth mit Coiumentar veranstaltet und trotzdem wir hunderte Ausgaben von Pesacbliagadoth besitzen ist diese Ausgabe durchaus nicht überflüssig. Herr Selig Lauterbach ist einer jener Männer, die nach schöner altjttdischer Sitte dem Kanfmanitsstande angehören, deren Müsse jedoch dem heiligen Schrifttum geweiht ist, und die jüdische Literatur hat dahtr allen Grund, dem Autor herzlichen Dank tür seine jüngste Gabe zu spenden. Veramwortl. Kedaeteur Dr. Rabiner .Magdeburg, Druck Friedrich Kasche & Co., Magdeburg. Verlag Rob. Friese, Leipzig