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Das jüdische Literaturblatt · 1893-08-25 · N° 35. (25.8.1893) · p. Seite 137

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 35. (25.8.1893)
Date
1893-08-25
Page
Seite 137 (sequence 3)
Language
German
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— 137 — wenn ein weniger verwöhnter Gesehmack sie za goutiren vermag, nun de gustibus non est disputandum. Diese Leckereien zu ״altersgrauen Observanzen“ zu stempeln, welche nach dem Orient und Palästina hin• wiesen, ist an sich bezeichnend, denn es zeigt das Bestreben, der jüdischen R e 1 i g i 0 n Lächerlichkeiten anzudichten, wofür nach der Taufe immerhin noch Zeit genug gewesen wäre und es sei hier nur bemerkt — was dem Verfasser unbekannt zu sein scheint — dass überhaupt die Vorschriften, welche mit der religiös •nationalen Gemeinschaft Zusammenhang hatten, nach dem Verluste der nationalen Selbstständigkeit nicht nur aus Notwendigkeit, sondern officiell aufgehoben wurden. Will der Verfasser etwa behaupten, dass gewisse Speisegebräuche, welche in bestimmten Gegenden oder bei manchen Religionsgenossenschaften üblich sind, sämmtlich religiösen Ursprungs sind? Als Norddeutscher wird ihm bekannt sein; dass in seiner Gegend Brauch ist, zu Weihnachten Mohnspeisen zu sich zu nehmen und am Sylvester Karpfen zu speisen; liegt darin irgend etwas Lächerliches? Dass der Sab• bath und die Festtage einzeln einer unqualifizirbaren Kritik unterworfen werden, versteht• sich bei der Ten- «lenz des Buches von selbst; selbst das Hüttenfest im Oktober oder September, als Dankfest für den Erntesegen, findet keine Gnade in seinen Augen, weil in Deutschland'die Getreideernte im August stattfindet — vom Neujahr- und Versöhnungsfest gar nicht zu reden, ein heiteres Versöhnungsfest wäre ihm lieber!! Dass die jungen Rabbiner neben den Talmud- Studien auch philosophische Vorlesungen an den Universitäten hören, ist ihm eine contradictio in adj., weil die Vereinigung von talmudischer Göttergelehrtheit mit abendländischer (sic!) Welt Weisheit zu Heuchelei führen müsse, denn die Rabbinen gemessen trotz ihrer modernen Bildung — horribile dictu! — von nicht rituell zubereiteten Speisen nichts, und — Folgendes soll kein Compliment sein — gleichen den Engeln bei Abraham, welche auch nichts gegessen haben. Nur Fische finden Gnade in den Magen der Rabbinen, als Stomachikon für den einst zu geniessenden Leviathan mit diversen Saucen, welche culinarischen Kenntnisse er Heine abschreibt Der Verfasser ist würdig dem Judentum den Rücken zu kehren, denn die altgerühmte Pietät desselben ist ihm jetzt schon abhanden gekommen, sein Eifer, seine eigene religiöse Vergangenheit zu verläugnen, machte weder bei seiner noch lebenden Mutter, noch auch bei seinem bereits verstorbenen Vater Halt, dessen Grabesruhe er stört, um deren Ammenmärchen über Leben und Schicksale Jesu zum Gaudium der Leser aut den Pranger zu heben! Wir bedauern die Christenheit um den Erwerb des Verfassers, welchen bei diesen Erzählungen die Flammenröte der Scham nicht versengte; bei alten Völkern wurde das Grab eines Kindes, das der Eltern spottete, mit Steinen ausgefüllt und eine Prophezeiung über ״das Auge dessen, der seinen Vater und seine Mutter verhöhnet“, findet sich Proverbia XXX, 17 verzeichnet. Der Raum gebietet uns, die weitere Beschäftigung mit diesem — weil aus der Feder eines nominellen Juden stammenden — unzeitgemässen Werke zu unterbrechen, vielleicht sprechen wir uns noch ausftthrlieber an anderer Stelle aus, wo die zahlreichen Irrtümer dieser Schrift ihre Beurteilung finden werden. Als ehrlicher Mann musste der Verfasser in bedrängter Zeit seine Religionsgenossen schützen, und wenn ihm dies widerstrebte, wenigstens eine günstigere Periode für seine Auslegungen, Erfindungen und abfälligen Urteile abwarten. Vielleicht hätte er mit Ruhe und Würde den Knoten, der ihn drückt und den er jetzt mit frevelnder Hand durchhaut, 1 ö s e n können; vielleicht wäre er mit Mut und Besonnenheit für das Judentum das geworden, was Egidy für seine Glaubensgenossen ist — wir gestehen, dass wir in Manchem einen solchen gebrauchen könnten. Allein, wie Egidy sich räuspert, wie er spuckt, hat Leszczynski ihm glücklich abgeguckt; im Uebrigen aber bietet er nichts Dauerndes und Brauchbares, denn schimpfen heisst nicht beweisen! Popper, Leopold M. Die Inschriften des alten Prager Judenfriedhofs, zum erstenmal vollständig entziffert Kultur-historisch und historisch bearbeitet. — 1. Heft Frankfurt a. M. Verlag von J. Kaufimann 1893. 42 Seiten in 8°. Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus — mit diesen sarkastischen Worten muss diese Schrift angezeigt werden. Obwohl des verewigten S. Hock Sammelwerk: ״Die Familien Prags“, herausgegeben von Prof. Dr. Kaufmann, sehr viel zu wünschen übrig lässt, nicht nur in Bezug auf Genauigkeit der Daten, sondern auch in Bezug auf die Unklarheit der Aussprache der Familiennamen und deren Erklärung, wie ich deren Bebandlung in meinem Jüdischen Centralblatt 1888 auseinandergesetzt habe, so darf Popper’s Schrift mit ihr gar nicht verglichen werden, da sie als vollständig verfehlt bezeichnet werden muss. Der Vater des Herausgebers dürfte wohl mit freudigem Bewusstsein es ausgesprochen haben, mehr als 10 000 Grabsteinschriften copiert und entziffert zu haben, doch zur Bearbeitung dieses Materials gehören bewährte Kräfte, die die Geschichte Böhmens und ganz besonders die der Juden in Böhmen beherrschen. Wie mir ein Vorstandsmitglied der Prager Chewra kadischa mitteilte, werden demnächst im Aufträge der Chewra sämtliche Inschriften des alten Prager Friedhofes in vollem Text nebst Erläuterungen von einer Commission sachkundiger Männer veröffentlicht werden, und das ist der allein richtige Weg zur Nutzbarmachung eines so reichen, auch in kultur-historischer Beziehung wertvollen Gebietes. Aus M. Popper’s Arbeit erfahren wir nichts von dem Alter dieses Friedhofes. Referent hat in Jakob W. Parcheles’ Kalender für 5649 nachgewiesen, dass der Friedhof nicht älter als 450 Jahre sei und wurde diese Arbeit auch in L. Geigers ״Zeitschrift für die Geschichte in Deutschland“ gewürdigt. (III. Band 1889 p. 98—99.) Warum bei den Handwerkern mit den Schneidern begonnen wurde, ist nicht recht begreiflich; von einer sogenannten wissenschaftlichen Arbeit erwarten wir entweder systematische oder eine alphabetische Anordnung, wenn man die Gleichheit des Handwerks anerkennen will. Der grösste Teil der Namen ist falsch gelesen; so liest man auf Seite 6 statt des richtigen Michel das Wort Mittel, statt Letsch, das aus Ledec zusammengezogen ist, hat Popper Litsch. Noch heute sieht man auf Grabinschriften in Ledec (Böhmen) die Buchstaben ליטש (Ausführliches in unserem Auftatze: Zur Geschichte der jüdischen Kultusgemeinde Ledetsch im ״Jüdischen Centralblatt“ 1888, p. 63-66). Seite 7 ist statt des romantischen Falknasch das einfache F a 1 k e n e s; statt M a r k 10 s richtiger Markeles (Prager Familiennamen auf eles, wie Pascheies, Fickeles, Teweles, sind ja dem gebürtigen Prager bekannt und geläufig) zu lesen; dass ״Herzka“ von Herz kommt, ist wohl richtig; ״Herz“ ist eine dialektische Nuance von Hirz und Hirz ist so viel wie Hirsch, wie ich dies im ״Israelitischen Literaturblatt“ 1891 ausführlich nachgewiesen habe. Ob der auf Seite 9 erwähnte Absatz, macher nicht ein Besatzmacher gewesen, wollen wir

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